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Die Gegenwart · 1870-08-19 · 34 (19.8.1870) · p. Seite 312

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
34 (19.8.1870)
Date
1870-08-19
Page
Seite 312 (sequence 4)
Language
German
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Karl Freydank. Ich war seit Monaten eifrig bestrebt, «rs dem Jahre 1850 irgend eine Rezension oder Notiz au-- findig zu machen, die sich über diese so sensationell angelegte Arbeit pro oder contra geäußert hätte. Ich suchte lange vergeben-: dieser Tage kam mir zufällig die Leipziger Zeitschrift „Europa" vom Jahre 1850 in die Hände,und fteue ich mich, hier ein Urtheil über diese- Gchandwerk gesunden zu haben. — Der damalige Redakteur der „Europa," der berühmte Gustav Kühne bespricht anläßlich der böhmischen Juden von Dr. K o m p e r t eine gewisie Sorte der Kritik, wie sie damalbesonders von dem Erzjudcnfeinde Wolfgang Menzel gehandhabt wurde. Wir wollen einige Stellen audieser drei Seiten umfassenden Äritif hier mittheilen und nur bemerken, daß, Gustav kühne wohl zum „jungm Deutschland" gehört, aber durchaus kein Jude ist. „Es hat sich in Leipzig" sagt 'der Redakteur der „Europa" von zwei Seiten her eine s p e c i fi s ch-ch r i st l i ch e Kritik aufgethan, die in Musik und Literatur alle Auswüchse und die gesammte Summe der Eorruption —dem Iudenthume an den Halhängt und in die Schuhe schiebt; der musikalische Kritiker in der «M u si k z e i t u n g" zeichnet sich Frey dank der philosophische I.S. der Letztere warf zwar Jenem vor, esei paradox und schief. H a l e v y, Meyrrbeer und M e n d e l - s v h n ity, Einen Topf zu werfen, «im da- Iudenthum fiir_ die Entartung in der Musik verantwortlich zu machen. Herr F r e y d a n k ging in seinem G a l i m a t i a » so weit, den Juden, als unfähig einer wahren Leidenschaft, den Beruf zur Kunst streitig zu machen; nach ihm ist M e n d e l - s o h n ein Virtuos nur in seinen Formen. Daß just in Mendelssohns Musik die Energie und das leidenschaftliche Pathos der Religion des alten Bunde» mlt der g an zc n I n niglei t und zarten AnmutH des germanischen Wesens verschmolzen ist, scheint der kritischen Unfähigkeit entgangen zu sein. — — Witz und Humor lediglich als Entartung zu fassen (wie cS Herr Freydank thut.) in Börne die Mission zu verkennen, über die Thorhcitcn der Welt seiner Zeit die Geißel zu schwingen: daS schmeckt doch allzu stark nach der dürren Rechthaberei einehölzernen Prinzipienreiters. Reben 5iömg Lear den Narren in feiner Existenz nicht für berechtigt zu halten, wurde zu sehr den Anstrich e i n c S s e h r e r n st h a f t e n R a r L c n verrathen. Witz und Humor für die Auswüchse der Welt vcr- Scht Ihr, wie draußen die Sterne funkeln? und iit unserem Hause strahlt daS hellste SonnenlichtI Der Weift der Liebe sendet seine wohltliuenden Strahlen in unseren trauten KrciS! Die Liebe macht dunkle, enge Hutten zu geräumigen, jlichtcn Palästen. doch ohne sic luerden die glänzendsten Lnstschlösscr zu uhbewohnbaren finstern Höhlen. Unter dem besänge srölilichcr Hvmnen und anderer Sabbathlieber werden die althcr gebräuchlichen Eabbathgerichtc ans den Lisch gesetzt. Pater! Blicke huldvoll nieder auf Deine friedlichen Binder; schau auf sie. nne innig nnisitzc» sie die von Deiner Hand gedeckte Tafel! DaS Kind der Liebe umschlingt sic alle. Weitern noch reich „der arm. fühlen sie sich heute iveder arm noch reich; der heutige Dlr und Deinen Kindern geweihte Abend hat alle Unterschiede aufgehoben. Glückliche Mutter! Der holde Säugling an Deiner Brust scheint Dir beute reizender und werthvolier; das Herz in Deiner zärtlichen Mutterbrust schlagt überfüllt von wonnigen Gefühlen, heute höher. Du umarnist ihn mit um so größerer Zärtlichkeit; liebevoller al» gestern neigst Du Dich über die Wiege, in der diesezarte Wesen schlummert und drückest mit großer Wollust auf dessen Purpurwangen einen fcuerigen Kuß. BenridenSwerther Pater I Deine Söhne und Töchter erscheinen beim Strahle des Sabbathlichte» hoffnungsvoller algestern antw prtlich zu mache», hieße für einen eingebildeten Außia»- stall sich in der Roll« de» Herkules gefalle«, der sicherlich <m seinem Geschäfte zu Grunde geht."- Bor zwanzig Jahren hat die deutsche Kritik, wie wir sehen. Herrn Richard Wagner ebens« gründlich heimgeleuchtet, wie zwanzig Jahre hernach, al» sich der Maestro urplötzlich entschloß, den Aufsatz al» Broschüre zu veröffentlichen, Richard Wagner hat nichtgelernt und nichtvergesien, aber die Menschheit, die durch Hrn. Wagner verhöhnte Menschheit spottet solcher Pygmäen, wie dieser aufgeblasene Günstling der Frau Marie Muchanosf, geb. Gräfin Resselrode ist, indem sie ihm da- Wort deweiscn Salomo zuruft: „Hochmuth kommt vor den Fall!" — Breslau, 10. August 1870. ,■ Adolph Kohut. Charles Dickens und die Inden. Da- Jewish Ehronicle widmet dem unlängst verstorb. berühmten Schriftsteller Dickens einen Nachruf. Die Muse desselben war anfangs den Juden unfreundlich. Zur näheren Erläuterung mögen die folgende Briefe dienen: Frau E. an Eh. Dicken-. Sehr geehrter Herr'. Ich wage e-, mich an Sie in einer Angelegenheit zu wenden, die mein höchste- Interesse erweckt hat. Es betrifft dies die Eharacterzeichnung des Juden Fagin in Ihrem „Oliver Twist." Sehr schmerzlich muß es berühren, heutzutage, wo doch die Freiheit und Gleichheit für alle Religionen .überall ihr siegreiches Banner aufgcpflanzt, leider nur noch zu oft, in unserem die allgemein» Freiheit liebenden Lande, in dem die Gesetze keinen Glauben-Unterschied mehr kennen, die Feder der Novellisten gegen den jüdischen Volksstamm zu Felde ziehen zu sehen. Ihre berühmten Werke, sehr geehrter Herr, tragen sämmtlich die sprechendsten Beweise in sich, wie sehr cS ein edles Prinzip bei Ihnen geworden, allem und jedem Drucke in unserem Lande entgegenzuarbeiten und dennoch haben Sie i» der Eharaktcrzeichnung des Fagin einen Böscwicht in höchster Vollendung mit dem Prädikate „Jude" bezeichnet, dadurch daniedrige ungerechte Vorurthcil gegen die Hebräer crmuthigend! Shakespcare'S Shylok ist eine- und vorgestern; du ergötzest Dich an ihrem Spiele, an ihrem Scherz und ihrem Ernst. Alle Deine Hoffnung, Deine ganze Zutunst setztest du auf ihr einstige- Glück, da- Dir heute schon im Geiste vorschwcbt. Und Ihr greise- Großelternpaar, fühlt Ihr Euch nicht bei dem Reigen, den die Euch umgebende Enkelschaar anstimmt, verjüngt und neu belebt? Ihr seid gerührt vor Freude, und Zähren des Dankerollen über Euere gefurchten Wangen zuin Spender de- AUS und zum Geber defreudenreichen Sabbathtage-'. Und Ihr muntern, fröhlichen Kinder! Wie wohl ist Tuch im Kreise Euerer Lieben I Ihr seid durchdrungen von der hohen Wichtigkeit de- Sabbathtage-, eingedenk der Lehren, die Ihr wäh> rcnd der ganzen Woche in Euren Unterricht-Häusern gesammelt, sieht Ihr sie heute verwirklicht rcnd in Anwendung gebracht. „Rabosai wir wollen benschen!" Mit diesem üblichen Aufrufe znm Tischgebet unterbricht das greise Familienhaupt die fröhlichen Tischgenoffen. „Der Ramc de- Herrn sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit I" Allestimmt an zum Danke und Lobe dem Spender alles Guten und der geweihte Abend findet mit Beendigung dieses Akte» seinen Abschluß. -ff. Aam».

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