Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 41 (7.10.1870)
- Date
- 1870-10-07
- Page
- Seite 366 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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! I — 366 — tion erwärmt hätte. Aber auch in Rom, wo GlaubenSzwang zuerst seine SchrcckenSfackel über die Häupter der Juden geschwungen, die doch Tyrannei nur und BandaliSmnS aus dem Morgcnlande, wo die Sonne ihnen so freundlich lächelte, in da- Abendland, wo sich ihnen der Himmel verfinsterte, getrieben wurve — auch hier hat sich ihnen zur Zeit des großen Kaisers Julius Cäsar der Horizont erhellt. Das (Ghetto, in das die römischen Juden schimpflich verbannt waren, ward geöffnet, sie selbst waren dem Rationalleben wieder gegeben und berufen, zu thcilen den Ruhm und das «Älück einer großen Ration. Zur Zeit als die Fürsten Antigonue und Hyilan mit einander stritten, fiel Pompejus der Große ins voiib der Juden ein und bemächtigte sich der Hauptstadt, Cs war dttß der erste Fall, daß^ein Fremder den heiligen Boden betrat. Die Gefangenen, rmter ihnen auch AntigvnuS, wurden als Stlaven nach Rom gebracht, welche jedoch wieder freigelassen wurden. Ein Theil der Freigelassenen lehrten nach dem Morgcnlande zurück, ein Theil ließ sich in Rom nieder, und mit ihm wurde die erste jüdische Gemeinde in Rom gegründet. Diese hatte ein BethauS daselbst, sandte aber jährlich den TcmpelzinS und die Dpfcrgabcri ins heilige Land. Julius Cäsar sicherte den Inden nicht nur in Nom, sondern auch im ganzen römischen Reiche freie Ausübung der Religion. Die Dankbarkeit blieb nicht aus; sie waren dem freisinnigen Kaiser ergeben und beweinten ihn, als er im Senate erschlagen ward. Dktavian Augnst, der Rachfolger CäsarS, handcltcso wie dieser. Die Juden konnten das römische Bürgerrecht erhalten, zu allen Aemtern nnd Würden dcS Reiches gelangen, ihre Religion frei und nnd ungestört auSübcn und überall Synagogen errichten. Ganz anders war der Nachfolger DklavianS, TibcriuS Cäsar. Mit ihm wurde begonnen und von seinen 'Rachfolgern fortgesetzt eine Mette von Greuelthatcn und Verfolgungen, die sich reine Himmel dort oben ioic daS Angesicht cincS Betenden feurig glänzt, wie Bäume und Eträucher ihre Blätter sind Zweige da», kcnd gegen den Himniel ansbreitcn! Der beutigc Tag ist Euer, dock der trägen Muhe gebärt er nicht! Dir. schönt Tochter dcS Hauses, gilt dieser Ruf deS jungen Morgend nicht. In einem leichten, bescheidenen Morgengeivandc gekleidet , mit dem nette» Füßchen den Boden kaum berührend, um dav schlummernde Eltern- und Großcltcriipaar die Süßigkeit des erquickenden Schlafes ungestört genießen zu lassen, hast Du schöner Engel i» sabbatlicher Geschäfiigkcit in der häuslichen Wirthfchaft den Geist der Ordnung nnd der Harmonie walten gemacht. Bon den weichen Sammtschuhen für.den matten Fuß der hochbejahrten Großmutter bis zur Binde, welche den Hais des Jünglings umgeden soll, so mit bis zum Sabbathule für das Haupt des alten Hausvaters hat Deine Hand, emsige Jungfrau, alles zurecht gelegt. Aber auch Dich, greiser Mann, rüttelt nicht der frühe Morgenschcin a»S den Träumen des Schlafe». „Am frühen Morgen erhebe ich mich, um Dick o Herr zu preisen." Mit dieser sronnuen Gesinnung im Herzen findet der erste Sonncnstral Dich altelirwürdigr» Mann, mit Gott, Deinem Schöpfer beschäftigt. Allinälig wird Alle» rege. Groß und klein, Jung nnd Alt windet sich an» dein Federncst, weihet seine Hände zur sabbatliche» Thütigkeit, wäscht den Scklununer von den neubclcbten Augenivimpern und lobt seinen Bildner, der den menschlichen Körper mit so großer WeiSbeit eingerichtet bat. Sei unS willkommen. gcl»»ribtcr Tag tausendmal willkomincn I Du mackst unser» Körper frei von den drückenden Fesseln der ununterbrochenen Arbeit, machet unser» Geist für daS Wahre und Gute empfindlich. Heute ist rS unS gegönnt, nach sechStägigcr schweißiger Anstrengung bei unseren Familien in Ruhe und Fricde» zu verweilen, unsere Kinder zu lehren und zu unterweisen, unseren Pflichten als Vater, Mutter, Sohn nnd Tochter nach dem Willen deS Hri-rn treu nachzukomnien und uns dem Dienste GotkeS zu weihen. Sei abermal gegrüßt Tag deS Herrn, der du der AllwelShelt deS großen WeitenschöpferS entsprungen! Ihr Staubgeborenen, die Ihr Euch auf Erden glücklich wähnt, koizput dem Sabbath mit Freudm entgegen; denn er lehrt Euch förmlich zu einem Dornenkranze verflochten. Mord, Brand und VandaliSmuS, spielten in den verschiedensten Variationen die schreckliche Melodik zu den Judenverfolgungen, diesem scheußlichen Schibolet eines Zeitalters, in dem Rom einem wüsten veben verfallen und Könige vor Wollust ihre Scepter in Blut getaucht. So gestaltete sich Rom den Juden immermehr, zumal unter den Päpsten, zu einer Stätte der Leiden, zum Brennpunkte, von bertt aus die versengenden Strahlen der Tyrannei ganz Europa trafen, jeder intolerante Luftzug aus dem Capitol verunreinigte dem Juden die Luft auf der ganzen Erde. WaS die Juden in Europa von jeher gelitten, wie sie verachtet, geschmäht, beleidigt und verfolgt waren, wie man sich bestrebte, ihnen die schändlichsten Laster zu vindiciren, wie man sic in Wort und Schrift verächtlich zu machen suchte, alles das war ein Werk des „heiligen" Rom und seines Jesuitismus, der mit seinen sein gesponnenen Fäden das sociale Leben zu umstricken suchte und den rohen, zügellosen Mob zu Handlangern seiner Pläne machte. Unter den Päpsten, den Statthaltern jenes Religionsstifters auf Erden, der die Rächftcnliebc alS obersten Grundsatz der Religion hingesteüt, mußten die Juden in Rom ein sehr herbeS Schicksal empfinden, und was diese gelitten, sollte eben die unleidige Prämisse der Vernichtung der gesammten Judeuheit sein. Roch unter dem frühem Papste Gregor XVI. wurde die unglückliche jüdische Bevölkerung Roms, die in dem ältesten Stadttheile, wohin kein Strahl der Freiheit dringen durfte, in morastigen, Krankbeitsstoff anSdünstcnden Straffen, wohnte, mit einbrechender Dunkelheit von der übrigen Stadt durch zwei große Eisen» gittcr abgeschlossen, als ob die Juden reißende Thiere wären, die in Käfigen eingcfchlossen, sich unter dem Auge ihres Wärters, der Freiheit beraubt fühlen mußten. Selbst unter dem gegenwärtigen Papste PiuS IX. wurde es nicht besser, die Eisengittcr sind wol gefallen, mit ihm aber nicht das Ghetto, von Euern Gütern, die Euer Glück ausinachen, iveisen Gebrauch machen, die Leidenschaften, die Euch umstricken und verderben wollen, besiegen. Ihr, die Ihr Euch arm und gedrückt fühlt, Ihr Kranken und Leidenden, heißet den Sabbath tausendfach willkommen! Es ist der Tag, der Euch lehrt Leid und Migcmach gedulbig ertragen, über Noth und Entbehrungen nmthig zu kämpfen und zu siegen. Ihr Großen und Kleinen, begrüßet laut den Rnbctag, der Euch Muße bringt, im Verkehr mit Gott und in Gesellschaft mit Eueren Mitmenschen in Andacht nnd Fröhlichkeit Euch zu vereinigen! Auf Brüder und Schwestern I Läßt uns im Vereine unseren Sabbat begrüßen; er verknstdet uns göttliche Wahrheiten und ist das Simbol des Bundes zwischen Gott und Israel! „Ich freue mich, wenn inan mir sagt: Ins HauS desHerrn werden wir gehen." „Denn daS ist eine Stätte Gottes, eine Pforte, die zum Himmel führt." Wir gehen also in die stillen, einsamen, heiligen Räume, auf daß sich unsere Seelen voll Innigkeit und Inbrunst zu Gott erheben. Männer, voll Glaubenseifcr, in ihren goldbctrcstcn, blaugestreiften Bctmäntcln gehüllt, deren Zipfel mit den hcrabwallenden Schanfädcn im sanften Säuseln deS Morgenwindes wie Cherubimflügel sich von Weile zu Weile cinporfchivingen, gehen eilenden Schrittes dem heil. Orte zu, an ihrer Seite die kleinere und größere männliche Jugend einhcrführcnd, in die heil. Hallen cintrctend. „Wie schön sind Deine Zelte Jakob, Deine Wohnungen Israel I" Nnd nun auf, Gemeinde Israels, daß wir im Chorus dem Herrn unser Lob anstimmen I „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen, die ganze Welt ist voll seiner Herrlichkeit I" , Hört, welche hochtönende und wohlklingende Accorde schwingen sich zn unserem Ohr, wodurch Seele und Herz sich so erhoben fühlen? Es ist dieses der harmonirrnde, der tiefen Iugendbrust entströmende Choral: „Amen! Der Raine dcS Herrn sei gelobt in Ewigkeit und in aller Ewigkeiten Ewigkeit I" Dir Morgenandacht ist beendet. 2m Hause ist allegeordnet