Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 39 (23.9.1870)
- Date
- 1870-09-23
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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I --SAchen Lehrer, bei ihrer gemäßigten Sprache, ein jüd. Lehrer sich dazu hergibt, die Rotte eme» Denunzianten zu spielen. Dann muß man sich wahrlich schämen, ein jüdischer Lehrer zu heißen I. H. L. Wochenchronik. *** Auszeichnung. Der um die Wissenschaft des IudenthumS hochverdiente Gelehrte Dr. Max Lettens erhielt anläßlich seines 70 jährigen GeburtSfesteS von Sr. Majestät dem Kaiser das goldene Verdienstlreu; mit der Krone. *** Einweihung. Morgen Samstag den 24. d. findet in der neu hergerichteten großen Hofsynagoge der erste MorgengotteSdienst statt, der gleichzeitig mit der Einweihung der Synagoge verbunden sein dürfte. Sr. Ehrwürden Herr Prediger Prof. Kämpf, vom Vorstände der Synagoge ersucht, dieser die Weihe zu geben, wird eine auf die Synagoge Bezug habende Predigt halten. *** Das Veltelwefen in Livree. Die jüdische Armenkommission appellirt in Inseraten in einer höchst zudringlichen Weise an die jüdischen Gemeindemitglieder, diese mögen zum Schutze gegen die Zudringlichkeit jüdischer Bettler angesichts der bevorstehenden Festtage, ihre Spenden der Armjrnkommission zur Bertheilung zukommen lasten. Mittlerweile entfallet sich das Bettelwesen in der jüdischen AmtSlanzlei in überraschender^Weise. Die Ausläufer oder sonst von der Repräsentanz AmtSdiener genannt, gefallen sich in ihrer neuesten Livree, in Privathäuser zu dringen und um jüdisches Neujahrsgeld zu betteln, ohne zu berücksichtigen, daß sie von der Gemeinde bezahlt sind und für Bezahlung nichts Anderes thun als CultuSsteuerzettel herumtragen und bei heranrückenden Wahlen für ihre Vorsteher ag'tiren. Diesen Bettelunfug geben wir der jüdischen Armenkommission zu bedenken, auf daß sie vorerst vor ihrer Thüre kehre, bevor sie sich im Inseraten breit macht, um mit dem Gelde wolthätiger Leute wirthschaften zu wollen. Die Uniformirung der AuSlanfer hat doch ihre gute Seite, man' weiß wenigstens das gewöhnliche Bettelwesen von dem Bettelwesen in Livree zu unterscheiden. *** Ein Geier unter den Vögeln. Wie seiner Zeit in den Wiener Lehrertag, kam auch dießmal der Rabbiner der Meisclsynagoge Herr Dr. Stein in den deutsch-böhmischen Lehrertag als „Geier unter den Vögeln" (ipsi88i um verba,) doch beschränkte er sich weniger auf's Sprechen, mehr auf'ö Trinken. Der Geier trank nämlich auf das deutsche Prag. Während der mehrjährigen Anwesenheit des thcuern Herrn Stein dürfte dieser erfahren haben, daß Prag keine deutche Stadt ist, somit hatte Herr Dr. Stein wieder wie gewöhnlich entschiedenes Pech mit seiner Sprache, sollte jedoch Herr Stein beabsichtigt haben, seinen Toast auf die deutschen Bewohner Prag's auszubringcn, dann liegt dariu um so mehr eine Verletzung des Gastrechtes als Herr Bürgermeister Dittrich die Versammlung Nahmen« der Stadtgemeinde begrüßt hat. Herr Dr. Stein hatte somit wieder wie gewöhnlich entschiedenes Pech. Wir haben aber auch entschiedenes Pech; denn stets war es uns gegönnt, Herrn Dr. Stein zu be dauern nie zu bewundern. Wenn dieser schon so sehr für'S Reden beim Trinken eingenommen ist, so hätte er anstatt deS „deutschen Prag," die Meiselsynagogc leben lassen, die, wie er am besten weiß, deS Lebens bedarf uud Herr Stein hätte sich eine Blamage mehr erspart. *** Jterbefälle. In Brünn verstarb am 14. d. der als Mensch nnd Arzt vielverdiente Herr Med. Dr. Jakob Kalmus aus Prag im 37. Lebensjahre. Er war in allen Kreisen eine beliebte Persönlichkeit, die sich durch ein gefälliges und bescheidenes Benehmen hervorthat. Er war ein Bruder des im vorigen Jahre hier verstorbenen Bezirkarztes Med. Dr. Kalmus. Seine Leiche wurde am 16. d. von Brünn nach Praaauf den Wolfchaner Friedhof überführt. -7- 8er floffenen Montag wurde der im 86. Lebensjahre verschiedene Herr D. Thorsch früher Kaufmann in Goltsch-Ienika» in den letzten Jahren Privatier in Prag zu Grabe getragen. Der Verstorbene erfreute sich in seinem Leben durch seine umanität und sein Streben auf jüdisch wissenschaftliche« ebiete, einesehr guten Ruf«-. Ehielten Sr. EhrwürA» Herr Rabbiner Spitz aus Ienikau im Trauerhause, H^cr Prediger Dr. Tauber an der Bahre, und Herr Religions- Professor M. Adler am Grabe auf das Leben des Verblichenen Bezug habende Leichenreden. *#* Vom Theater. Morgen Samstag den 24. d. tritt zum ersten Male im deutschen LandeStheater der von Laube warm empfohlene und bisher im Stadtheater zu Leipzig engagirt gewesene Schauspieler Herr Arnau als „König Lear" im gleichnamigen Drama von Shakesspeares auf. Herr Arnau, unser Glaubensgenosse, ist, nach Theaterberichten» ei» sehr begabter und routinirter Künstler. Aus dem Gerichtssaale. Halber Zwölf Drei edle Polen, gebürtig auS Warschau, also russische Unterthanen, nehmen auf der Anklagebank im Stadtgerichte zu Berlin Platz. Die Herren heißen: Salomon Rose ugarten, Mendel Z w i e b e l s ü ß und Licbcrt Abraham N i e r e n st e i n . Die Anklage beschuldigt die -! Hrn. der Bauernfängerei, d. h. des gewerbsmäßigen Hazardsplcls,Rosengarten und Nierenstein außerdem noch der Erpressung. DaS Opfer der Angeklagten sott ein auS Ungarn gebürtiger 17 jähriger junger Mensch, Namens Samuel Burger gewesen sein, der sich, um Studien bei dem Rabbiner Dr. Hildesheimer zn machen, hier in Berlin aukgehalten. Das Spielchen, w lches zur Anwendung gekommen, ist nicht das übliche „Kümmelblättchen," sondern diesmal onze et «i.'ini, oder, fwie die Angeklagten e« nennen: „Halber zwölf." Einer der Hauptbetheiligten am Spiel ist nicht ermittelt worden, dem Namen nach scheint er auch den Angeklagten nicht bekamt gewesen zu sein, sie nennen ihn Alle nur: „Der Mann ohne Nase." Der „Mann ohne Nase" also und Zw'ebclsüß machten an einem Tage des Juli die zufällige Bekanntschaft deS vorerwähnten Burger. Mit diesem spielten sie „Halber zwölf," gewannen von ihm aber nur 2 Silbergroschen. Am nächsten Tage, als Zwicbelsüß und der „Mann ohne Nase" eben im Begriffe waren, ihren Freund Burger wieder in einen Spiclsalon zu führen, trat ihnen auf dem Neuen Markt plötzlich der Angeklagte Rosengarten entgegen, letzterer nabm den Burger bei Seite und sagte, er sei geheimer Polizist und habe den Auftrag ihn zu verhaften, weil er im Verdacht stehe, in seiner Heimath (Ungarn) ein.» Diebstahl beganaen zu haben. Zu seiner Legitimation als Beamter präscnnrte Rosengarten ein mit englischen Briefmarken beklebtes—Briefcouvcrt. Diese Legitimation schien dein jungen Burger zu genügen, und er zitterte bereits vor Angst. Um diese Angst noch zu vermehren, trat alsbald auch der Angeklagte Nierenstein zu ihnen und erklärte, er sei Polizeiwachtmeister und müsse da^ir sorgen, daß der junge Mensch per Schub über die Grenze gebracht werde. Zwiebclsüß und der „Mann ohne Nase" erhielten einen Wink, sich rückwärts zu concentriren, während die angeblichen beiden Polizeibeamten ihren zitternden Arrestanten in ein Haus in der Neuen Friedrichsstraße führten, welche« sie für das Polizeiarrestlokal ausgaben. Dem Burger wurde hier von Rosengarten klar gemacht, er könne sich alle Unannehmlichkeiten ersparen, wenn er ihm •j Thaler zahle. Der junge Mensch, um nur nicht verhaftet zu werden, zahle dem Rosengarten 5 Thaler und dem Herrn Wachmeister (Nierenstein), der ebenfalls die Hand au-streckte, auch 1 Thaler. Darauf wurde er entlaffen.