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Die Gegenwart · 1870-09-02 · 36 (2.9.1870) · p. Seite 328

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
36 (2.9.1870)
Date
1870-09-02
Page
Seite 328 (sequence 4)
Language
German
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328 I Da hieß e-: entweder ihr verbleibet in Euerer alten, Gebräu che.getragrnrn Religion und kann doch kein Strahl des Lichte- Euer Haupt durchblitzen oder ihr sauget sie ein» die Licht« flute« unserer Aufklärung und werfet Eurer Ahnen geheiligte durch Jahrtausende getragene Sitten und Bräuche über Bord. Die Halbrti unter uns stürzten dem Titeln nach und waren selbst eitel. Die echten, rechten Juden riefen schwermüthig: Wir wollen, aber wir können nicht. Da war ein Mann aufgeftanden, der mit kühnem Muthe aufs Schlachtfeld trat: Wir können, aber wir wollen nicht! lautete sein Wort! Auch ich habe gekostet von den Früchten der Zeit, auch mich verklärt der lichte Kran; Eure« Wissen- und Eure- Verstehens; auch mein Wort klingt jung und neu, wie da« Euere; aber ich will die Siegesfahne der neuen Wis. Seilschaft auf die Zinne des alten Judenthum?« pflanzen und also vereint da« große Werk verrichten, daß mich nicht mehr Euer Weiser schwärze, mit dem ihr mich „finster" scheltet. Und dieser Mann war Samson Raphael Hirsch, dessen Wirkcn auch von den» ihm gerade gcgenüberstehenden Geschichtsforscher Jost gewürdigt und anerkannt wurde. (Sithe Jost Geschichte de« Judenthum« und seiner Sekten 3. Baud). — Mit ihm begann für da« orthodoxe Judcnthum eine neue Aera. Die Kcnlcnschläge der Reformmänncr fielen zu Boden. Das alte Schlagwort r Ihr seid Finsterlinge! wurde durch sichtbare Beweise Lügen gestraft. Die echt jüdische Wissenschaft begann zu blühen. Deutsches Wort ertönte in den orthodoxen Beth» häusern. Rene Schulen erstanden, in denen neben den jüdischen Wissenschaften auch weltlich Wissen gelehrt wurde. Ein „klirr Geist zog in die Gemeinden und daö Judenthum hatte sich vermählt mit den Anforderungen der Zeit, ohne daö geringste seines eigentlichen Wesens cinzubüßcn. Die Reform war lahingclegt, da Männer wie Sachs, Frankel, Adler, in demselben Geiste wirkten. — Bei 1111« in Ungarn hatte diese sogenannte Ren-Orthodoxie erst in den letzten Jahren an Terrain gewonnen. Aber rin Aufschwung der Gemeinden und Schulen ward geschossen, der jede« jüdische Herz vor Freude erzittern ließ.— Bei un« war der Gegensatz zwischen Licht und Finstcrniß größer, al« anderwärts. Die orthodoxen Rabbinen verbannten alle« Reue, alles was nicht talmudisch war, auö ihren Lchrstätten. Die Reformer hingegen wollten geradezu radikale Rcucrungen schaffen, die mit dem jüdischen Geiste ganz und gar eollidirtc». Diese Kluft hat nun die Reu-Orthodoxie übcrbrinkt. Während sic einerseits von der altcrcrbtcu Religion »in fein Zoll wich, und am TraditionalismuS unverbrüchlich festhiclt, halte sic die Errungenschaften der Rcnzrit in ihre Schulen gebracht und so nach beiden Seiten hin Genüge geleistet. Die Shnagogal Einrichtungen derselben sind ganz die der Alt Orthodoxie. Rux i» der Lithurgie ist ein kleiner Unterschied vorhanden. Während jene den Ehorgesang verpönt, hat diese gegen d»e Einführung desselben nicht« eiuzuwcnden und ertönen in ihren Tempeln liebliche Weise», die da« Herz entzücke» und znr wahren Andacht und Anbetung hinrcißcn.— Während jene deutsche« Wort und deutsche« Wissen verbannt, verkündet in den Tempeln dieser in rein deutscher oder auch ungarischer Sprache, der Rabbiner Gotte« Wort und Gotte« Lehre. — Auch sind die Mißbräuche, wie da« Schulklopfcn, Haman«.Klopsen u. s. w. abgeschassl, die dort in üppigster Blüthc stehen. Die Schulen der Weit Orthodoxie stehen auf der Höhe der Zeit. — Seit Schaffung de« 1868 Landes-Schulgesetze« bestrebt sich dieselbe ihre Schulen in Simultan-Lchr-Anslalten anfgchcn zu lassen, um so die Schranken zu zerbrechen, die Menschen von Menschen zu trennen, während sie den Religionsunterricht selbst unterrichtet. Uebcrhaupt gibt sich in d en Gemeinden, die die bczeichncte Richtung verfolgen, eine lebhafte Theilnahme an allen Jüdischen kund, die nicht genug gelobt werden kann. So hätten wir denn die Orthodoxie unseres Heimatlandes nach bestem Wissen und Gewissen geschildert und behalten wit un« „och vor. ihr Berhttttmß zum weilberüchtig, ten Congreß in einigen Zügen anzudeuten, bevor wir da« jenseitige Lager Revae paffire« lassen. Schmied. Wocheuchromk. *** Erste Thal des Jostffiädter Landtagsadgeordneten Dr. Wiener. Mittwoch gelangte im böhmischen Lqndtag die kaiserliche Botschaft zur ersten Lesung. Nachdem Te. Excellenz Graf C l a m - Mart in i c den Antrag stellte, der h. Landtag wolle beschließen, eS sei die kaiserliche Botschaft einer Commission zuzuweiscn, welche über die Art und Weise der Behandlung einen vorläufigen Antrag zu stellen habe, war Dr. Wiener der Ansicht, daß die kasserliche Botschaft keine Regierungsvorlage, sondern lediglich eine RegierungSmittheilung sei und daher nur als solche behandelt werden könne, worauf der O b e r st l a n d ma r s ch a ll konstatirt, daß die kaiserliche Botschaft ordnungsmäßig durch ihn als eine Regierungsvorlage dem h. Hause zur Kcnntniß gebracht wurde. Der Opposition deSHrn Wicncr gegenüber, die wahrscheinlich auf dem Mangel au Bcrständniß beruhte» müssen wir hervorheben, daß der Abgeordnete Dr. Schmeykal für den Antrag de« Grafen Elam-Martinic gesprochen hat, der auch nach einer längeren Debatte mit dem Zusatzantrage des Abg. Dr. Banhanö angenommen wurde, daß jener Antrag als ein dringlicher zu behandln ist. Die Joscfstädter Inden, die Herrn Dr. Wiener zum Landtagsabgeordneten „gemacht" haben, mögen demselben für den ersten Stuß eine Dankadresse votiren, andere Stusse werden schon Nachfolgen. V Agitatoren bei der letzten Landtagswahk in derIostfstadt. David Zappert Eultusrcpräscntant und Samuel Jtzelcü AmtSdiener, Dr. Markus Teller und Simon Stein AmtSdicncr, Anton Bondi sammt Familie und der jüdische Badcwärtcr Friedländer, Brüder Austerlitz und der Hausmeister Altfchuh überdieß war Stimmcnkontrollführcr der Todtenhauöwächtcr Scligmann Basch. Wir beschränken uns vorläufig auf diese kleine Zahl und scheuen uns nicht, jene komunal historischen Persönlichkeiten nahmhaft zu machen, selbst auf die Gefahr hin, daß die einen in ihren Spcichcllcckümtcrn steigen, die.andern mit Remunerationen und Gehaltaufbcsferungen bedacht werden. *** I« den Landtagswahlen. Der „Politik" wird aus Horic berichtetDen ersten Wahlzelle! nach der Kommission gab bei uns der Ehrenbürger Herr I. Mauthner ab, ein Mann, den mau ein lebendes Seculum nennen könnte, und der, trotz seiner 100 Jahre sich es nicht nehmen ließ, a» diesem Tage seine Bürgerpflicht zu üben und zur Wahlurne zu schreiten, und mit Gcnugthuung heben wir eö hervor, daß politische Ucbcrzcugung ihn zu diesem Schritte bestimmt. Möchten doch die Juden Böhmens von diesem Manne, der mit geistigem Auge die politische Entwickelung Europa« seit fast einem Jahrhundert zu verfolgen, daö seltene Glück genoß, nnd der noch heute mit jugendlich geistiger Frische die politische Situation beobachtet und bcurthcilt, lernen, wo ihr wahres Wohl und Heil zu finden ist. *** Erwiderung Bon Herrn Dr. A. Treuenfcls Rabbiner in Stettin werden wir ersucht, folgende Erwiderung auf die in letzter Rümmer dieser Blätter von unserem Mitarbcilcr Herrn Adolf Kohut reproducirte Erklärung aufzunchmcn. AuS kollegialen Rücksichten können wir die Aufnahme nicht verweigern, wiewohl wir zu derselben keinen Grund haben, nachdem sich der Redakteur der „Israelitischen Wochenschrift" Herr Treuenfcls einigemal das Vergnügen machte, unser Blatt in schonungsloser Weise anzugreifen, da« sich jedoch nie zu einer Abwehr herbeiließ. Die Erwiderung des Herrn Treuenfels lautet: Verchrliche Redaktion! Die in Nr. 35 der „Gegenwart" enthaltene, Adolf Kohut Unterzeichnete „Erklärung" habe ich gelesen. Als ich die dort besprochene»

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