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Die Gegenwart · 1870-09-09 · 37 (9.9.1870) · p. Seite 336

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
37 (9.9.1870)
Date
1870-09-09
Page
Seite 336 (sequence 4)
Language
German
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t Am 14. Oktober 1869 wohnte er der in Berlin tagenten „Alliance torallite universelle" bei und sagt« unter Mn deren,: „Die französischen Inden waren die Ersten, wölche affe Politischen und bürgerlichen Rechte erlangten. Sie seien dadurch gleichsam die ältesten Söhne des israelitischen Volkes geworden, befähigt und geeignet, den großen Gedanken «iner allgemeinen jüdisch. Vereinigung zu fassen und zur Ausführung zu bringen. Da« sei denn auch vor neun Jahren geschehen. Er selbst sei Franzose mit Leib und Seele, sei ein -glühender, französicher Patriot, es sei ferne von ihm, in Abrede zu stellen, daß jeber Jude ein begeisterter Anhänger nnd Verehrer seines Vaterlandes sein müsse-aber wir müßten uns Alle, unbe» schadet unseres Patriotismus, zusammenfiuden nicht als französische, englische, amerikanische, deutsche u. s. w. Juden, sondern al» Inden." In diesen Worten liegt Eremieux'S Begeisterung für da- Judenthum. Ereniieux ist aber auch ein streng religiöser Jude, wohlthätig gegen die Armen, leutseelig im Umgänge und.bescheiden in seinem ganzen Leben. Nach einer ruhmreichen Vergangenheit Cremieux'S sieht ihn Europa wieder eine bedeutende Nolle spielen. Der in Folge der unglücklichenjKätastropfe bei Sedan gestürtzten Dynastie folgte die Proelamirung der Republik in Frankreich und die Einsetzung einer provisorischen Regiernng. Eremieux wurde mit dem Portefeuille de« JustizminislerinmS betraut. Seine erste That war die Hinwirkung auf eine allgemeine Amnestie. Eremieux steht heute im 74. Lebensjahre. wo e« ihn, noch gegönnnt sein möge, im Rathe der Republik an der Herstellung eines da« französiche Volk beglückenden RechtSznstandeS mitzuwirken. -—- Der Debet m\ Lhlum. (Schluß.) Wenn ei» einzelnes Schlagwort der Zeit paßend angebracht, oft einen recht schönen Effect hervorbringt, wie überwältigend wird die Wirkung sein, wenn ich ein ganze« Gewinde solcher ÄraftauSdrücke in der „Presse" erscheinen lasse, muß sich der H. Eorresp. gedacht haben und beginnt den Kranz zu siechten. Es sind zwar alltägliche schon verblaßte, an jedem Rain zu findende Blumen, die da gesammelt wer- Da Ludolph Tuhok seit 24 Stunde» in den Armen des FieberparoxiSmuö gefesselt lag, batte er einen Tag »nd eine Nacht hindurch keine Speise nnd keinen Trank *» sich genonnne»; die Lip. pen brannten ihm fürchterlich, die .gehle ivar anSgetrocknet, der Athen« sa glühend, als hätte er die untergehende Sanne in« Heiß, bunger verschluckt, Ha. wie lechzte der Verlassene nach einen« Schluck kalt«», frischen Wasser», «nie würde er den enthusiastisch geliebt baden, der ihn« eine kleine Erquickung hätte rnkonnnen lasten!- aber seit 24 Stunden kan« keine «vahlthütige Hand, die die gln- Itttibe Stirne getrocknet, keine segenspendende Hilfe die ein linder««- de» Mtdirainent gebracht hätte — ein bejannnernsivcrthc». gräsiliche» Bild de» Elends und der Trostlosigkeit tag unser ar- «»er junger Freund ans den unreine», seit.wahren nicht «««ehr mit »veche»' binnen iiberzagenen Polstern seine» Lager»-rer konnte »richt inehr meinen, der Bor» Heister Thränen ivar versiegt, er konnte nicht sprechen, die Stinune versagte ihn« de» SMeiift, aber iin Herze», in de», für die Menschheit glühenden Busen loderte der »inauSsprechliche Scknierz de« gefestelteu Proinethen», der a» den, Felsen der Nothivendigkeit geschmiedet, von den Krallen de» Geier» zerhackt wird I Aber siehe da. ivelch' ein Wunder I Die gebrochene 'geknickte Gestalt richtete sich auf einmal i» unsäglicher Kraftanstrengung in ihrem Bette ans. die blasse.«, todtbleichen .lüge «vurden mit einem jungfräulichen, lieblichen Roth überzogen, die erloschene Gluth der Augen brannte wieder von einer ß » den, ton Ehrenkranz zu kvmpletiren; aber im Nebel greff man zu und pflückt, was unter Händen kommt, ob die F«- ’fcn in die Windung paffen oder nicht. Und stark muß der Nebel gewesen fein, der um den Correspondenten sich gelegt, da er nur in dey gewöhnlichen Gassenhauern debutirte, in Gemeinplätzen, die nicht auf dem Platze waren, sich bewegte. „Starrsinn der Orthodoxen", jüdische Finsterlinge", „Jesuiten*, dieses drei blätterige Kleeblatt, das er im Nebel aufgelesen, stellt er da als den Stein de« Anstöße«, an dem alle Bestrebungen zur Errichtung einer Lehranstalt für RabbinatS- Eandidaten scheiterten. Es muß mit der Opferwilligkeit der Liberalen, Gebildeten, Freisinnigen und Vorwärtsstrebenden sehr schlimm auSschauen, man könnte fast an dein Ernste nnd der Aufrichtigkeit ihres Streben« zweifelnwenn sie nicht im Stande sein sollten auch ohne Orthodoxe und jüdische Finsterlinge eine solche Lehranstalt nach ihrem Bedarf« ins Leben zu rufen. Doch dafür kann der CoreSp. nicht, deshalb können wir nicht ihn zu Rede stellen, der Nebel hat fein Gedächtuiß geschwächt und er deshalb vergessen, auch den Mangel an Opferwilligkeit als Grund anzuführen, weshalb eine solche Anstalt noch nicht gegründet ist. WaS wir jedoch vom H. Correspondenten verlangen können, ist, daß er wenigstens wisse, was er schreibt, daß er sich erst die Begriffe zurecht lege, bevor er mit ihnen herumflunkert. „Starrsinn der Orthodoxen"! was der H. Eorresp. als ein schmähliches Epitheton hinzufügt, macht eben das Wesen der Orthodoxie. Die Orthodoxen halten fest an da« überkommene Gesetz, da« gehört zn ihrer Rechtgläubigkeit; wären sie nicht so beharrlich, ließen sie mit sich feilschen, dann haben sie auch auf die Orthodoxie verzichtet. Nun, einen solchen festen Sinn, der nicht bei jeder Forderung gleich bereit ist. etwas davon abzugeben, und talmudische Gelehrsamkeit, die auf alle religiösen Anfragen Bescheid zu geben weiß, da« fordern sie auch von ihren Rabbinnen, die anderweitige Bildung finden sie ebenfalls schön und nützlich, doch erst in zweiter Reihe füi^ den Rabbiner. Läge ein Plan vvr, nach welchem daö talmudische Wissen nicht verkürzt würde, kein ehrlicher Orthodoxe würde dagegen eine Einsprache erheben; jedoch eine Lehranstalt für Rabbiner, in welcher alles Mögliche viel und gründlich tradirt wird und nur das rabbinische Wiffen in homöopathischen Dosen verabreicht wird, müssen sie perhor« reSziren; denn aus solchen Anstalten können wohl die gelehrtesten Männer hervorgehen, doch Rabbiner im wahren Sinne de« Wortes sind sie nicht. Ein noch dichterer Nebel hält den H. Corp. befangen, wenn er meint, die Gemeinden in Oesterreich holen sich ihre Bf—MB«—■■ verzehrenden Flamme, die Hände ballten sich krainpfhaft zufammen uiid ein entsetzlicher Schrei cntivand sich der gefolterten von unsäglichen Qualen zermarterten Brust. Ludolph Tuhok «var urplötzlich um zehn Jahre älter genwr. den! Der Jüngling hatte alle Jugendfrische verloren, ein Bcränderter, von den SchicksalSschlägcn wund gepeitschter Wann erhob sich au» seiner Matratzengrust. Ein däinonischer mild lodernder, die furchtbarste Energie vcrrathender Blick richtete sich drohend nach dem Karten de» Semlnar», >vo die ganze heilige Hermandad de» Jcsuitcneollegluins vollzählig versammelt war. Die Hände zitterten, die Kniee schlotterte», aber Ludolph wankte nicht. Eine Alle» ben'ältigende, nrinächtige Idee schien ihin plötzlich eine Wnnderkraft verliehen und diesen kranken Leib «nit einem belebende«« galvanischen Stroin ausgerüstet zn haben. Welcher Gedanke hatte, wie «nit einem Zauberschlage, den kranken Leu an» seinem Käsig emporgeschnellt und ihm die verlorene, zernialincnde Kraft wieder gegeben? Dieser Gedanke, der Ludolph beherrschte und seine Seele mit wollüstigen Behagen erfüllte, «var — die Rache! Wie der Würge gel der Rache blickte Ludolph Tuhok starr und erstarrend in den Garten hinab, wo die Schlangen de» Seminar» unter blühenden Rosen lustivandelten, kosten und — »e» gifteten. — —

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