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Die Gegenwart · 1870-10-07 · 41 (7.10.1870) · p. Seite 367

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
41 (7.10.1870)
Date
1870-10-07
Page
Seite 367 (sequence 3)
Language
German
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367 in welchem alljährlich durch eine Ueberschwemmung daS Leben tausender Menschen, wenn wir, die Juden mit Verlaub Se. Heiligkeit, so nennen dürfen, der größten Gefahr auSgesetzt ist. Doch das hat ja mit der Unfehlbarkeit nichts zu schaffen, wenn auch daS „sehr unglückliche Volk Israel" nicht durch einen Machtspruch aus dem Vatikan frei gesprochen wird. Wir machten allerdings den greifen Kirchenvater, für ein hartes Verfahren gegen die Juden nicht immer verantwortlich, weil wir Juden in der Brurthcilung anderer nicht grausam verfahren und den PeligionShaß nur auf daS Conto der „Frhlborkcil" der „hochwürdigftcn" Jesuiten schreiben, wir setzen cuch in die Milde des altersschwachen Kirchcnfürsten keinen Zweifel und nehmen als ein sehr „unglückliche- Volk" warmen Aitthril an der plötzlich veränderten Situation Sc. Hei' ligkeit des Papstes. Rur ein Volk, das eine von Knechtschaft und Truck getrübte Vergangenheit hinter sich hat, ist im Stande, die sensible Natur Sr. Heiligkeit ob der Verletzung seiner weltlichen Hcrrschllffzu begreifen, deren Stur; niemand anderer als die politischen Stürme, die über dirGrfildcEuropaS hinwegbrauscn und der Fortschritt verschuldet haben, der zur Vervollständigung eines geeinigten Königreiches Rom bedurfte, um eS als Krone auf das Haupt eines großen civilifatorischen Werkes zu setzen. In diesem ergreifenden Momente liegt der Abschluß einer keineswegs ruhmreichen Geschichte, mit ihm erschließt sich dem alten Rom eine neue Aera, mit dem Ein» zuge der italienischen Armee in Rom hält gleichzeitig die Freiheit ihren Einzug und daS von dem Könige Viktor Emanuel in Rom aufgepflanzte Banner trägt wie in allen Gauen seines Reiches „Gleichheit aller Religionen," die ein nationales Band umschlingt. So wie die Lust frei sein muß, in und von der die Menschen leben, so müssen diese vom Geiste der Humanität und Aufklärung beseelt, frei sein, auf daß alle Menschen ohne Unterschied der Religion die edelste Mission und geschlichtet; der dien stbare Sabbathgrist hat seine Pflicht grthan. Mit gefalteten Händen steht daS kleine Brüderchen an der Seite der tugendhaften Schwester, zwischen den schwachen Fingerchrn die Schaufäden seines BctlribchenS haltend, die den Rosenlippen dieses holden Mädchens entfahrenden, einzelnen Worte bedächtig nachsprechcnd: „Die Lehre, die unS Moses gegeben, ist rin Srbtheil des HauseS Jakob 1* Vater und Mutter, kommet her und gebt Euch hin den Freuden, die eine gottergebene und wohlerzogene Tochter Euch bereitet. „Wer ein Weib gefunden, hat Gute» gefunden;" doch wer Drin Herz gewinnt, hat Göttliches gewonnen. Fest sind die Pfeiler deS Hauses, daS du mitaufbauen, unerschütterlich die Stützen deS häuslichen Heerdes, besten Mitbegründerin Du sein wirst, „Tugend und Religion" ist ihr Rame. Geh Kleiner, Du hast Deine Pflicht gethan, nimm auch Thcil an dem einfachen Morgenmale. Schauet dort den stillen Denker, der in Nachforschungen über Text und Kommentar der heil. Schrift sich vertieft hat, wie begierig er aus diesem Urquell des Lebens schöpft I Für alle liegt das Buch offen, daS seit Tausenden von Jahren unser bester Freund und Führer ist; wir vernehmen aus dem dieselbe Stimme, die vor dreitausend Jahren zu unserem Herzen gesprochen. Diese alte erhabenc Stimme, sie fällt wie ein belebender Balsam in unser Gemüth. Sie verkündet uns, daß Gott der Herr aller Wesen ist, daalle Menschen seine Kinder sind und gebietet diesen Kindern sich brüderlich zn lieben und zu achten. Sie theilt unS mit, daß dieser Vater nur seine Kinder zärtlich besorgt ist, daß er sie auf jeden seiner Schritte und Tritte väterlich beschützt. Sic flößt unS Muth ein in Leiden, schützt unS vor Nebermnth und mahnt uns zur Mäßigkeit in Freuden. Sie macht alle Unterschiede des Rangeschwinden; den im prunkvollen Pallaste Wohnenden, mit den theuersten Kostbarkeiten Bekleideten, mit irdischen Gütern reichlich Begabten stellt sie nicht höher, als den im einfachen Zwilchrocke gehüllten Bewohner der niederen Hütte. Diese alte heil. Stimme erzählt uns, daß Gott alle seine Kinder mit einem vorzüglichen Geschenke begabt, er hat unsrm irdischen Körper mit einer himmlider Nächstenliebe erfüllen können. Die Juden in Rom fühlen sich nunmehr frei, die römische Luft ist ihnen nicht mehr versperrt, daS Ghetto, ein Brandmal der Civilifation ist hoffentlich ausgelassen, der eiserne Ring, von Jesuiten geschmiedet. der cS umklammerte, ist zerselimettert und daS „srhr unglückliche Poll Israel" ist obnc Hinznthun der getauften, nnnmrhr katholischen Gebrüder Lehmann frei an der Tiber bis zur Adria. Kaum ist Rom befreit von den erdrückenden Fesseln geistlicher Hcrrschas', fühlen schon die Israeliten daS Brdürfniß, dem freisinnigen Befreier Italiens dem Könige Victor Emanucl ihre Tankgcfnhlc ausznschiittc» als Italiener, als Römer und als J'raeliten. Als Italiener fühlen sie sich glücklich binnen Kurzem die nationalen Wünsche rcalisirt zu sehen, a'S Römer freuen sie sich zu sehen, daß ihre befreite Geburtsstadt mit unnennbarer Liebe den Umarmnngen der Scbwcsterstädte antwortet, als Israeliten begrüßen sic den glücklichen Tag. an dem daS gemeinsame Recht, endlich in d:r Stadt, in der sic daS Licht der Welt erblickten, triumphirt. Außerhalb ihrer Tempel werden sic sich daran erinnern, daß sie Italiener und Römer sein müssen und auch nichts Anderes sein werden, womit sic gewissermaßen ihren Glaubensgenossen in fernen Ländern ein glänzendes Beispiel geben, w'.e man auch als Jude der Ration, der er angrhört, mit Leib und Seele angchören soll. Offen, dem jüdischen Charakter angemessen, sprechen sie den Schmerz ouS, de» ihnen die von der Vergangenheit geschlagenen ökonomischen, moralischen und geistigen Wunden verursachten und gestehen ihren Mitbürgern zu, daß diese ihnen stets eine lebhafte wenn auch ohnmächtige Protestatio» zu ihren Gunsten und die wärmsten Shmpaihien geschenkt haben. Es lehrt ja die Erfahrung, daß heutzutage fast überall die Völker von den besten Intentionen beseelt sind, wenn nicht äußere Einflüss: auf sie einwirken und die Kanzel, dem schcn Seele auSgcstattet, die alle Fähigkeiten in sich birgt, mittclS welchen der Mensch von der nieder» Stufe des irdischen bi» zur Höhe eiucS hiuunlischeu LebcuS sich cuiporzuschwingen vennag. Erhaben über alles Irdische, fühle» wir den hohe» Werth dieser göttlichen Gabe. Alle Roth ist geschwunden, alle« Elend ist gebannt und alle Sorgen sind verscheucht. Statt der niederbeugenden Last der Armuth, statt der ^drückenden Bürde der Dürftigkeit fühlen wir unsere Größe, unsere Würde. Gesegneter Tag vom Herrn weile I Weilt ihr göttliche» Stunde», in euerer Nähe ist mir so wvhll Während dieser heil. Betrachtung ist die Zeit znm Mittagsgottesdicnst hcrangcnaht und wieder schreiten wir dem heiligen Orte zu, dessen Eingang dichte Gruppen schon umstehen. Treten wir, bevor die Andacht noch beginnt, in da- Wartzinuner znnt Gemeinderabbi und Lehrer und höreil wir auf den geistreichen Disput, der bei aufgeschlagcncn große» Folianten von dem greifen Rabbi und anderen gelehrten Gemeindegiirdcrn eifrig geführt wird. Wißbegierige Jugend, mit ivclch lebhaftem Interesse betrachtest Du den Feuereifer dieser tvcgciftcrtcn Männer und prägst dir dirscS gottgefällige Handeln in die Tiefe Dcineo empsindlichrn Herzens. Nun treten wir wieder ein in die geweihten Räume. Heilige Stille ist ciiigetrctcn, die Gesetzrollc anögehoben. „Gclvbt sei der Name dessen, der seine!» Volke Israel die Thora gegeben in feiner Heiligkeit" ertönt cs im EhornS der Gemeinde und während die fromme Mutter im GvttcShansr zur Zeit deS ThoralesenS in heil. Betrachtungen vertieft ist, sitzt di« bescheidene Tochter, die Zierde des Hanfes, in ihrem Stübchen vor dem aufgeschlagcncn Gebetbuche in stiller Andacht vcrstmken und legt ans dein Altar des GebetcS ihr kindlichcs Gefühl vor Gott, dein Allvater in Demuth nieder. „DicS ist die Thora, dir» ist daS Wort DaS Gott unS hat gegeben. Weif aus, Volk Juda I hoch sie aus. Du darfst mit Stolz sie zeigen, Sie ist gekauft uin hohen Kauf. Um hohen Kauf dein eigen." Nachdem nun die Mussas-Audacht mit den üblichen Kadisch- 41*

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