Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 39 (23.9.1870)
- Date
- 1870-09-23
- Page
- Seite 351 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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351 somit nur zu schließen, daß ein ganz andere- Motiv Herrn Dr. Wiener geleitet haben mochte, im Sinne der jüdischen Cultu-repräsentanz dem Landr-schulrathe referirt zu haben. So freisinnig diese Hochtoryder isr. Cultu-repräsentanz sonst denken mögen, sobald esich um ihr Vorwärts» kommen handelt, so egoistisch sind sic ihren GlcubenSgenossen insbespnderc der jüdischen Glmeinte gracnübcr, der sic angehören und der sie vorstehen. I/etnt ^hicr In communitö) e'e8t woi scheint Hrn. Wiener^und seinen Bunde-- und Gesinnungsgenossen als obctstcr Grundsatz zu gelten, wcßhalb sie sich noch immer von einem Ghetto nicht lo-sagen können, indem ihnen, Behörde zu spielen, ein Betttrfniß zu sein scheint. Bei der Apathie, die sonst der größere Theil der Enltu- Repräsentanz — der kleinere hat nichtzu befehlen — der Josefstadt entgegenträgt, ist cS kaum anzunehmen, daß da- Herz dejüd. Parlamentes für die Interessen der Juden, insbesondere für eine Judenschule so warm schlägt, schon deshalb nicht anzunehmen, weil Niemand der liebenswürdigen Repräsentanz eS sich einfallen ließ, noch lassen dürfte, seine Kinder in die Josesstädter Schule zu schicken, die wie die Herren zu kalknlirrn glauben, für dir Plebejer viel zu gut ist. So darf aber kein Lande-schulrath denken, wenn er dem civilisatorischcn Principe huldigt, daß die Wissenschaft, selbst wenn diese nur die Elemente in sich faßt, keinen Stande-» unterschied kennt und man für die arme Jugend in gleicher Weise sorgen müsse, wie für die wohlhabende. Man müßte geradezu bornirt sein, wenn man annrhmen wollte, Hr. Dr. Wiener wisse nicht so gut wie jeder Jude, daß die Josef» städter Schule in Anbetracht der nahe gelegenen Allstädtrr deutschen Schulen rin überflüßiger Ballast, daß sie durch ihren localen Charakter verrufen und eben deßwegrn unbrauchbar geworden, daß da- Urtheil, der an der Schule angestellt gewesenen Lehrer für die Schule selbst fein schmei» chelhaftesei. Und dennoch konnte e- Hr. Wiener nicht übers gen — folgende mit B. B. B. Unterzeichnete und in der „Allgemeinen Zeitung des JudenthumS" veröffentlicht hervorheben: Der Ludolph Tuhok, der jetzt in der Berliner j ü d i s ch e n P r e ff e a u s t r i t t, i st noch ein junger Mensch, der erst vor Kurzem ans dem BreSlauer j ü d is ch-t he o l og i s ch c n Seminar verwiesen wurde, wie dies auch seiner Zeit am schwarzen Brette der Anstalt angezeigt war, dies zur Benr- 1H eilun gl" Aber alle diese Erbännlichkcitcn verfingen nicht; Lndolph Tuhok «niüsirte sich über diese feigen Schurken, die es nicht wagten, mit offenem Bifir gegen ihn aufzntretcn, und die B.er Intelligenz war über diese schamlose Gemeinheit dermaßen entrüstet, daß man Alles aufbot, um die Gründung einer j ü d i s ch-t h r o l og t s ch r n Fakultät in B.zu rcalisiren, damit dieselbe das Br . . ... er Jrsuitencollegium lahm legen könne I— * * * * ES war vor ungefähr vier Wochen als in später Abendstunde Jemand heftig an meine Thüre pochte. Erstaunt über den nner. «arteten Besuch, rief ich hastig „ herein I" Ein blühender, wunderschöner, junger Mann, der etwa 21 Jahre zählen konnte, trat rasch in mein Zimmer. „Berzeihnngl geehrter Herr Doktor," sagte er mit einer lieblich klingenden Stimme, „wenn ich um Mitternacht Sie zu stören wage. Es handelt sich um eine sehr dringende Angelegenheit. Doch gestatten Sie mir zuvörderst, daß ich mich Ihnen in optima forma Vorstelle. Mein Name ist: Ludolph Tuhok." «Ah," ries ich voll Bewunderung auS, „welche Ehre für mich, den berühmten Schriftsteller in meinen Stübchen empfangen zu könneu! Aber wie komme ich eigentlich zu dem Glücke, von Ihnen besucht zu werden?" „Bitte, das Glück ist ganz meinerseits. Sind Cie denn nicht Schriftsteller und zwar einer unserer Besten? klebrigen»," sagte er alS er meine Berlegenheit erblickte, „führt mich eine wichtige Sache, «ie ich Ihnen bereitzu erklären die Ehr« hatte, in ihre Wohnung, Herr Doktor l" , Herz bringen, gegen die gerechte Verfügung de- Stadtrathe- Protest einzulegen. Trotzdem Hr. Dr. Wiener den Stadtrath im Rechte weiß, übernimmt er die schwere Verantwortung, da- Stadt» Budget unnütz zu vergrößern, dadoch auch ans den Ju» den al- Bürger einer und derselben Stadt empfindlich wirken muß. Wein Dr. Wiener sich vielleicht dem Glauben hingibt, seine Glaubensgenossen werden ihm seiner Zeit, im gelegenen Momente, die Verfechtung eines Rechte-, danichtanderes als ein Unrecht bedeute, für eine That anrechnen, die sic ihrem Landtagsabgevrdneten verpflichtet macht, so scheint Hr. Wiener nicht mit der Vernunft der Israeliten» gemeinde zu rechnen, die sich für eine solche, Zwiespalt erweckende Hcldcnthat schließlich bedanken würde. Der k. k. Landcsschulrath. Herrn Wiener natürlich ausgenommen, dem die in der isr. Cultu-rrpräscntanz residirendc Wühlhuberei weniger bekannt sein dürfte, scheint, so wie die ganze hohe Regierung, die Dinge, wie sie sich im Kreise der Inden bewegen, der Entfernung wegen nicht so genau und scharf zu sehen, wie sie jeder einzelne Jude in nächster Nähe zu br« urtheilen Gelegenheit hat. Die Herren, die ander von Zeit zu Zeit rathlos werdenden Prager Jndcnheit nur durch allerlei Pression-mittel hervorgehen und dann sich für förmliche Regicrung-organe anschen, handeln nicht im Einver» ständnisse mit ihren Glaubensgenossen, schlagen eine ganz verkehrte Richtung ein und verfolgen rin Ziel, daihnen vielleicht nahe, den Juden sehr entfernt liegt. So scheint rauch mit dem Kampfe um den Fortbestand der Josesstädter Schule bestellt zu sein, ehandelt sich den Herren mehr dar» um, in die Autonomie der Stadtgemeinde einen Keil zu treiben als im Interesse der Stadt oder gar der Inden zu wirken. Ein alle Zeit beklagenswerther Umstand ist auch der, daß einige Herren der isr. Cultu-rcpräscntanz sich auf die „Womit kann ich diene»?" Frug ich voll Entzücke», hoch erficut, meine schwachen Kräften» diesen» so ausgezeichneten Jüngling zur Verfügung zu stellen. „Ich bin eben im Begriffe, zur preußischen Armee zn gehen, nni gegen die Franzosen zu kämpfen. Das deutsche Vaterland, da» ich eben so leidenschaftlich liebe »vic »nein liebcS Ungarn, braucht nicht mehr solche Federfuchser wie ich bin, aberincinc W a s. f e >» wird cS nicht verschmähen. Der liebe Gott »veiß, ob ich »vicder aus der Schlacht zurückkehre, der Tod hält jetzt eine überaus reiche Erndte. Da ich »vciß, daß Cie bezüglich des Haffe», den jeder anständigc jüdische Gelehrte gegen das jüdisch-theologische Seminar in Br.hegt, mir nichts nachgeben, so möchte ich Sie inständigst bitten ein Manuskript, da» ich sofort Ihnen übcrgebei» werde, in den» Falle z» veröffentlichen. wenn ich auf dem Felde der Ehre sterben sollte. Es ist dies meii« Vcrinächtniß, bedenken Sie Herr Doktor das Bermächtniß eines Sterbenden I Ich »vill nicht, daß auf mcinen ehrlichen Namen irgend ein Makel hafte. Er übergab mir ein k'eincs Manuskript, da» er in dem Busen bewahrte, mit den flehenden Worten: „Schn'örcn Sic, daß Sir nach meinen» Tode diese Blätter rcdigiren und alsbald dem Drucke übergeben werden!" „Aber," »vagte ich cinzuwendcn. „Sic werden mit Gotte» Hilfe -nicht sterben; cö »vird nicht nöthig sein, den Schivur zn leisten. Sie werde»» gesund, »nuntcr und mit Lorbeeren geschmückt zurückkehren »nd auS niriurn Händen, geehrter Freund, Ihr Manuskript zurückerhalten!" „Nein, nein, Herr Doktor," drängte er. „reden Cie mir nicht Muth zu! Meine Mission ist vollendet I Ich bin todcsmüdr und betrachte das Leben als das größte Unglück des Menschengeschlechts. Seit drei Jahren führe ich einen furchtbaren Kainpf gegen den IrfuitiSmuS de» Seminar», gegen die Noth, gegen mein eigene» Talent, da» von allen Setten wie da» Reh gehetzt »»nd grinartkrt »vird. — — Die furchtbare Hand der göttlichen Vorsehung hat mich auf den Felsen de» Iesuitencollkgiuin« geschleudert, der Keim meine» Geiste» konnte hier nur mit Wind und Wetter befruchtet werden — er wäre eine Riesentanne geworden in einem reicheren, freundlicheren Boden I E» ist Alle» vorüber I Ich will sterben, aber 39*