Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 33 (12.8.1870)
- Date
- 1870-08-12
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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304 weser in eine Uniform zu stecken. Wir sind schon neugierig, auf den letzten Rock, der der Israelitengemeinde auSgezogen werden wird. %* Tempel und Neusynagoge. Während der Tempel einen zweiten Cantor noch nicht hat. hat die Neusynagoge bereitihren Obcrcantor. Derselbe soll eine sehr klangvolle, sympatische Stimme besitzen, dagegen erfüllt er nicht die zweite im ConcurS gestellte Aufgabe de- Thoraverlesens. *** Deutsche Intelligenz und Humanität. Da« officielle , Prager Abendblatt" brachte in seiner DienstagSnummer folgende Notiz, die der Humanität mancher deutschthümelnden Personen den besten Ausdruck verleiht. Im Vereine ,Eintracht" hat der Obmann H.Leop. Wolf (Buchhalter bei Herrn Al. Goldschmidt) seine Obmannswürde niedergclegt, weil der Antrag, daß die im Vereine zu Gunsten verwundeter Krieger veranstalteten Sammlungen nur den deutschen Verwundeten zu Gute kommen sollen, als der vollständig neutralen Stellung Oesterreich-, wie auch den Gesetzen der Humanität zuwider verworfen wurde. — — Demnach zu urtheilrn scheint die Begeisterung für den deutschen Krieg bei jenem Herrn so groß und das Deutschthum ins Fleisch und Blut desselben so tief gedrungen zu sein, daß er den Franzosen gegenüber seine Wolf'Snatur gar nicht verleugnen konnte. ES ist nahezu unbegreiflich, wie sich ein Mensch so weit vcrsteigen kann, unschuldigen Verwundeten. — denn alS solche,,sinv diese in beiden Krieg führenden Lagern zu betrachten - die Hilfe bedürfen, diese zu versagen, weil sie der Geburt und dem Lande nach keine Deutschen sind. Für den humanen Antrag drS H. Wolf haben wir keine andere Bezeichnung als — Herzlosigkeit. V Die Haupt- und Ilnterrealschule des S. Singer in Wien früher in Prag, versendet soeben ihren Jahresbericht, aus dem wir folgende interessante Daten entnehmen. Die Anstalt wird sowohl von heimischen Schülern, als auch von Zöglingen, die aus weiter Ferne nach Wien geschickt werden, um hier unter der bewährten Leitung dcS Direktors Singer ihre Ausbildung zu erlangen. Der Lehrkörper ist aus Fachmännern zusammengesetzt und zählt unter andern einen katholischen und einen jüdischen RcligionSlchrer. Es ist dieses Institut auch, so viel wir wissen, das erste jüdische Institut, welchem katholische Eltern ihre Kinder mit derselben Beruhigung anvcrtrauen, als einem christlichen Institute, weil in demselben der Religionsunterricht von einem katholischen Geistlichen besorgt wird und glauben wir, daß hier das Problem der konfessionslosen Schule in gewisser Beziehung praktisch gelöst wird, indem Schüler aller Konfessionen den gemeinsamen llntcrricht genießen nnd bloß in der Religion von den Lehrern der betreffenden Eonfcssion separat unterrichtet werden. Die Schule des Hrn. Singer erfreut sich eines sehr zahlreichen Besuches. *** Der Raubmord in der Watdsteingasft. Glicht so bald hat ein Verbrechen alle Schichten der Bcvölkcrnag Prag's mit solcher Entrüstung erfüllt alS der gräßliche und entsetzliche Raubmord verübt an die t!2jührige israelitische LchrcrSgattin Frau Rcbbckka Humpolctz, die seit Donnerstag den 4. d. vermißt und Samstag Nachmittags bei den Schanzen am Pohorclcc rechts vom ReichSthorc. in einem Sacke eingcnüht, ohne Kopf und Füße aufgefunden worden ist. Um so haarsträubender erscheint das Verbrechen als es von der Hand eines Weibes in bestialischer Weise auSgcführl wurde. Nicht genug, daß die arme llnglückliche, anstatt ihre gerechte Forderung eines unbedcutcn Geldbetrages, der an jenem verhängnißvoltcn Tage fällig geworden, zu erlangen, ein Opfer der Habsucht ihrer Schuldnerin geworden, wurde der Leichnam noch in einer Weise verstümmelt, wicsie nur den Ausspruch Schiller'-: „Da werden Weiber zu Hyänen" vollkommen rechtfertigt. Die unglückliche Frau Humpoletz war von kleiner Statur, ziemlich korpulent gebaut und entfernte sich nach der „Prager Zeitung" am Donnerstag nach dem Mittagessen aus ihrer Wohnung in N. E. 214 der Neugasse der Joscfstadt mit einem Betrage von 120 bis 130 fl., um bei dem inBubeni wohnhaften Bandwaarcnhänbter Herrn S. G. Fi- I fchel, einen Wechsel einzukaffiren. Da Frau Humpoletz Abend» I nicht zurückkehrte, geriethen ihre Angehörigen in Besorgniß j und schickten noch an demselben Abende zu Herrn Fische! nach Bubeni um anzufragen, ob dieselbe bei ihm gewesen sei. Sie erhielten jedoch eine verneinende Antwort. Frau Humpoletz war nicht bis nach Bubeni gekommen. Da dieselbe auch in der Nacht nicht zurückkehrte, steigerte sich die Besorgniß der Angehörigen und sie erstatteten des Morgenbei der Sicherheitsbehörde die Anzeige von dem räthselhaften Verschwinden der Frau. Erst Samstag Nachmittags kam man auf die Spur eines ruchlosen Verbrechens. Der VerzehrungSsteueräufseher Herr Josef Hollak ging um 5 V* Uhr Nachmittag» von dem Kavalir der Marienschanze aus auf dem meist wenig besuchten Wege hart an den Schanzen im Innern der Stadt gegen den Pohorelec zu, wo er einen zugenähten neuen Sack aus Loden, offenbar erst gekauft, erblickte. Er trat näher, öffnete denselben ein wenig und entdeckte zu seinem Schrecken einen furchtbar verstümmelten weiblichen Leichnam. Sofort erstattete er beim k. k. Polizeikommiffariate des Hradfchinö die Anzeige und eS trafen gleich darauf der Bezirksleiter Langer »nd Bezirksarzt Treuhahn mit Sicherheitswachleuten ein. Die Kunde von dem Vorfälle verbreitete sich mit Blitzesschnelle in der Umgebung, und bald hatten Tausende von Menschen den Anhang der Bastion Nr. 10 gegenüber der Stelle, wo sich die Leiche vorfand, besetzt. Der Sack wurde darauf kommissionell geöffnet. Es bot sich ein schaudererregender Anblick dar. Ein furchtbar verstümmelter weibl. Leichnam kam zum Vorschein, an welchem der Kopf und beide Unterschenkel fehlten, dieselben fanden sich auch nirgends vor. Letztere waren offenbar mit einer Axt abgehackt, denn die Knochen zeigten viele Splitter. Der Hals war bereits unter dem Einflüße der heißen Jahreszeit in Fäulniß über« gegangen und verbreitete die Leiche einen penetranten Geruch. Der Rumpf war mit einem lillafarbenen Koltonklcide, einer roth weiß gestreiften Schürze, einem weißen Unterrocke von Kammertuch, einem Leinwandhemde ohne Zeichen bekleidet, daö Genick war in einen Unterrock von Gradcl eingehüllt. In der Tasche fand man eine Brille, eine Lorgnette, mehrere Rechnungen und einen Brief der Rosalia Mamele» an „Frau R-bckka Humpolec" vor, so daß über die Identität der Person gleich Anfangs kein Zweifel entstand. Die bei der Leiche Vorgefundenen Merkmale wurden übrigens noch Abends auch von den Verwandten als die der Frau Humpolctz agnoscirt. Die Kleidungsstücke der Leiche waren mit vertrocknetem Blut befleckt, sonst jedoch anscheinend dem Einflüße dcS RcgenwctterS nicht unterworfen gewesen, sondern vollständig trocken und wohlcrhaltcn. Merkwürdiger Weise zeigte der Sack nicht eine Spur von Blut, eS ist sohin sichcrgcstcllt, daß der Leichnam bereits in einem Zustande, als daö Blut vollständig aufgelöst war, in den Sack genäht wurde. Die Lostrennung der Unterschenkel und deS Hauptes vom Rumpfe hatte offenbar bloS den Zweck, den Leichnam im Sacke nntcrzubringcn und vom eigentlichen Orte der That fortzuschaffcn, weniger dagegen denselben unkenntlich zu machen, da ja die Kleider und der Brief vorgcfundcn wurden Da Frau Humpolctz nicht nach Bubeni gekommen war, und eS auch aller Wahrscheinlichkeit widerspricht, daß der Sack mit dem Leichnam durch das Thor in die Stadt znrückgetragen worden sei, so lag fast die Gewißheit vor, daß der Raubmord im Innern der Stadt Prag selbst begangen wurde, u. z. bereits am Donnerstage selbst. Die Entfernung der Leiche vom Thatortc gab der Bcrmuthung Raum, daß der Thäter besorgen mußte, der Ort selbst könnte an ihm zum Verrälher werden. Es ist sichergestellt, daß noch eine halbe Stunde vor dem Auffindcn des Leichnams eine Artillerieabtheil ung mit Munition unter der Führung eines Offiziers den Weg paffirt hatte. Der Offizier der rückwärts auf einem Wagen saß, hatte nichts Auffälligeres bemerkt. Wenige Minuten vor der Auffindung spielten zwei Knaben auf dem gegenüber gelegenen Erdwalle, ohne den Sack gesehen zu haben. Auch nicht der leiseste Verdacht würde die Annahme rechtfertigen, daß der Sack über eine der Mauern geworfen