Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 36 (2.9.1870)
- Date
- 1870-09-02
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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327 sion zwischen den kriegerischen Parteien zur friedlichen theologischen Lehranstalt. Wir sind wohl dem H. Correspondenien Dank schuldig für deßen Mitlheilung, daß die hohe Regierung die Initiative in Betreff einer theologischen Lehranstalt für Israeliten ergriffen, übrigenaber müßen wir doch sagen, er steht unter dem Einflüße eine- Nebel«, der seinen Gesichtskreis beengt und sein Gedüchtniß schwächt. „Eine lange Weile" meint zwar der H. Correspondent selbst dürste es noch bi« zur Realisirung dauern; wa« versteht jedoch der H. Cor. unter -„lange Weile", daß er jetzt scheu Rathschlägc erlheilt, die bi« zur Realisirung gewiß schon vergrßcn sein werden? Hat der H- Cor. noch uirmal« gehört, oder schon vcrgrßen, daß am 8. November 1850 auf Anordnung de« hohen Ministerium« eine Notabeln Versammlung zur Regelung der israrl. CultuSgemcindcn in Böhmen nach Prag einberufen wurde — Tmd diese Versammlung hat wochenlang getagt, brrathen und beschlossen — und heute nach 20 Jahren ist noch keine Bestätigung, wiewohl auch keine Ablehnung erfloßen, und da brauchten doch nicht erst verschiedene Statthaltereien ihr Gutachten abzugeben? Da« einzige Resultat dieser Berathung ist, daß die früher gesetzlich bestandene Ordnung au« Rand und Band gegangen ist. Bon da an sehen wir den H. Cor. in vollständigem Nebel tappen. Die RabbinatSschule in PreSburg nennt er eine „Fehlgeburt" Ist aber die Behauptung wahr? ist diese« Urtheil gerecht? Keineswegs. Hat denn die preßburger Schule andere Hoffnungen geweckt, andere Verheißungen gemacht, als, wie von hicher alle Jefchiba«, die Schüler mit dem Talmud und der Casuistik gründlich vertraut zu machen? sie hat sich für nicht« Andere« al« ausschließlich für eine Talmudschule aukgegeben und hat für sie da« Ocffentlichkeit«- und BefreiungSrccht erwirkt, von einer Enttäuschung kann daher keine Rede sein, daß man sich dadurch bewogen fühlen sollte, diese Schule eine Fehlgeburt zu nennen. Die profanen Studien machen den RabbinatS-Candidaten nicht, sonst wäre er ja eo ipso von der Militärpflicht befreit, sondern die theologischen Studien, die gehören in erster Reihe zum Rabbinate, und diese werden fleißig gehegt und gepflegt in der dortigen Schule. E« ist überhaupt ein schwere« Unrecht, so immersortgegen die preßburger Schule loSzudonnern. Was wollen die Raisonär«? WaS können sie dem dortigen Rabbiner zur Last legen? Für ein sclbstvcrlcugnendeS, uneigennützige« Thätigsein im Judrnthume müssen jene Polterer gar kein Verständniß mehr haben. Mit Verzichtleistung auf Ruhe und Bequrmlichkeit de« Lebens hält der Rabbiner zu Preßburg einem großen Kreise von Talmudjüngern täglich mehrere Stunden talmudische Vorlesungen ganz unentgeltlich, da ist auch von Prüfung« laxen, wie in anderen Schulen keine Rede, ja, er unterstützt noch au« eigenen Mitteln die armen Schüler, die der Unterstützung bedürfen. Dicht muß der Nebel vor den Augen liegen, wenn man nicht einsieht, daß dieß nur ctP*? v'vtt» geschieht, daß dieser Mann von allen Jaden in allen Schattirungcn Lob und Anerkennung, aber nicht hcruntergerissen zu werden verdient. Wa« will man von ihm? Legt er einen Zwang auf, daß Oie Schüler seine Schule besuchen müssen? Nein; sie sammeln sich freiwillig, auö eigenem Antriebe um ihn, seine Vorträge zu hören. Aber die theologischen Studien allein, wird man fragen, genügen jetzt nicht, die Gemeinden machen an ihre Rabbinncn auch auf anderes vielseitige« Wiffen Anspruch. Wohl, doch wenn die Kritiker nicht in Nebrlkreisc stünden, würden sie so viel Sch- und BeurthcilungSkraft haben, um sich zu sagen, daß dies kein Vorwurf ist, der den Leiter der dortigen Schule trifft. Denn vor Allem darf man nicht außer Acht lassen, daß die presburgcr Schule keine ausschließliche RabbinatSschule sei; die meisten Jünger sind Talmud-Diletantcn, driic» gar nicht in den Sinn kommt einst einen RabbinatSsitz einzunrhmen, sie wollen sich mit dem Talmud vertraut machen aus Religiosität oder au« Vorliebe für den Gegenstand oder auch,dem Willen ihrer Eltern zu gehorchen' nur ein Theil derselben widmet sich hem Rabbinatsstande, daher ist e« auch ganz in Ordnung, daß der Leiter der Schule nur auf die Pflege de« Talmud sein. Augenmerk richtet. Man wird einer Ackerbausebule auch keinen Vorwurf machen, daß sie sich nicht um Homer« „JliaS" nicht einmal um Virgil- „Georgica" kümmert; wie man den Schreibmeister nicht zur Rechenschaft zieht, wenn er nur bemüht ist, eine schöne und gleichmäßige Form der Buchstaben bei seinen Schülern zu erzielen und deren arithmetische Kenntniß ganz ignorirt: ebenso muß man eine Talmudfchule unangefochten kaffen, wenn sie nur ihr Feld bebaut, um volle saftige Körner reifen zu sehen und Felder anderer Gattung andere einsichtsvollen Münern zu bestellen überläßt. Ferner fragen wir, welcher Nachtheil entsteht denn den modernen Gemeinden au« der preßburger RabbinatSschule? Sind denn die Gemeinden verpflichtet, ihre Rabbiner au« dieser Schule zu holen, oder kann der Leiter derselben den Gemeinden einen seiner Jünger al« Rabbiner aufoctroiren? Abermals nein! Die Gemeinden find ja autonom, sie wählen sich selbst die Rabbincn die ihnen znsagen, nun sie müssen ja nicht nach Preßburg blicken, sie können ja die dortige Schule ignoriren, dazu haben sie da« Recht, immer aber da« Recht sie, au« deren Mitte doch so viele Rabbinen für so viele und große Gemeinden, die sie frei wählen hervorgehen, mit Koth zu bewerfen. Endlich ist e« Sache Derjenigen, die sich dem Rabbinat«. stände widmen, in so lange die Gemeinden nicht höhere Bildungöanstalten für Rabbinat« Candidaten in« Leben rufen, für ihre anderweitige Ausbildung zu sorgen. Die bei anderen Confessionen sich dem geistlichen Stande widmen, haben ihre Gymnasialstudien schon zurückgelegt, wenn sie in« Seminar treten, nun so mögen cö die Rabbinat« Candidaten eben so halten und dem Höhen, Talmudunterricht erst nach abgelegter Maturitätsprüfung obliegen, oder ihre Ausbildung sich angelegen fein lassen, nachdem sie ein vollständige« rabbinischc« Wissen erlangt haben. Rein, nicht dem preSburger Rabbiner und nicht dessen Schule ist ein Vorwurf zu machen; ein Nebel, der kurzsichtig macht und da« Gedüchtniß schwächt, tragt die Schuld, daß man den Fehler anderwärts sucht al« wo er lhatsächlich zu finden wäre. In frühern Zeiten ist selten Jemand vor 30 Jahre al« Rabbiner angestellt worden, man hat seinem Wissen noch kein rechte« Vertrauen geschenkt, und doch war e« nur einseitige talmu dische Gelehrsamkeit, die man von dem Rabbiner verlangte, nicht einmal ein guter Redner brauchte er zu sein; und in unserer Zeit, da man nebst rabbinischc« Wissen auch klassische Bildung, Pädagogik, Philosophie, und vorzüglich Rednergabe vom.Rabbiner verlangt, da kann er nicht jung genug sein, um ihn auf den RadbiuatSstuhl zu setzen. Daher sind sie auch gewöhnlich, selbst an« einer jüd. theologischen Facultät hrrvorgegangen, wenn sie von der Hut weggenommen werden, weder Fisch noch Fleisch; man lasse hingegen den jungen Candidaten noch Zeit und selbst Jünger au« der preSburger Schule werden noch Muße haben, sich zu tüchtigen Gelehrten auszubilden. Fortsetzung folgt Briefe aus Ungarn. IV. Cs folgt nun die Reu-Orthodoxie, die wir in einem vorigen Briefe als die Trägerin des Liberalismus bezeichnet haben. C« war eine Zeit in Israel, da es Schmach und Schande war, orthodox zu beiße». Cs war dieß in den ersten wetterleuchtenden Dezennien unseres Jahrhunderts, deren Gahruug und Klärung wir in unserem II. Briefe geschildert haben. — 30*