Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 38 (16.9.1870)
- Date
- 1870-09-16
- Page
- Seite 343 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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l 343 üblich war offen gehalten, und nach Bedarf an der Nltstädter deutschen Volksschule die nöthige Anzahl von Parallelklassen eröffnet werden sollen. Ein so offene- und ehrlichem Entgegenkommen deS pro« -er StadtratheS, mit dem dieser die trotz der RcchtSbasiS, auf der sich die Stadtgemeinde befindet, von der CultuS-Repräfentanzclique ju einer politischen LergcwaltigungSfrage hinaufgeschraubte Angelegenheit zu schlichten entschlossen ist, bedarf keines weiteren Commentars, es sticht in der That gewaltig ab von dem hartnäckigem Gewaltakte der isr. Kul» tuS-Repräsentan;, mit dem sie förmlich bindende Aktenstücke umstoßen und die Rechtskraft eines Vertrages außer Wirksamkeit setzen will, weil einige hetzlustige Herren der Repräsentanz die Josesstädter Schule zu einer politischen Frage machen wollten, die sie anläßlich der Landtagswahlen als Rießwnr; gebrauchten, diese den jüdischen Wählern unter die Rase zu stecken. So lange die Josesstädter Schule eine Judenschule war, fiel sic in das Reffort der jüdischen Gemeindevertretung, seit dem Zeitpunkte jedoch, wo sie ins Eigcntbum der stadtgemeinde üvergegangen und des konfessionellen EharakterS entkleidet worden if', unterlag sie dem Stadtrathe. Die CultuSgemeinde-Rcpräsrntanz als ausschließliche Vertreterin jüdischer Interessen hat sich in Angelegenheiten, die die Stadtgemeinde alteriren, nicht zu mengen, wenn sich jene nicht der Gefahr auSsetzen will, der Arroganz geziehen zu werden. — Anstatt jedoch die ihr anvcrttauten Interessen der isr. Gemeinde zu schützen und zu wahren, vernachlässigt die Cul- 1uS-ReprSsentanz dieselben unter Ueberschrcitung ihrer Competenz. Wie soll und können auch die jüdischen Vertreter ihr Mandat erfüllen, wenn sie in sieter Eorrespondcnz mit einer selbstsüchtigen Clique, an ihre Aufgabe vergcffcn, wenn sie ihr Hauptaugenmerk auf Wahlagitationen richten, wenn jede« fiellern befehligt, vor dein hochgebildeten Forum des Br.er ZudenthumS (die Bummler, Narren und einige alte Jungfern machten bei diesen Worten eine tiefe Verbeugung) zu v c rurthei l c n. Ich frage Eie daher, meine Damen und Herren, was meinen Sic— ja doch ja — welche Strafe verdient der Rebell Ludolph Tuhok!" Eil» ohrcnzerreißcndcr Lärm folgte auf diese Worte des GroßkophtaS deS Muckcr.Jnstituts. Die Seminaristen schrien auf Commando : Ausweisung! Die Lehrer: Einsperrungl Die Vertreter des Frauengcschlechts: Zuchtruthcn! Die L a m d on i m und G e o n i m: S k i l o h, *•) S reph oh,")He r e g,'*) SB o i) t ti c cf!**) Der übrige Pöbel rief: Haut ihn!' Plötzlich erklang in dem hochkomischcn Wirwarr der Ausrusungen eine klare und klingende Tenorstinune, die den Lärm übertönte und manches fahle Antlitz noch todtcnbleicher machte. „Ich kann nicht länger schweigen, donnerte Ludolph Tuhok, in dem Gefühle der Versammlung wie eine schlanke Therebintc emporragend. „Der Respekt vor Ihnen, Herr Direktor, und den Lehrern wie dem sonstigen ehrcnwerthcn Br ..... er Publicum. daS in dieser Lasterhöhle vcrsanunelt ist, ist gänzlich zum Teufel Hkfahren I Ich werde nnch durch dieses jesuitische Schiedsgericht, das zu dem Zwecke meiner Demüthigmig zufammengctrctcn ist, nicht «inschüchtcru lasten. Ich spotte Ihren Drohungen und erbärmlichen Jrsuitenkünsten! Seit langer Zeit nagc.i Sic an dem Marke nicines Lebens — vor Gott, dem Allmächtigen, dcsten heiligen Drt Ihre schändlichen Ränke entweihen, spreche ich meinen tausendfachen Fluch über das S e m i n a r aus I Fluch dem Despoten, der meine Geistesschwingen beschnitten, Fluch den Lehrer», die mich aus Neid verhetzten I Fluch den Curatoren, die meine materiellen Hilfsquellen verstopften! Fluch den heuchlerischeu Hörern, die mit dem Heiligsten der Mcnschenbrust, dem Glauben und der Religion, ihr schmähliches Sankelwerk treiben! Fluch Jedermann, der mit den Kreaturen der Anstalt sich verbindet! Ja, F l u ch selbst der verpesteten geistigen und moralischcn Atmosphäre die mich hier umgiebt und meine Sinne mit ihrem MiaSma umnebeltI"- Steinigung. ") Verbrennung. ") Todlfchlag. ") Galgm Dies» find die im Talmud erwähnten vier Arten der Hiurichiung rlnesMörders. der Repräsentanzmitglieder in Eifersucht auf die vonvärtgekommenen College», seine- Amtesatt geworden, auf ein Avancement spekulirt, und dennoch in seinem Cultu-amte verbleibt, um sich wenigsten» die Hoffnung auf eine zweite Ehrenstelle nicht entwinden zu kaffen? Hierin besteht die ganze Thätizkeit der Repräsentanz oder, beffer ihreThatenlosigkeit, von der die ganze Jsraelitcngrmeinde überzeugt ist. Rückt jedoch der Zeitpunkt einer Wahl in den Landtag oder in irgend einen andern BertretungSkörper heran, da suchen die von der Gemeinde Gnaden abhängigen Kandidaten sich überall auffallend zu machen, wo sie daganze Jahr hindurch nicht zu finden sind, jeder Händedruck von solch einem rrpräscntanzlichen Landtag-diäten - Spekulanten wird für die Personifikation der Lcutseeligkeit angesehen auf kleinliche nur durch das Drängen der Gemeindemitglieder, erzielten Verbesserungen im Gemeiudewesen deutet man mit unverschämter Ostentation hin, als läge in ihr die Reduktion der CultuSstcuer oder ein der Unsterblichkeit wertes Werk. Man bezeichnet die Geist- und Machtlosigkeit des Einen mit Güte, die egoistische Schlauheit de» Andern mit einer der Gemeinde nothwcndig gewordenen Klugheit, man verwechselt vorgcbrachte Lügen einer selbstsüchtigen Cotterie mit Wahrheit, die der Gemeinde leider schlecht zu statten kommt, man läßt sich von der maßlosen Arroganz eine» jüdischen Jntriguantcn Sand in die Augen streuen, wenn er seine GaSkonadcn springen läßt, man läßt sich von einzelnen stupiden Vertreter» gegen eine ganze Nation hetz-n, als ob jene klüger, einflußreicher und mächtiger denn diese wären. Oeffnet Eure Augen Ihr getäuschten Grmeindemitglieder, lasset Euch nicht am Gängelbande der Willkühr führen, lasset Euch nicht bei vorkommenden Wahlen unsinnige-, in boshafter Absicht vorgelogeneS Zeug vorschwatzen, jene die Euch belügen, glauben ihrer eigenen Lüge, rathen Euch deß. Auf diesen AuSbruch einer verzweifelten Seele folgte ein namenloses Entsetzen. Das Seminar hatte nicht geahnt, daß der sonst so höfliche, geduldige Ludolph Tuhok, der de» Groll seines Herzenbloß in daS — Tintenfass zu gießen pflegte, eine solche Sprache zn führen verstände! Man hatte geglaubt, daß der kranke Titan, der erst vor Kurzem noch an der Schwelle deS Todes stand, alle Energie verloren und reumüthig die Pfaffe» und Pfäfflrin uni Entschuldigung bitten würde! Wagten e» ja die Iesnitlein ihm zuzurufcn: £>, deS heiligen IugcudmutheS I O, wie schnell bist Du gebändigt I Und Du hast Dich, kühlern Blutes. Mit den lieben Herrn verständigt. ch ch ch Und Du bist zu Kreuz gekrochen, Zu dem Kreuz, da» Du verachtest. Das Du »och vor wenig' Wochen In dem Staub zu trete» dachtest. — — Welche unheilvolle Enttäuschung für die Iesuite»! Wie wackelten die hohlen Köpfe! Wie wedelte der lauge Zopf I Wie verfärbten sich die heimtückischen Larven! Wie ein Cherub mit dem flammende» Schwerte der Berget, tungl^wic ein zürnender Neptun, der dir schäumenden Wellen des OcranS bändigt, stand er hoch aukgrrichtet »nt unendlicher Berachtung auf das Geschmeiß, das ihn entehren wollte. herabblickcnd. - — Dr. ist. der kalte schlaue listige PsiffiruS hatte sich zuerst wieder gesammelt, er unterbrach die Todtenstille mit folgenden Worten: „Nach Ihre» Verwünschungen zn nrtheilen, müflcn wir Sic entweder für ruchloS oder für höchst undankbar erklären, da wir Sie stets mitWohlthatcn überhäuft habend indem wir Ihnen im Scminargebäudc eine Wohnung, mit allem Comfort ausgerüstet, eingeräumt haben tK l c i n e r S ch ä ck e r!» Unter solchen Umständen bleibt für Sie und u»S nur e > n Weg übrig: e n tweder Sie widerrufe» sowohl die gefallene» Worte als auch alle die Beschuldigungen, die Cie bisher gegen das Seminar, feine Drganifatton u. f. w. geschleudert haben, — oder Sic treten aus der Anstalt auS. Cie kennen meine freundschaftliche Gesinnung Ihnen 38*