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Die Gegenwart · 1870-09-02 · 36 (2.9.1870) · p. Seite 329

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
36 (2.9.1870)
Date
1870-09-02
Page
Seite 329 (sequence 5)
Language
German
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I 329 Worte irr Nr. 33 meiner Wochenschrift niederschrirb, wäre ich noch sehr bereit gewesen, einer angemessen gehaltenen Aufforderung zu entsprechen und die Andeutung zu erläutern und zu begründen. Seitdem hat die Schriftstellerei des Genannten, als Kohut oder Tuhok eine Richtung tingeschlagen, die eS mir unmöglich macht, irgendwie, privatim oder öffentlich, schriftlich oder durch die Presse mit ihm in Berührung zu treten, in einem Wort- oder Schriftwechsel mich mit ihm einzulassen. Er hat. selbst dafür gesorgt, daß ich der Mühe, diese Weigerung zu begründen, überhoben bin. Er kann von mir halten, und über mich erklären, was er will; es ist mir vollkommen gleichgiltig. Er beliebe jedoch immer seinen Namen unter seine betreffenden Erklärungen und dgl. zu setzen. Stettin 29. August 1870. Trcuenfcls. V An die Adresse der jüdischen presse" in Berlin. Die „Jüdische Presse" in ihrer Nummer von 20. v. M. findet es unbegreiflich, „wie wir es über uns gewinnen können mit welcher Begeisterung gegen Alles (?) Deutsche loSzuziehen, und alles, was nicht Lcchisch ist, hcrunterzureißen," Hierauf ist ein für allemal zur Direktion: WaS sie mit diesem BerwunderungSauSstoße uns imputirt, ist uns in Wirklichkeit niemals in den Sinn gekommen, wird sich auch absolut nicht Nachweisen lassen. Auf dem correcten Standpunkte ehrlicher nationaler Gleichberechtigung stehend, ist es weder deutsche Cnltur noch deutsches Intereffe, geschweige denn Alles Deutsche, wogegen wir losziehen, und ebensowenig alles (Techische, was wir preisen. Wofür wir aber allerdings einstehen und einzustehen nicht aufhören werden, ist daö unveräußerlich böhmische S t a t S r e ch t, innerhalb dessen dem deutschen Elemente freilich wol keine Vorherrschaft eingeräumt, dafür aber beiden Nationalitäten des Landes in Allem und Jedem ein gleiches Recht gesichert ist. Uns zumuten, aus angeblichen confessionellen Rücksichten das gute ehrliche Recht zu verläugnen, zeigt von einer ebenso frivolen Moral, als darauf am besten die eigenen Worte der „Jüdischen Presse" passen: „Wir sind keine Politiker!" *** Journalistisches. Die in Berlin erscheinende „Jüdische Presse" hat, bevor wir sie abfcrtigten, sich selbst abgefertigt', denn nach einer Mittheilung der „Jsr. Wochenschrift" hat die „Jüdische Presse" diese Woche;n erscheine» aufgehört. *** Hoff in proßnih. Nach einem Privatschrcibcn, daö unS freundlichst zngemittclt wurde, hielt Sr. Ehrwürdcn H. Dr. Hoff am 23. v. M. in Proßnitz einen förmlichen Einzug, dem unmittelbar eine ergreifende Rede Hoff'ö folgte. Den hierauf folgenden Samstag hielt er nebst zwei Reden an Confirmandcn die eigentliche Antrittsrede, die mit Begeisterung anfgenommen wurde. Nach dem Gottesdienst begleiteten die Honoratioren der Gemeinde den Rabbiner in seine elegant eingerichtete Wohnung, um ihn zu begrüßen und zu beglückwünschten. Nachdem sich jene entfernt hatten, übcrbrachte der Gemeindesekrctär im Rahmen der Repräsentanz dem so rasch beliebt gewordenen Rabbiner alö Zeichen der Verehrung ein Geschenk, bestehend in einem Etuis, dcß Inhalt eine prachtvolle silberne Speise-Garnitur für sechs Personen bildet. Nachmittags 3 Uhr erschien im festlichen Zuge der ganze EultuS-Vorstand, die Vorsteher sämintlicher humanitärer Vereine, der Lehrkörper, sechzig Personen an der Zahl im Hause dcö Rabbiners, um ihn zu begrüßen. *** Ein Wort an die Mischen Lehrer. In allen Vereinen finden wir ein reges Leben, in nächster Zeit werden hier eine böhm. und eine deutsche Lehrcrvcrsaminlung tagen, nur der jüdische Lehrervcrein in Böhmen verharrt in seiner Lethargie. Bevor sich dieser Verein constituirt hat, fand man in eigenem Lager nicht genug Worte des Tadels und bitlern Hohns über den Mangel an eine den jüd. Lehrer in Böhmen vertretende Körperschaft, heute wo er besteht und selbst von vielen Gemeinden unterstützt wird, zeigt sich eine Lässigkeit, und Indifferenz, wie sie nur auf ein baldiges Hinsiechen einer so hochwichtigen Institution schließen laffen. Die Schuld trifft einzig und allein die jüdischen Lehrer selbst, jeder von ibnen möchse gerne Vorstandsmitglied de- Vereines sein, niemand ist auf die Erhaltung desselben bedacht, um ihn zu einer der vorgezeichnetm Tendenz würdigen AufluchtSstätte zu machen. Den Lehrern, die als Muster der Eintracht uud Consequenz dienen sollten, geht alle Harmonie ab, und nur in dem Gedanken, daß der Verein vhne'Hinzuthun eines Jeden proSperiren müsse, laffen sie die Hände in dem Schooße liegen und den Verein zu Grunde gehen. Wir, aufgemuntcrt von einigen um die Existenz des Lehrer- Vereins besorgten Lehrern, fordern alle jüdischen Lehrer Böhmens auf. sich aufzuraffen, um das einmal aufgeführte Gebäude nicht dem Ruine entgegenzuführen. Sie mögen daher in ihrem eigenen Interesse sich wieder einmal in Prag vollzählig einfindcn, um das nahezu verlöschende Licht wieder zu Leben zu bringen. Zur Erleichterung der Reisekosten dürften gewiß die Bahndircktionen auf Ansuchen des Vereins- Vorstandes den Lehrern die Fahrpreise ermäßigen. Inland. Sonntag Nachmittags war mit dem Oderberger Zuge ein israelitischer Handelsmann aus Polen in prerau angekommen, welcher im höchsten Grade die Aufmerksamkeit der im Bahnhofe Anwesenden rrregte. Napoleon auf der Flucht, hieß cs von allen Seiten und jeder drängte sich heran, um den interessantenFremden zu sehen, der sich im Waggon einschließcn mußte, um sich den lästigen Blicken der Neugierigen zu entziehen. Der Reisende soll in der Thal eine solche auffallende Achnlichkeit mit Napcleon gehabt haben, daß eS sich viele Anwesende nicht nehmen ließen: LS s der Kaiser auf der Flucht! Man scheibt aus Dedreefin: Am 14. d. M. fuhr ein fremder israelitischer Kaufmann, der auf den Markt Hetzer gekommen war, über den Hauptplatz, ein Bauernweib stand auf der Fahrstraße und wollte trotz der Zurufe nicht aus« weichen. So kam es, daß der Wagen, der in dem lebhaften Gedränge gleichfalls nicht ausbiegen konnte, ihr Kleid streifte und beschädigte. Kaum war dies geschehen, als sich auf das Geschrei dcS WcibeS der Pöbel um den Wagen drängte und ein Maurergeselle dem Israeliten einen schallenden Backenstrcich versetzte, welcher den Jnsnltirten, einen 75,jährigen Greis, auf einige Minuten bewußtlos machte. Mehrere Zeugen des Vorfalls begaben sich mit ihm zum Unterstadthauptmann, wurden aber nicht vorgclaffen. Dagegen empfing dieser würdige Beamte, 2 z a h o heißt der Wackere, der Schwager und Bruder dcö rohen Maurers, und auf oeren Darstellung hin wurde der Geschlagene, der noch dazu de« Wagen nicht selbst gelenkt hatte, sondern mit einem Kutscher fuhr, ohne Verhör in Arrest gebracht und ihm bedeutet, er werde nicht eher befreit werden als bi» er sich mit dem Maucrcr ausgeglichen. (!!) Zum Glück kam der Mauerer gegen Abend in das Gefängniß und verlangte von ihm 0 fl., der Jsraclitc verstand sich zur Bezahlung dieser Summe, worauf er freigclassen wurde. So geschehen im Jahre der Konstitution in der k. Frcistadt Dcbrcczin I Ausland. Berlin. In der „Voss. Ztg." ist ein „offener Brief an den Präsidenten des Eentral-EomiteS zur Pflege verwundeter und erkrankter Krieger, Herrn v. Shdow" veröffentlicht worden. worin gegen die in den öffentlichen Aufrufendes ComiteS, sowie in dessen Antwortschreiben an da» Pariser Comite zu Tage tretende Betonung der „christlichen" Mild» thäligkeit protestirt wird. Der Schluß des Briefelautet: „Wir fragen nicht, welche EonfeffionSgenossen mehr oder minder zur Linderung allgemeiner Calamitätcn beitragen, bat» aber dürfen wir, ohne Widerspruch zu fürchten, offen ans-

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