Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 39 (23.9.1870)
- Date
- 1870-09-23
- Page
- Seite 354 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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I — 354 Zwiebelsüß und der „Mann ohne Nasesuchten ihren Freund Burger gegen Abend in seinem Gafthof auf und gingen mit ihm, um wieder ein kleine« Jen zu machen, in die Wohnung de« Rosengarten, und zwar führten sie ihn in dasselbe Zimmer, welche« vor wenig Stunden noch da« V chtlokal hatte vorstellen müssen; allein da« Hau« hatte Eingänge, und diesmal gingen sie durch die Kloster« j. ße hinein. Herr Rosengarten selbst suchte sich durch sein Costum unkenntlich zu machen, er trug jetzt einen großen Schlafrvck, eine schwarze Kappe und fast da« ganze Gesicht war mit einem weißen Tuch verbunden — genug, Burger erkannte ihn nickt. Man traf noch 'mehr „Herren" hier an, und e« wurde ein gemeinschaftliche« Bänkchen aufgelegt. PlStzlich schrie Burger ängstlich auf: „Da kommt der Wachtmeister wieder!" und verkroch sich unter da« Bett. In der That trat sogleich der Angeklagte Nierenstein in da« Zimmer, allein er bekümmerte sich durchaus nicht um Burger, sondern nahm ebenfalls am Spiel Thcil. Unbemerkt gelang e« dem jungen Menschen zu entkommen und sich zurück nach seinem Gasthof zu begeben, und hier schien ihm, al« er nach etwa einer Stund Rosengarten vorbeikommcn sah und denselben erkannte, endlich klar zu wcrdcn, daß er sich habe dupiren lassen. Er ging auf die nächste Polizeiwache, erzählte seine Abenteuer, und bald waren Rosengarten und Nierenstein verhaftet, welchen Beiden später auch noch Zwiebelsüß zugrsellt wurde. So weit die Anklage. Die Angcschuldigten selbst leugnen Alle«; die Art und Weise, wie sie sich zu rechtfertige« suchen, ist sehr komisch. Rosengarten sagt z. B. über sein Berhältniß zu Nierenstein: „Ich kenn ihn gar nich näher. Blo« weil er hat gehabt Schulden, i« er gekommen ßu mir und hat sich angcmolden bei mir, und ich hab'n wieder äugemoldm auf die Polizei, wo er sich aufhält. Geschlafen hat er bei mir und auch manchmal gegessen — weiter nischt." — Den Burger will Rosengarten nur einmal gesehen haben, und zwar an jenem Nachmittag, al« er durch Zwiebelsüß und den „Mann ohne Nase" bei ihm eingeführt worden sei. Daß er sich al« Polizcibcamtcr auögegeben und von Burger Geld erpreßt, bestreitet Rosengarten ganz entschieden. „Mein gnädiger Herr Präsident!" sagt der Angeklagte, „ich soll spielen >» Polißistcn?! Sicht man doch gleich an mein Physonomie, daß da« nich i« wahr, und an meine Thür steht „Salomon Rosengarten," und wenn man kommt rin in'« Zimmer, hängen da die ßchn Gebote — also kann ich doch nich sagen daß ich bin Polißist." — Auch daß er versucht, sich nnkenntlich zu machen, leugnet der Angeklagte, indem er bestreitet, ein Backcntuch getragen zu haben. „Da« i« gewesen meine Frau, gnädiger Herr Präsident," antwortet Rosengarten. „Die gaiht immer ßu gehen mit'n Tuch gebinden um die Backen, weil sic hat Zahnschmerzen. Wenn nich Alle« i« so, wie ich sag', will ich mir reißen da« Fleisch mit die Nägel von'n Körper!" Nierenstein wird gefragt, ob e« wahr sei, daß er von seiner Frau. d:c cm eigene« Geschäft hier führt, getrennt lebe, weil er sim nicht mit ihr vertragen könne und sie zuweilen prügele. Er gicbt die« zu, bi« auf die Prügel. „Da« Hab' ich »och nie gethun," sagte er. Ebenso räumt er ein, daß er mit Rosengarten längere Zeit schon bekannt sei und öfter« in demselben Zimmer, wo Rosengarten mit seiner Frau der Ruhe pflegen, aus dem Sopha geschlafen habe. Daß er sich für einen Wachtmeister ausgrgeben und dem Burger Geld vbgeschwindclt habe, bestreitet auch dieser Angeklagte ganz entschieden, lächelnd antwortet er: ,,J« mir gar nischt bewußt von die ganze Geschichte!" Die Auslassungen dieser beiden Angeklagte» werden aber nicht allein durch da« eidliche Zeugniß de« Burger, sondern auch durch da« Bekennlniß ihre« Mitangeklagten Zwiebelsüß tilgen gestraft, letzterer gicbt den ganzen Thatbestand der Anklage zu, nur behauptet er, selber unschuldig zu sein. i&v will in Wahrheit Rosengarten für einen geheimen Polizisten und Nierenstein für einen Wachtmeister gehalten haben; »denn warum nischt?" fragte er. „Bei un« zu Hause giebt e« sehr viele jüdische geheime Polizisten." — Da« mag nun wohl wahr sein, eben so wie die Behauptung de« Zwiebelsüß, daß bei ihm zu Hause „Halber zwölf" ein überall übliche« Spiel sei, und daß er darum durchaus nicht geglaubt habe, etwa« Unrechte« zu thun, wenn er auch hier „Halber zwölf" gespielt habe. Er selbst habe nicht« gewonnen, im Gegentheil 15 Sgr. 6 Pf. verloren. Der Gerichtshof spricht schließlich Zwiebelsüß von der gegen ihn erhobenen Anklage wegen gewerbsmäßigen Hazard« spiel« frei, verurtheilt aber Rosengarten und Nierenstein wegen Erpressung zu je 3 Monaten Gefängniß. (Berl. Ger. Zt.) Ausland. Berlin. Die „Berliner Tribüne" erzählt folgenden Zug rührender Pietät. Bei den Juden aller Parteirichtungen ist teilighaltung de« Sterbetage« der Eltern durch Besuch des otteSdienfte«, Lesung einer Art von Seelenmesse und Anzündung eine« 24 Stunden brennenden Lichte« (Kerze oder Lampe) eine streng beobachtete Sitte — Ein jüdischer Militärarzt berichtet nun den Seinigen au« dem Felde, wie er in der Nähe von Wörth einen verwundeten Soldaten vor einem Hause umherspähend angetroffen und vermuthend, daß er ärztlichen Rath brauche, ihn gefragt habe, wa« er suche. „Einen Juden!" antwortete der Soldat und — „den haben Sie in mir gefunden," der Arzt. „Dann hätte ich eine Bitte an Sie." meinte jener. „Einer meiner Kameraden hat heute den Sterbetag seines Vater« zu begehen, noch nie in seinem Leben hat er es versäumt, wir sind unsrer erst neun, un« fehlt der zehnte Mann!" (Zehn Männer sind nämlich zur Abhaltung eines Gottesdienstes erforderlich.) Natürlich folgte unser Arzt gern der Bitte. In einem engen Stübchen waren neun verwundete Soldaten mit ihm versammelt, sie gehörten meist Regimentern aus der Provinz Posen an, auf dem Tische in der Stube brannte eine kleine Nachtlampe, der Leidtragende betete vor und sprach die Sterbegebete zum Gcdächtuiß seines Vaters, der in der fernen Heimat seit Jahren die letzte Ruhestätte gefunden. Selten, schließt der Erzähler, war ich andächtiger, und in tiefer Bewegung entfernte ich mich schnell, um diese vor den ohnehin angegriffenen Leuten zu verbergen. In einem Plaidoier für Anstellung jüdischer Feldpredigcr sägt unter Anderem der in Mainz erscheinende „Israelit." „Wie viele jüdische Soldaten im Felde sind, wissen wir nicht; wir glauben aber, daß nach dem Procentsatze der Bevölkerung die Ziffer 15,000 nicht zu hoch gegriffen ist. Darunter befinden sich vielleicht einige Dutzend Landwehroffiziere und Unteroffiziere; die meisten Juden aber sind einfach Soldaten. Es ist das auch sehr natürlich Der Offiziersstand als solcher ist den Juden verschlossen; deßhalb wählt kein Jude den Soldatenstand zum Beruf. Wenn uns das von unserm religiösen Standpunkte aus auch ganz recht ist,*) so entwickelt sich doch daraus für den jüdischen Soldaten ein großer Uebel« stand. Wer die stramme DiSciplin im preußischen Heere kennt, der weiß, wie selten von Soldaten der Beschwerdeweg eingeschlagen wird. Wir Juden sind in den letzten Jahrzehnten gegen Beleidigungen, die von unserer Religion und unserm Stamme hcrgcnommen werden, sehr empfindlich geworden und die jüdischen Soldaten müssen sich nur gar zu häufig von ihren Vorgesetzten Bezeichnungen gefallen lassen, die uns Civilisten da« Blut in die Wangen treiben.- Bei den höheren Offizieren, RegimcntScommandcuren, Generalen oc. kömmt allerdings derartige« nicht vor. Allein der eigentliche Befehlshaber der Compagnie ist der Feldwebel, und die höchste Jn- *) Diese Ansicht steht im Widerspruche mit der gewünschten An. stellung von jüdischen yeldpredigrrn, dir gerade so wie brr Soldat, _ im Felde in die Lage kommen können, sich nicht strikt an die religiösen Vorschriften zu halten, und der jüdische Geistliche hat wol eher den religiösen Anforderungen gerecht zu werden, al« der Soldat. (Anm. d. Red.)