Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 40 (30.9.1870)
- Date
- 1870-09-30
- Page
- Seite 360 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4890378-5433916-5434074--862-4891150- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
360 Strafrecht in böhmischer Sprache tradiren wird. Daß ein Jude über Strafrecht Borträge hält, ist nicht« Neue«, neu hingegen erscheint e», daß ein Jude an der Prager Hochschule in böhmischer Sprache Vorlesungen ankündigt. *** Gegenüber den arroganten Expektorationen de« Lehrer- Kohn au« Litten im deutsch-böhm. Lehrertag hat am 26. d. der Littener CultuSvorstand an die Redaktion der „Politik" folgende Erklärung gerichtet: Wir ende-gefertigten Mitglieder der Littener KultuSgemeinde beehren un« hiemit, Euer Wohlgeboren die Versicherung zu ertheilen, daß unser Lehrer, Herr Kohn, gang gegen unseren Willen und ohne unser Wissen handelte al« er von „Vorposten de« Deutschthum« in Litten" bei ber Lehrerversammlung in Prag sprach; wir wußten weder was er mit der Reise nach Prag beabsichtigte, noch erhielt er die Kosten ersetzt, sondern e« wird ihm vielmehr für diese Auseinandersetzung eine ernste Rüge zu Theil. Wir leben mit unseren czechischen Mitbürgern in Eintracht und Frieden, und können unter keiner Bedingung diese« Gleich-!>ewicht — das un» herzlich freut — von einem Unberufenen türen lasten. Zum Schlüsse sei noch bemerkt, daß die böhmische Sprache als obligater Gegenstand in unserer Schule gelehrt wird und daß die Kinder bei der noch nach alter Weise abgehaltenen Schlußprüfnng die in Anwesenheit de« Herrn BikärS und Ort-Pfarrer« Rezät abgehaltcn wurde, konstatirt haben, daß bei ihnen die böhmische Muttersprache nicht nur nicht vernachlüstigt, somdern fleißig kultivirt wird. Indem wir bitten, diese Zeilen der Oeffentlichkeit zu übergeben, zeichnen wir un« mit besonderer Hochachtung Euer Wohlgeboren ergebenste I. Lichtenstern, KultuSvorstchcr. Salomon Zekendorf. I. Sojka. Markus B o n d y. I. Her man. Emanuel B o n d y. Anton W o i n e r. Samson Soyka. Jg-Zeckendorf. Inland. Herr Dr. Ludwig Mandel, ein geborener Oestereichcr, ist kürzlich von Pari«, wo er seit 34 Jahren als vielbeschäftiger praktischer Arzt thätig ist und namentlich in Kehlkopfs - krankheiten als Autorität ersten Ranges gesucht und geschätzt wird, in Wien ringetroffen. Er hat sich zeiiwcilig hierher zurückgezogen, nachdem in Paris sein Anerbieten, als Arzt in einer der errichteten Ambnlancen zu wirken, dankend mit dem Hinweis auf dm überwiegend dringenden Bedarf an Ehirnrgen abgelehnt worden ist. Leider ist durch den Krieg auch die fast beendete Drucklegung des großen Werkes „Tratte prulitjuv des maludies de ln voix“ unterbrochen Worden, in welchem Dr. Mandl seink vieljährigcn wissenschaftlichen Forschungen und reichen Erfahrungen ans dem bezcichnctcn speziellen Gebiete niedcrlegt. — Die israelitischen Wohlthätigkeit-anftallen und Vereine in Wien werden von ihren Glaubensgenossen an den bevorstehenden Herbstsciertagen gerne bedacht, deren Aufzählung daher nicht unwillkommen sein dürfte. Krankenhaus Spitalanöhilfskassc für auslretendc Rekonvaleszenten, fromme Brüderschaft tEhcwra Kadischa,) Armenanstatt, Spetse - Anstalt, Fraucnvercin, Taubstummenanstalt, Handwerkervercin, Kiuderbewahr-Anstalt. Tberesien-Kreuzer- Verein für den Schulunterricht, Krankcnvcrcin fürHandlungSangehörigx. Kvnigöberg'sche Mädchen - Erziehungsanstalt, Studenten - Unterstützungövercin, Manhcimer Stiftung für Rabbiner» - Witwen, Waisenvereine, Beth - Hamidrasch für R»bbinat«-Kandidaten, Mädchen-UnterstützungSvcrein für Ausbildung zum Erwerb, Bliudenanftalt. — (Ucbertritt zu« Iudenthum.) Bor einigen Tagen kam zum hiesigen israelitischen Prediger Dr. Jellinek eine Frau mit ihrer Tochter und verlangte ihre und der letzteren Aufnahme in'« Judenthnm. Der Prediger willfahrte, nachdem er fich überzeugte, daß nur reine Motive'den Uebertritt veranlaßtm. Die Frau eine Witwe — verehelichte fich vor einigen Tagen mit einem hiesigen renommirten Arzte jüdischer Konfesion. Die« bewog ihre Mutter, eine hochbttagte Frau, gleichfall« Jüdin zu werden und so i't der gewiß seltene Fall eingetteten, daß Großmutter, Tochter und Enkelin sich dem Judenthum zugewendet. — In diese Woche fällt auch dieKonvertirung eines k. k. Offiziers, der den rituellen Att der Beschncidniig an sich vollziehen ließ. — Mittwoch wurde ein Brunnenmacher mit seiner Frau im jüdischen Tempel in der innern Stadt nochmals gettaut. Da« Ehepaar war mit feinen Kindern dem Christenthum untreu geworden, da die Frau die früher Jüdin war, nun Reue fühlte und ihre Angehörigen ebenfalls bewog, Juden zu werden. Rach beendigter Zeremonie wurde von Dr. Jellinek für die armen Brautleute eine Sammlung cingelcitet, die ein befriedigende« Resultat hatte. — Zurückgewiesen wurde ein nach dem Judenthume sich sehnender Tischlergeselle, der al« Grund seine ärmlichen Verhältnisse angab, von Dr. Jellinek mit den Worten: „Bleiben Sie Katholik und ich werde Sie unterstützen, aber glauben Sie ja nicht, daß wir darauf zahlen, »venu Einer Jude wird." — Der verflossene Woche vollzogene Uebertritt eine« getauften ehemaligen Soldaten zum Judenthum verdient die Aufmerksamkeit durch den Grund warum der Soldat sich taufen ließ. Vor mehreren Jahren, al« er noch aktiv war, wurde er eine« Tage« von einer GrciSlerin beschuldigt, Aepfrl rutwcndel zu haben. Obwohl er seine Unschuld betheuerte, wurde er verhaftet uud zum Profoßen geführt, der ihm versprach, die Strafe zu erlassen, wenn er dem Judenthum Valet sagen wollte, wa« auch geschah. — Chevalier d'Artom ist zum Gesandten der italienischen Regierung am hiesigen Hofe ernannt worden. Was mochten die Staatsmänner fühlen, als dieser kleine, äußerlich unscheinbare Israelit, mit den ausgeprägten jüdischen Äesichtszügen am Hofe erschien, older Gesandte deö Hofe«, der erst vor Kurzem einige der schön- .sten Provinzen des österreichischen Staates an sich geristen, uud also al« Großstaat gewissermaßen Parvenü ist? Ja die Zeiten ändern sich. Ein Jude von geringer Herkunft, der durchaus nichts von den äußerlichen Merkmalen hat, die die gewöhnlichen nothwendigcn Eigenschaften der Diplomatie abgebcn als Gesandter einer großen Macht am Kaiserhofe, wie kommt das? Ganz einfach: weil die Beziehungen Italienzu Oesterreich in diesem kritischen Augenblicke einen besonderbefähigten, geistig hervorragenden Vertreter nothwendig machten, und weil Artom — die rechte Hand CavourS — der geschickteste Diplomat Italien« ist, den alle Regierungen Italiens von Cavour bis heute dorthm sendeten, wo ganz besonder« wichtige Handlungen zu führen waren; da-istda« Gehcimniß. Daß übrigens unter den Israeliten sgcschickte Diplomaten sind, haben sie schon in alter Zeit bewiesen; i» Spannen, Schweden, (Texeira) Holland (Percira) u. a O. 8. Pest 18. Sept. — Der Congreß orth. Juden tagte hier vom 13. bis 25. v. M. und hat in dieser kurzen Zeit Erstaunliches geleistet. In fünf Sizungen hat derselbe ein Organisations-Statut geschaffen, das nach alle» Richtungen hin meisterhaft zu nennen ist. Sie dürften mich wol der Einseitigkeit beschuldige», da Sie meine religiöse Ucbcrzeuzu tenncn Gelegenheit haben. Um dem vorzubeugen, will ich Ihnen eine Eorrcsponden; ans dem „Wanderer" hieherfetzen, die ans der Feder eines Radikalen stmnmt und alle Aufmcrksamlrit verdien.. Die Eorresponden; lautet: „Pest den 2t). August: Außer den Lehrern tagt gegenwärtig noch eine Versammlung, die der orth. Juden hier. Nicht mit so vielem Gepolter inS Leben gerufen, wie der erste, wirkt dieser Con« greß im Stillen sehr emsig. Seit acht Tagm ist der Eongreß versammelt und schon liegen alle seine Resultate, ein Schul- und Gemeinde-Statut vor und merkwürdigerweise sind gerade diese verschrienen, lichtscheuen Ultramontanen, welche durch ihre Verfügungen, die sogenannten Fortschritt«- Männer bei weitem überflügeln. Bezüglich der Schulen spricht.