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Die Gegenwart · 1870-08-26 · 35 (26.8.1870) · p. Seite 320

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
35 (26.8.1870)
Date
1870-08-26
Page
Seite 320 (sequence 4)
Language
German
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ter und die Nrt, in »elcher diese That verübt wurde, umlaufen, verdienen kaum eine Erwähnung u. trotzdem in unseren sämmtlichen Zeitungm sind breit genug besprochen worden. Merkwürdigerweise finden wir heute ftüh in keiner derselben ein Gerücht erwähnt, welchegestern spät Abendin der oberen Stadt circulirte und allgemein geglaubt wurde. Nach diesem Gerüchte war der Mörder de- Mr. Nathan bereitentdeckt und verhaftet und zwar in der Person deS Plumber-, welcher im Hause gearbeitet hatte, und von der Haushälterin, seiner Geliebten, dort versteckt worden war. Mit ihrer und ihre- Sohne-, welcher bekanntlich im obersten Stockwerke logirte. Hülfe hatte dieser Plumber Herrn Nathan überfallen und ermordet. Der Thäter war diesem Gerüchte zufolge auf eine eigentümliche Weise entdeckt worden. Dieser entsetzliche Mensch hatte nämlich den Abdruck seiner blutigen Mörderhändc mehrere Male auf der Wand des Schlafzimmerde- Ermordeten zurückgclassen und diese Abdrücke zeigten regelmäßig außer dem Daumen nur noch drei Finger. Der U m st an d, daß besagtem Liebhaber der Haushälterin ein Finger feiner rechtest Hand fehlte, leitete auf seine Spur, er wurde bald verhafte t u n d g cftan b dem P ol i z ei- Superintende nie n, daß er das Verbrechen begangen habe. Obiges wurde dem Schreiber dieser Zeilen gegen 11 Uhr Abends von einem Mitglicde der Metropolitan-Polizei mitgcthcilt. Da indeß keines der heutigen Morgenblättcr etwas davon weiß und selbst unser Spezial-Reporter nichts davon vernommen hat, so ist wohl anzunehmcn, daß diese Erzählung jeder Begründung entbehrt. Trotzdem verbreitete dieses Gerücht allgemeine Freude und zwar um so mehr, als ein bekanntes Sonntagsblatt ganze deutsche Presse gegen uns ist und ihre Ataqne gegen uns richtet? Wißen Sie aber, verehrte Anwesende, wer den Reigen dieser Angriffe gegen uns eröffnetc? — Run, cS ist fein anderer, wie der junge Studiosus Rudolph T n h o k 11 — Dir Ausrcguug, die ans diese mit stotternder Stimme gcsprochcnen Worte folgte, war unbeschreiblich. Aller Respekt war vergessen; inan sprach nicht mehr leise und flüsternd, mau schrie und schimpfte aus den armen L n d o I p h T n h o k; cs war dies nicht mehr eine Gesellschaft vom gelehrten oder doch wenigstens gcbildcten Mensche», sondern ein vom Orkan gemeiner Leidenschaften gepcitschtcr Pöbel — — die oberflächliche Politur der Bildung, der Eivilisation und de» feinen Anstande» war plötzlich geschwunden; inan hörte anf einmal unter dem Donner dcS Skandals einzelne jüdisch, deutsche Nrlaute, wie sic die Hefe des jüdischen Volkes, besonder» die .strämcr- und Handelojudcu, >vic sie in den Romanen unserer feudalen Schriftsteller eines Sir John Retkliff, Menzel und Cousortcn geschildert werden, auSzustoßcn pflegen. Die Weiber besonders gcberdcten sich wie bescffcu, lvaS die Hhänennatur dieses zarten Geschlechts zu Genüge rechtfertigte. — — Wer waren diese Herren, die sich so bcstffen und wie wahnsinnig geritten? Sic waren Prediger und Lehrer einer Religion, die als die heiligste Aufgabt dcS Menschen die Nächstenliebe und Canftmuth predigt, die uns bestehlt, keinen Mensche» zu bcurthcilen oder über ihn gar den Stab zu brechen, bevor nur ihn angchört haben. Und ivas hat nun der junge Ludolph luhok grthan? — Bon Hause aus «nbeinittclt. Sohn blutarmer Elter», die ihr Brod im Schweiße ihrrS Angesichts verdienen, ivar seine einzige Ei;isten;gucllk in der schöne», aber kostspieligen Oberstadt eine Waffe, mit der er sich sein Brod lag sür lag erkämpfen mußte, eine scharfe, aber sehr gesuchte Waffe, nämlich die — ft rder. Obzwar er erst 1 .s Jahre zählte, war er bereit» Bersafler gediegener Schriften und besonders hochbegabt als Journalist und genialer Polemiker. Ais nun diese Gesellschaft roinantisch-schcinhciliger Individuen in Br ... . unter Führung de» Direktors £.znsammcnkam. um hier Waffen gegen die gedeihliche Fortentwickelung de» Iudcnthum» zu schmieden, da konnte er nicht umhin in ernster und würdiger Sprache die Herren zu bitten, nicht inEonventikelnund geheimen Berathungen. sondern frei und offen ihre Ansichten auszusprechen. — — Das gestern geradezu, wenn auch mit der nölhigen Reserve, Mr. Washington Nathan den jünasten Sohn des Ermordeten, dieser Schauerthat beschuldigt hatte. Rach Angabe de- Reporter soll dieser junge Mann ein liederliche- und ausschweifende- Leben führen, welcheseine Einkünfte bedeutend übersteigt. So soll er z. B. eine Maitresse unterhalten, die ihm jährlich die Kleinigkeit von 30000 Doll, kostet. Ueberdieß soll Mr. Washington Nathan recht oft wegen dummer Streiche vor dem Richter in der Jeffersohn Market Police Court und wegen eines schlechten Streiches sogar schon vor den Spezial-Assisen gestanden haben. Daraus schließt diese- Blatt mit wahrlich nicht beneidenSwerther Sicherheit, daß dieser jugendliche Taugenichts seinen Vater habe berauben wollen, von dem Letzteren jedoch entdeckt, und scstgehalten worden sei, und in dem darauffolgenden Kampfe seinen eigenen Vater erschlagen habe.- , Es fällt unnicht ein, uns hier in Erörterungen darüber cinzulasfen, ob diese Annahme dieses Sonntag-blattegegründet ist oder nicht. Thatsache ist jedoch, daß bisher nichts ans Tageslicht gekommen ist, was dieses Blatt zu einem solchen Vorgehen gegen ein Mitglied der durch dieses scheußliche Verbrechen in Trauer versetzten Familie berechtigte. Sehr möglich, daß Mr. Washington Nathan ein leichtsinniger Mensch, ein Bummler «st, aber welch ein: entsetzliche Klnsr trennt noch den liederlichen Menschen von einem Mörder und noch dazu einem Vatermörder. Man muß schaudern, wenn man an die bloße Möglichkeit eines so Ungeheuern Verbrechens denkt und hier geht der Berichterstatter eines Blattes und nimmt nicht den geringsten Anstand, den Sohn des Mr. Nathan einer so gräulichen That zu beschuldigen und warum? nun einfach, weil er sich in seiner Würde als Berichterstatter eines Blattes verletzt fühlt und deßhalb an denen, welche ihn nicht unumschränkt in dem Trauerhause wollten war das Hanptvcrbrcchen des jungen Zöglings, das war c», waS die Pfaffen so sehr in Harnisch brachte II — Was sin den Augen der Welt als hohe- Verdienst erkannt wurde, galt den Zöglingen des Seminars als Verrath, als ruchloses Verbrechen! I — Die Gesell, schaft war entschlich anzusehen: welche Wuth, welcher Haß, welcher verzehrende Ingrimm I Wie gut hat doch der DichtcrdieseBr.ec Jungmucker geschildert, wenn er von ihnen sagt: Sic lügen und krakchlcn. Und Haffen bis aufs Blut; Zu in Morden und zum Stehlen Fehlt ihnen nur der Muth! — — Endlich legte sich der Sturm, und die Lehrer und Schüler dcS Seminars zogen sich unter der Präsidentschaft des Direktors, zur Berathung zurück, die über Ist Stunden dauerte, und deren Resultat die Vernichtung Ludolph Tuhoks war. — Während dieser gräulichen Auftritte flehte der verfolgte Ludolph Tuhok in dem 4. Stocke des ScminargebäudcS. das man ihm — großmüthig zur Wohnung angewiesen, aus der Tiefe seines Herzens zum Herrn der Herrschaaren: „Höre, o Herr, meine Stimme in meiner Klage; behüte mein Leben vor dem grausamen Feinde. Verbirg mich vor der Vcrsammlung der Bösen, vor dem Haufen der llcbclthäter, welche ihre Zunge schärfen nüc ein Schwerdt, die mit ihren giftigen Worten zielen wie mit Pfeilen, daß sie heimlich schießen den Frommen; plötzlich zielen sie anf ihn ohne Scheu. Sie sind kühn mit ihren bösen Anschlägen, und b crath en. wie sic Fallstricke legen sollen, indem sie sagen wer kann sie sehen? Sic erdichten Vorwände und halten sie heimlich, sie sind verschlagen und haben rasche Ränke. Aber Gott, wird sic plötzlich schießen, daß ihnen weh thun wird. Ihre eigene Zunge wird sic verstricken, daß ihrer spotten wird, wer sie siehet. Und alle Menschen, die es sehen, werocn sagen, daS hat Gott g ethan und merken, daß cs sein Werk sei." — — Diese Stimme klang so wchmüthig, so vcrzweisflungSvoll, so erschütternd, wie die gesprungene Saite der Harfe, die klagend der Sturm bewegt. —--

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