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Die Gegenwart · 1870-08-26 · 35 (26.8.1870) · p. Seite 321

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
35 (26.8.1870)
Date
1870-08-26
Page
Seite 321 (sequence 5)
Language
German
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wirthschaften lassen, Rache nehmen und dabei zugleicher Zeit die krankhafte Sucht seine- Leserkreise» nach aufregender Lektüre beliebigen will. Dieser Berichterstatter erzählt selbst, er habe in dem Trauerhause am Samstag Zuttitt verlangt, man habe ihn jedoch wiederholt abgewiesen und ihn erst beim vierten Male, wahrscheinlich weil man ihn endlich lowerden wollte, ein» gelassen. Er habe dann den jungen Washington gefragt, wetz» halb er ein weißeseidene- Tuch um den Hals trage, und als er zur Antwort erhalten, daß dicß wegen einer heftigen Erkältung geschehen, ihm deutlich erklärt, daß man ihn (Washington) im Verdacht habe, seinen Vater ermordet zu haben, und dieses Tuch nur um den Hals zu tragen, um die Spuren der Fingernägel des Ermordeten zu verbergen. Dann ersuchte der Reporter Mr. Washington, das Tuch zu entfernen und sich von ihm untersuchen zu lassen. Merkwürdigerweise war Mr. Nathan geduldig genug, nicht allein nicht den zudringlichen Burschen zur Thür hinauszuwerfen, sondern sogar seinem Wunsche nachzukommen. Aber obgleich der Berichterstatter erklärt, daß er ttotz der sorgfältigsten, Untersuchung des Halses des Mr. Washington Nathan nicht die geringste Spur der Gewalt an demselben bemerkt habe, so hat er doch die unerhörte Frechheit und Gemeinheit, diesen jungen Mann eines so entsetzlichen und unnatürlichen Verbrechens anzuklagen und ihn in seinem Blatte aufzufordcrn, sich von dem auf ihn lastenden Verdachte zu reinigen. Obgleich es uns, wie bereits bemerkt, nicht im Entferntesten einfallen kann, den Ankläger oder den Vertheidiger irgend einer Person zu spielen, so möchten wir undoch die Frage erlauben, ob es wohl anzunehmen ist, daß nach einem so furchtbaren Kampfe, wie er allem Anschein nach in dem Schlafzimmer des Ermordeten stattgefunden haben muß, an dem Halse des Mörder nicht die geringste Spur zurückgeblieben sein sollte? Bei nur einiger Ueberlegung hätte der Berichterstatter des genannten Blattes diese Frage selbst beantworten können und wie wollte er es dann verantworten, eine höchst achtbare Familie, welche auf die herzlichsten Sympathien aller anständigen Leute den gerechtesten Anspruch hat, mit einer so gräulichen Anschuldigung beschimpft zu haben? Aber selbst abgesehen davon und selbst zugegeben, daß man Delikatesse und" Anstand bei einem derartigen Blatte kaum suchen darf, welches Recht hat es dann, selbst wenn seine Angaben auf Wahrheit beruhen, den Verbrecher darauf aufmerksam zu machen, daß man auf seiner Spur, und daß c8 für ihn die höchste Zeit sei, sich dem rächenden Arme der Nemesis zu entziehen? Später. Soeben kommt.unö die Nachricht zu, daß der Plumbcr wirklich verhaftet ist. Breslau im August 1870. (0. 6.) Der blutige Krieg im Westen unseres WelttheileS, der über tausende von Familien unsägliches Elend bringt, schafft doch auch in manchen Verhältnissen manches Gute. Der Brüderlichkeit (fratvrnitv) wird durch den wüthendcn Kampf von Menschen gegen Menschen freilich Hohn gesprochen und ob die Sache der Freiheit, die libertc, durch die preußischen Siege gewinnen wird, wollen wir dahin gestellt sein lassen, aber eines ist gewiß die Gleichheit (egrUitä) also wenigstens einer von den Zielpunkten der französischen Re« - volution wird gefördert. Wie auf dem blutigen Schlachtfelde kein Unterschied hinsichtlich der Confessio» gemacht wird und Jude wie Nichtjude gemeinsam kämpfen und sterben, so vollzieht sich auch auf dem friedlichen Felde des Unterrichtesein Ausgleich des Gegensatzes zwischen Bekennern des Juden- und EhristenthumS. Vor einigen Wochen noch, als der Stteit hinsichtlich der confeffionSlosen Schulen sehr heftig war, hätte der CultuSminister Mühler sich gesttäubt, einen Juden an einem öffentlichen Gymnasium als Lehrer anzustellen. Heute > ist dieß in Folge de- Kriege» ein wenig ander-. Biele vo» den Gymnasiallehrern sihd zur Armee einberufen und so muß die Regierung Hilfslehrer suchen, wo sie sie findet und sei eauch — unter Juden. So ist an dem Elifabetgymnafium Dr. B. Badt. ein junger Mann, der das philologische Examen abgelegt hat und nebenbei (korridilv ckictu) Hörer am jüd. theolog. Seminar ist, interimistisch mit der Erthellung degriechischen Unterrichtebetraut worden. Begrüßen wir dieß. aleinen kleinen Fortschritt zur Verwirklichung der egalitd. Die Juden würden eaber auch verdienen, ihren christlichen Mitbürgern nicht bloS auf dem Papiere, sondern auch thatsächlich gleichgestellt zu werden. Sie leisten dem Staate bedeutende Opfer an Gut und Blut. Wo esich um Sammlungen für die Verwundeten oder für die Hinterbliebenen der gefallenen Landwehrmänner handelt, da stehen die Juden im gesammtcn preußischen Staate obenan unter den Beitragenden. Aber auch auf dem Schlachtfelde haben schon jetzt unverhältnißmäßig viele Juden ihr Leben gelaffen. Manche Juden au- Posen und Schlesien haben bei Weißenburg, Wörth und Pont ä Mousson gekämpft und werden nach ihrer Heimath nicht wieder zurückkehrcn. Sie ruhen aus dem confeffionSlosen Kirchhof de- Schlachtfeldes. Wir aber fragen Angesichts dieser Blutsaat: Wird Heil aus ihr entsprießen? Wird der preußische Staat zu seinen jüdi< schen Unterthanen sprechen: »Ich sah, wie Du Dich wälztest in Deinem Blute und darum spreche ich zu Dir „„Ob dieses Deines Blutes sollst Du leben!"" — leben gleichberechtigt mit den nichtjüdischen Mitbürgern und zwar thatsächlich nicht bloß auf dem Papier gleichberechtigt?" Zu wünschen wäre es. Schon spricht man hie und da die Hoffnung auS, daß es so kommen wird. Gott gäb'S. — p— Erklärung. Seit dem Anfänge dieses Jahres erscheint hier, unter der Redaktion des Herrn Dr. T r e u e n f e l s, Rabbiner in Stettin, ein kleines wöchentliches Klatschblättchen, baden pomphaften Titel: „Israelitische Wochens ch r i f t" führt, im Grunde aber nichts als ein widerlich-IobhudelndeS Organ des jüdisch« theologischen Seminars Hierselbst ist, auS dessen Büdgrt dieses saubere Produckt der jüdischen periodischen Presse, wie männiglich bekannt, erhalten wird. WaS uns veranlaßt, gegen dieses wenig verbreitete, durch seine Seichtheit ebenso abgeschmackte, wie durch seine Verlogenheit perfide Käseblättchen unsere 'Stimme zu er- .heben, ist der Umstand, daß sich diese — mit Respekt zu melden! — „lüdische Zeitung" seit einigen Wochen das kindliche Vergnügen bereitet, gegen die „Gegenwart" und ihre Redaktion, Haltung, Sprache, Gesinnung, besonders aber gegen die die te ch i s ch - n a ti o n a le n Prinzipien vertretenden Artikel derselben Feuer und Flamme zu speien. Der „Gegenwart" und ihrer geschätzten Redaktion kann die Berscrkerwuth des Breslauer Jung muckerthum» und seiner Parasiten, die ihre innere Hohlheit und Frivolität durch Denunziationen und das verbrecherisch betriebene Handwerk der Verle u m düng zu rachiren bestrebt sind, nur zur Ehre gereichen; und ist es daher höchst taktvoll, daß diese Blätter die Nörgeleien der Jungmucker in Breölau und Stettin mit stiller Verachtung zu strafen scheinen. Wenn aber da- Käseblättchen in seiner jüngsten (43) Nummer vom 17. diese« die Stirne hat, mir (denn unter dem „einen Eo rrespo nd enten" kann nur meine Wenigkeit gemeint sein) Gesinnungswechsel u. s. w. vorzuwerfen und mich zu „warnen", so kann ich zu einer solchen dreisten Lüge nicht schweigen, sondern sehe mich» gedrungen, den Redakteur Dr. Treuenfel» solange

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