Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 38 (16.9.1870)
- Date
- 1870-09-16
- Page
- Seite 346 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Haltung Eigentlicher Vorträge (Deraschoth) in der Synagoge. b) In der Vollziehung von Trauungen, Scheidungen und Ehalizoth. e) In der UebLrwachung der unter seiner Eontrolle stehenden religiösen, kultuellen und rituellen Gemeinde. Institutionen, Schochtim und analogen Funktionäre. Die Entscheidungen de« Rabbinerhaben nur dann Giltkraft, wenn sie in den Bestimmungen de- Schulchan- Aruch ihre Begründung haben. Als Rabbinen dürfen nur solche Personen angestellt werden, die von drei in orthodoxen Vreisey anerkannten Rabbinen zur Bekleidung des Rabbineramtes die Autorisation erhalten. Jede Gemeinde ist verpflichtet, für die Führung der Matriken in einer der landesüblichen Sprachen, im Sinne der dießbezüglichen LandeSgesetze Sorge zu tragen. Für die Einführung der Matriken ist die Gemeinde, für die richtige Führung derselben da» von ihr damit betraute Organ verantwortlich. Jäsdereny (Ungarn), den 13. Ab. Vergangenen Samstag wurde der hiesige Bezirks-Rabbiner, Herr Aron Büchler, .it einem besonders seltenen Besuche beehrt. Der Obrist Graf Z i c s y war vor einigen Tagen hier angelangt, um das hiesige Militär zu inspicircn. An diesem Tage begab er sich zu dem Herrn Rabbiner mit noch zwei hökstrn Ofizieren, um demselben seine Ehrerbietung zu beweisen. In seinen Begrüßungsworten sprach er aus, daß er mit seinem Besuche dem Volle zeigen wolle, daß er keinen Unterschied "zwischen Juden und andern Nationalitäten kenne. Krakau. Am 17. August starb dahier Herr David Rappoport, Sohn des scl. ObrrrabbinerS S. P. Rappoport in Prag. In letzterer Zeit befaßte er sich mit der Herausgabe der literarischen Werke seine» Vater». Ausland. Mains, 1. September. Herr Ludwig Ba mb er qer (Abgeordneter für da» Zollparlamcnt, Israelit), der Mainz mit dem königlichen Hauptquartier in Begleitung des Grafen BiSwarek verlassen, ist dem neuen Gouverneur des Elsaß, Grafen BiSmarck-Bohlen, für die Organisation dieser Provinz attachirt worden und befindet sich zu diesem Zwecke jetzt in Hagenau, das bis zum Fall StraßburgS Sitz der Administration des Elsaß ist. In London hat sich ein nationale- Eomite gebildet, welche» Gelder für die Verwundeten sammelt, daö zu gleichen Theilen für die Deutschen und Franzosen bestimmt werden soll. Die Herren Barone v Rothschild haben hierzu 12000 fl. Gebr. Stern 2400 fl., und Grbr. Raphael 1200 fl., sowie noch viele andere Glaubensgenossen kleinere Beträge gegeben. San Fransirro. Ein Jude, Namens Lewis Seligmann, wurde jüngst in L'unzlry Ranch todt gefunden; derselbe war im Besitzt von mehr al» 10,000 Dollar. Man fand bei ihm den Entwurf eine» Testament», nach welchem er der Gemeinde „Schearith Israel" 0000 Dollar und dem deutschen Hospital ebenfalls (>(XH) Dollar vermachen wollte. Da aber doflelbe nicht von ihm unterschrieben war, so ging da» Vorgefundene Vermöge» in den Staatsschatz über. Sydney. Sehr erfreulich ist, daß selbst in den entfern* testen Gegenden und in den südlichsten Ländern wie in Australien, wo sich erst in neuerer Zeit größere jüdische Gemeinden gebildet haben, nach und nach diejenigen wohlthätigen Institutionen entstellen, wie sie schon von jeher >'n den europäischen Gemeinden sich befinden. So hat die jüdische Gemeinde in Sydney am 15. Juni eine Generalversammlung abgehalten, in welcher beschlossen wurde, eine nb? non 'in zu errichten, au» der unbemittelte jüdische Mädchen bei ihrer Verheirathung wenigsten» <*00 fl.erhaltrn sollen. Ein Eomite wurde ernannt, da» dieselbe baldigst in'» Lebe» rufen soll. Kunst, Theater und Literatur. — -rutsche Bühne. Samstag stellte sich im Neustädter Theater der jugendliche Charakterspieler Herr Karl Löwe ein geborener Präger, in einem einmaligen Gastspiele dem Publikum seiner Vaterstadt vor. Er spielte den Shylok im „Kaufmann von Venedig." Ehe wir un» in ein Referat einlassen, müßten wir zuvor dem Gast die Wahl einer so undankbaren und nicht zeitgemäßen Rolle wie die deS SHYlok zum Vorwürfe machen, würden wir nicht wissen, dadiese Rolle dem Gaste vom Direktor de» deutschen LandeStheater» förmlich oufoftroirt wurde. Die Anforderungen die an den Darsteller des Juden Shylok gestellt werden, sind schon deßhalb von so gigantischer Größe, weil daerniedrigende und fast an» Uebermenschlicke grenzende Moment, durch eine eminente Auffassung der Rolle gedeckt werden müsse, um den ungerechten Abscheu, den ShylokS Charakter hcrvarruft, zu bannen. War man doch stet» gewohnt, in dem Juden die Jncarnation gemeiner Thätigkeit und niedriger Empfindung, zu erblicken, warum sollte auch nicht Shylok stets in seinem Repräsentanten, den Interpreten eine- Charakters finden, wie denselben die Zeit, wo man nur die Schatten einebedrückten und in seinem Fesseln schmachtenden Volkesah, verlangte. Jene Zeit ist bereits vorüber, wo man auf den fleißigen Mann mit Verachtung sieht, die Zeit aber muß auch auf den Darsteller de- Shylok wirken, diesen nicht zu einer Abart menschlicher Gesellschaft, nicht zu einer Verzerrung alle» Menschlichen zu gestalten, weil der Darstallcr eben den Werth de» erworbenen Besitzes kennt und Principien eines dem Müßiggänge huldigenden, schwärmerischen Kaufmannes (Antonio) verachtet. Mit Shylok spricht man heute: „Gewinn ist Segen wenn man ihn nicht stiehlt." E» ist nur vernunftSrichtig und menschlich, das irdische Gut auch als Gut anzuerkennen. Shylok'» Auffassung für irdischen Besitz fällt aber in eine Zeit und unter Menschen, die weder ihn noch seine Auffassung verstehen. Au» eben dem Grunde suchten die Darsteller der alten Schule den Shylok förmlich zu entmenschlichen und zu einem Zerrbilde zu machen. Die neueste Schule, als deren Schöpfer wir Davison anerkennen, will die Darstellung de« Shylok ganz anders haben. Davison bildete aus dem Shylok einen tragischen Charakter. In Davison sah man die Gestalt und daS Schicksal einegroßen, miskanntcn BolkSstammeS über die Welt bedeutenden Bretter gehen, Davison wußte mit dem Aufgebote aller Kunst das Innere des Menschen und deS Zeitbewußtseins herauSzukehrcn. Der neuesten Schule schien Herr Löwe, so weit es dessen Auffassung verathen ließ, nicht zu huldigen, er wendete zu sehr die materielle, weniger die psychologische Kehrseite herau». In der Scene,-in der er bereitder Entführung seines Kindes Gewahr geworden, zeigte sich zu wenig der Kampf zwilchen dem natürlichen Gefühl, das unter allen Umständen nicht unterdrückt werden kann, und dem religiösen Fanatismus, der ihn zu dem Menschlichen ganz unerklärlichen Ausrufe verleitet: „Ich wollte meine Tochter läge todt zu meinen Füßen und hätte die Ohrringe und Dukaten!" Seine Tochter ist allerdings todt für ihn, sobald sie ihrer Religion untreu wird. Doch übertäubtc der jugendliche Darsteller seinen Schmerz über den Verlust der Tochter zu sehr mit der Vorstellung von dem Verlust de» Geldes. Diese beiden Momente lodern allerdings in Shylok die Rache auf, die allein den Impuls seines Empfindens, Denkens und Thnns au»- macht, während Herr Löwe den Verlust de» Geldes zur Hauptden der Tochter zur Nebensache macht. Ganz anders und richtiger faßte Herr Löwe die Scene der Begegnung mit Antonio auf, in welcher jener die eiserne Consequenz zur Geltung bringt, die dem ganzen Volksstamme anhaftet. Als gelungcn ist die GerichSscene zu betrachten, in der Herr Löwe mit gemessener Ruhe und im Vollgefühle seines Rechtes spielte, der Moment jedoch, in dem der Richter dem Shylok da» > Urtheil fällt, entbehrte jener Alterirung, durch die Davison > auf das Publikum fast markerschütternd zu wirken weiß. ES