Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 34 (19.8.1870)
- Date
- 1870-08-19
- Page
- Seite 313 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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solchen Vorwurfehalber, mehrere Jahre von der Bühne' verbannt worden. Sie, geehrter Herr, könnten sich rechtfertigen und einer beleidigten Nation Genugthuung für ein begangene- Unrecht gewähren. Möge ich daher, geehrter Herr, vorau-setzen dürfen, daß beifolgende Gabenliste für wohlthätige Unterstützungen an jüdische Armen auch Ihren hochgeehrten Namen ttagen wird. »Gegen den Vorwurf von Zudringlichkeit mich verwahrend zeichne in Hochachtung. - Ihre ergebene E. Antwort von Charles Dickens. Entschuldigen Sie gütigst die verspätete Beantwortung Ihre- Werthgeschätzten, da eS mir oft unmöglich, sofort zu entgegnen. Um aber sogleich auf dqS besprochene Thema zurückzukommen, bemerke ich Ihnen, daß ich die Intelligenz und den trefflichen Character der jüdischen Nation wohl nie verkannt und mithin, wie Sie,'geehrte Frau, glauben, dieser Nation in der Characterzeichnung des Juden Fagin ein große- Unrecht zugefügt habe. Aber Sie sind im Jrrthum. Fagin ist als Jude dargcstellt, weil leider in jener Zeitperiode, von welcher die Erzählung spricht, man immer den Juden als das Wahrzeichen der verbrecherischen Menschen« klaffe bezeichnte. UebrigenS sind ja aber auch noch viele andere derartige Charaktere in Oliver Twist, die als Christen auftreten, zu finden. Wenn ich Fagin einen Juden genannt, so geschah dies keineswegs, um eine Anspielung auf die jüdische Religion zu machen, sondern eS bezieht sich dieses lediglich nur auf seine Herkunft; ich wollte erzählen, daß er jüdischen BluteS gewesen. Auf Ihre Anregung erfolgt anliegend ein namhafter Beitrag zu bewußtem Zwecke und möge Ihnen dieses als Beweis gelten, daß ich dem jüdischen Volke nie anders als wohlwollend gesinnt bin und war, denn stets habe ich die Gelegenheit ergriffen, nur Gutes für es zu zeugen und berufe ich mich auf mein „Childs History of England“ wo ich niemals unterlassen, die Grausamkeiten der alten Zeit gegen die Nation als höchst verwerflich zu geißeln. Empfangen Sie geehrte Frau, die Versicherung meiner Hochachtung dc. Ch. Dickens. Hierauf sandte Frau E. dem Dichter die nachstehende Antwort: Geehrter Herr! Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank für Ihr Geehrtes sowie für darin enthaltene Geldsendung. Obzwar ich keinenfalls gerne durch Zudringlichkeit lästig werden möchte, so erlaube ich mir dennoch, auf Ihre gütige Entschuldigung rechnend, einige Gegenbemerkungen bezüglich bewußten Themas zu machen. Es ist Thatsache daß die jüdische Religion und die jüdische Race ein untheilbareS Ganze bilden, denn nimmt beispielweise ein Jude einen andern Glauben an, so wird ihn Niemand seiner Race mehr zu den Seinigen zählen. Ich will eS keinesfalls bestreiten, daß in jenem Zeiträume, von dem im „Oliwer Twist" die Rede, eS Juden gegeben haben mag, die die Bezeichnung als Diebe, Räuber verdienten, aber in fraglichem Werke ist ein allgemeines Urtheil ausgesprochen, da wohl die als Christen aufgeführten ver« abscheuungSwürdigcn Persönlichkeiten den Gegensatz zu dem Charakter der bessern Christen liefern, indem man sie bloS bei ihren eigentlichen Namen nannte, man dem verworfenen Fagin hingegen aber stets das Prädikat „Jude" beilegte. Sir Walther Scott, MrS. S. C. Hall haben unsere Nation zu viele Danke verpflichtet, indem sie dieselbe in einigen Charakteren jüdischer Race einer Schilderung unterworfen, und wir zollen ihnen diesen Dank gern, trotzdem z. B. „Isaak of Hork" nicht als Tugendheld dargestellt ist. Hoffentlich, geehrter Herr, werden wir durch diese vermeintliche Empfindlichkeit Ihre gute Meinung nicht verscherzt haben; sind wir auf diese Weise nicht an den Pranger gestellt? Ver« theidigen wir unwohl jemals gegen die Angriffe derer. welche uu-, trotz ihrer eigenen Richtigkeit, stetvernichte» möchten- Aber ist es nicht Pflicht, da zu appeMmr, ttt eine bekannte Größe gegm uns austritt? Ungekannt in unseren häuslichen und sonstigen Verhältnissen wohnen wir in diesem Lande, und oftmals staunte ich schon über die craffe Ignoranz, mit welcher der Pöbel uns betrachtet, so daß die von Zeit zu Zeit wieder von gewiffen Journalen aufgetischten mittelalterlichen Blutsagen noch manches willige Ohr finden. Im Uebrigrn vertrete ich die Meinung, daß es einem Autor gewiß mehr Ruhm bereiten wird, wenn er die britischen Juden erst genauer aus dem Leben kennen gelernt, und sie dann nach vollendeter Prüfung einer treuen Beschreibung unterwirft. Ich zeichne Ew. Wohlgeboren in vollkommener Ehrerbietung. E. Die Antwort auf dieses Schreiben vom 14. Juli 1863 war das Mische Charakterbild „Riah" in „()ur Mutual Friend“ und noch einige Skizzen jüdischer Bilder, vom Autor in sehr wohlwollender Meinung dargestellt Mr. Dickens wurde jedoch gerade bei diesen Stücken einer scharfen Kritik in den öffentlichen Blättern preisgegeben, was ihn zu den nachfolgenden Zeilen, auf obigen Brief Bezug nehmend, veranlaßte. Geehrte Frau! Mit großem Vergnügen habe ich Ihren Brief erhalten und hoffe, daß S»e sich der Uebcrzeugung von meiner steten innigen Freundschaft gegen das jüdische Volk hingeben möchten. Der Irrthum, in dem Sie mich verfallen glauben, ist leider ein allgemein verbreiteter und ist eS jetzt zu spät, demselben cntgegenzutteten. Jedoch möchte ich niemals Unrecht thun. UebrigenS richten sich immer die Eigenthümlichkeilen des Aeußern und der Manieren »ach den Ursachen der moralischen Schilderung. Genehmigen Sie, geehrte Frau, die Versicherung meiner Hochachtung. Charles Dickens Die Verfasserin obiger Briefe übcrschickt Mr. Dicken», als Zeichen der Würdigung seiner edlen Denkungsart, ein Exemplar einer prachtvollen hcbräifch-cnglischen Bibel, welche mit folgender Inschrift bezeichnet war: „Geschenk für Mr. CH. Dicken« als Zeichen herzlichster Ergebenheit und dankbarer Erinnerung seiner edlen Gesinnung, als Beweis aufrichtiger Reue, wenn diese letztere mir bekannt worden sein sollte. Durch eine Jüdin." Antwort des Mr. CH. Dickens. Bradfort?)orkfhirc, Freitag den l. Mär; 1867. Verehrte Frau! Ihre sehr schmeichelhafte Notiz habe ich erhalten und würde schon früher darauf geantwortet haben, wenn ich nicht gehofft hätte, Ihnen persönlich in der Heimath meinen Dank därzubringen. Da mir dieses aber bis heute noch nicht möglich geworden, so will ich denn nicht länger warten, da r» wohl noch Monate dauern wird, bis ich die Heimath sehe. Nicht genug vermag ich Ihnen für Ihre Herzlichkeit zu danken. Sie überhäufen mich mit unverdienter Güte, da e» nichts als Schuldigkeit von mir ist, Ihrem Volke mit der schuldigen Achtung entgegenzukommen und ich nie c« für erlaubt gehalten habe, wissentlich demselben eine Beleidigung oder ein Unrecht, wenn auch nur in einem Worte, zuzufügm. In vollkommener Hochachtung der Ihrige C h. Dicken«. WochenchromK. \* PinKavftznagoge. Herr Dr. Hoff hat verflösse«» Samstag in einer schwungvollen Kanzelnde von dem Borstauve