Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 39 (23.9.1870)
- Date
- 1870-09-23
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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350 mehr die schlechte Sitte hinein in die Stätte brachten, in d:r vor Allem der Keim zur Moral gepflanzt werden sollte. So trat immer mehr die Erscheinung zu Tage, daß die In denschule ihrem Verfalle entgegengehe. Mit dem völligen Anschlüße der Judenstadt an die Stadt entfernten sich aus ersterer die meisten wohlhabenden und bemittelten Familien, welche es vorzogcn. ihre Kinder in jede andere Schule zu schicken, bevor diese in der Judennachmaligen Josefstädter Schule verkümmern zu lassen, war c-, die jüdische mit der nichtjüdischen Jugend zu amalgamiren, allerdings ein lobenswerthcS Prinzip, war es, derselben einen systematischeren oder methodischeren Unterricht angedcihen zu lassen. So stellte cS sich mit der Zeit heraus, daß bei dem Verbleiben armer hilfsbedürftiger Kinder, die zumeist vom Lande herbeigcftrömt waren, die Judenschule sich immcrmehr zu einem Armcnhause herauSbildete, in dem der Geist anstatt entwickelt, unterdrückt wurde und die aus der Schule ausgetretenen Schüler sich selbst für Parias hielten. Als die Stadtgemeinde im I. 1H01 die Josefstädter Schule kraft des mit der Judcngcmeinde abgeschlossenen Vertrages kn eigene Regie übernahm, änderte dieser EigcnthumS« Wechsel nichts an dem Eharakter der Schule, die Lehrer blieben jüdische Lehrer, die Schüler blieben jüdische Schüler, und keinem Kinde der Joscfstadt oder der nahe gelegenen Altstadt fiel es ein, ja konnte es einfallen, die Schule zu besuchen, weil sein Idiom nur das böhmische, mit der Unterrichtssprache, die nur die deutsche, nicht im Einklänge war. Von einer deutschen Josefstädter Schule konnte um so weniger die Rede sein, als es nie im Leben einem deutschen Christen der Alt- oder Neustadt oder Kleinscite cinsicl, seine drucke gebracht. Je glänzender, je gediegener und packender dieser Ausdruck ist. desto mächtiger ist auch die Partei. Daher kam cS. daß Ludolph Tuhok. von Natur ein tief religiöses, strcng.stttlichcs Geiuüth. sofort von zwei Rabbinern sich angezogen und hingerissen 'fühlte; der Sine kain gleichzeitig mit ihn» in B . . . . . aus Ungarn an. der Andere wirkte bereit« ungefähr fünf Jahre auf der Kanzel. Die zwei Männer hießen: Rabbiner Dr. M i l d e ». Helmer und Rabbiner Dr. M a f ch c r. Seit Jahren gelten Beide als Chorführer deS traditionelle» SudenthnmS; aber während der Erste«, rin moderner PinechaS, mit dem Feuer und der Flamme de» Eifer», der fast an F a n a t i S m n S gränzt. die confervativen Prinzipien vertritt, kämpft der Andere mit der bezwingenden Gewalt der sanften überzeugenden Rede, mit d e r Gabe der Natur, die E i c c r o, D e m osthenc S. K v ff n t h und » nnel zu den gewaltigsten Thaten befähigte. Mit diesem durch bezaubernden Liebreiz de» Umgang» ebenso ausgezeichneten wie durch fein talinndifchc» Wissen und sein Redelatent genialen Manne gründete Ludolph Tuhok die „Mcrlincr Zeitung de» Jndenthum»." Diese» journalistische Unternehmen inachte ungeheuere» Aufsehen. Die deutsche, imgarische, hebräische, französische, englische und ämerikanischc Presse gerieth ob diese» merkwürdigen Phänomen», da» die glänzendsten Fizsternc ans dein Firmaincnt der jüdischen, periodischen Literatur überstrahlte, in eine »och nicht dagcwesenc Bewegung. An» allen Eontincnten kamen Bcstkllnngen, Beiträge, Brteft. Liebesgaben. Während die übrigen jüdischen Zeitungen nur kümmerlich ihre Existenz fristeten, stets auf dem AuSsterbc - Etat tagen und selbst in ihrer 80i-cki8»nt Blüthc Zeit weder leben noch sterben konnten, geschah hier zum ersten Male da» unerhörte Wunder, daß die „Mrrliner Zeitung" nach Tausenden von Abonnenten zählte, daß sic die bestell Talente der indische» Nation unter ihrer Fahne versaimnelte und in der gcsammtcn gebildeten Welt eine Sensation hervorbrachte wie noch nie ein Blatt, da» sich mit Juden und Iudenthuin beschäftigte. Wie rin die Atmosphäre läuternder Blitz schlug dieses Blatt in den verwickelten gordischen' Knoten der jüdischen Berhältnifse ein. Sein Motto war: Recht und Gerechtigkeit; daher suchte r» jedem ehrlichen Strebe», da» nicht an der Karre der Ahartatanrrie und de» Autoritätswahn sinn» einerseits und de» Lotterie- und 8 l t q u e n w e s e n S andererfeit» schleppen wollte, zu seinem Rechte zu verhelfen. Die brdeu- Kinder in die Josefstädter Schule zu schicken, wie eumgekehrt der Fall ist, daß jüdische in der Josefstadt wohnende Eltern ihre Kinder in Schulen auf der Altstadt, Neustadtod. Kleinseite schicken, weil jene jüdische Ettern öffentliche jüdische Schulen geradezu perhoreSciren. Zu diesem ilebekstande gesellt sich noch die Art und Weise hinzu, wie die Josefstädter Schule situirt ist. ES muß einen jeden civilistrten Menschen, bei dem die Moral noch einigen Werth hat, die Situation der Josefstädter Schule mit Abscheu erfüllen, wenn er in seiner Umschau der überwuchernden Prostitution Gewahr wird, welche nicht dazu geeignet ist, der Jugend die AnfangSgründe jener Moral beizubringcn, die sie dereinst nicht zu Staatsbürgern qualificirt, welche der menschlichen Gesellschaft zur Ehre gereichen, lind wahrlich kein Viertel der altehrwürdigcn Königsstadt kann sich eines solchen UeberflußeS an Spelunkcn, Kneipen und anderen entehrenden Hallen aus denen die Entsittlichung blickt, rühmen, worüber die k. k. Polizeidirektion auf Wunsch deS k. k. LandeöschulratheS hätte Aufschluß geben können, warum sollte zenes Viertel nicht geeignet sein, eine öffentliche Schule zu besitzen, wenn in ihrer nächsten Nähe die Moral in so auffallender, in die Augen springender Weise tradirt wird? Nach allem dem kann man den großen -Nutzen ermessen, der der Jugend mit dem Fortbestände der Josefstädter Schule erwächst. Wir stellen keine riesige Anforderung, wen» wir von Hrn. Dr. Wiener als langjährigem Mitglied der jüdischen Gemeindevertretung verlangen, den Situationsplan der Josefstädter Schule genauer;n kennen, und wir können es dann unmöglich glauben, daß Herr Dr. Wiener in seinem Referate da» Beste der Jugend im Auge gehabt habe. ES ist trndsten Talente auf dein Gebiete der jüdischen Literatur, die unter den Sumpfpflanzen der Philipps» nschcn, Fr a n ke l s ch en und G e i g e r s ch e n Schule sich nicht cmporarbeitcn konnten, fan» # den hier einen fetten ergiebigen Boden der Erkenntniß und der ' Sich-Geltendmachung. Aber die „Merliner Zeitung" hatte noch eine andere Mission: Die Heuchler, Scheinheiligen und Jesuiten zu entlarven, deit Gauklern die freche Maske vom Antlitze zu re iß e n und den heimtückischen Despoten in dem Rabbinar Seminar die letzten Loebcercn, die sic sich erschlichen, unerbittlich zu zerreißen und in den Koth zu treten. Die Bonzen de» Seminar» zitterten und schleuderten Blitze nach allen Weltgcgenden, um Dr. Mäscher unb Ludolph Tuhok zu verderben — aber für die Pfaffen viel zu spät, denn der Nimbus der Miickcranstalt war zuin Teufel, die Glorie der Nnfehlbarkeit. womit sich diese» Völkchen schlau zu verschleiern wußte, war geschwunden, — — da» Seminar in Br. h a t seit dieser Zeit aufgehört, gefährlich zu werden. E» wurde lächerlich. Es wurde ein für a ll e Mal brauchbares Kanonenfutter f ü r den „Kladderadatsch" und die „Wespen." Ludolph Tuhok hatte sich auf die edelste Weife gerächt! Ja, fast alle die, Blitze schleudernden, wie Mitraillrnsen und Shrapncl» verwundenden Artikel gegen dir Mucker und Jesuiten rührten au» seiner Feder her: sie verschaffen ihm einen enropäischcn Namen in der jüdischen Literatur, große Feinde, aber noch viel größere Freunde, die für ihn Hab' und Gut aufzuopfern bereit waren I — — Das jüdisch-theologische Seminar in Br.ergriff alle, selbst die schnödesten Mittel um Ludolf Tuhok zu vernichten. 86 acceptirtr mit Freuden den Rath der „Zehn" die den Direttor und die Lehrer dazu drängten, auf die schwarze Tafel der Anstalt folgende Erklärung (in der Abwesenheit und der Entfcrnung unsere« Freunde» von Br.) zu Helsen: „Der 8tiid. phil. Ludolph Tuhok au» K. in Ungarn hat sein collsiiium sdeuvcki erhalten. .“ Al» diese niederträchtige Lüge.nicht» half, da suchte man durch a n o n y m e und pseudonyme Inserate dem Mttredatteur der „Merl, ö." Schaden zuzufügen. Au» dem Wüste der gegen ihn gemünzten Annoncen wollen wir — der Komik we-