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Die Gegenwart · 1870-08-12 · 33 (12.8.1870) · p. Seite 302

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
33 (12.8.1870)
Date
1870-08-12
Page
Seite 302 (sequence 2)
Language
German
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m wegen, schon die ganze Judenhelt s verantwortlich zu mache» beliebt, wie erst wird der Ehrmnahme „Jude" miSbraucht, so eS sich um ein Verbrechen handelt. Dießmal ist ein Jude, oder richtiger gesagt, eine Jüdin da« Opfer des meuchlerisch geführten Mordinstrumentegeworden und eS würde uuS nicht einfallen, die Mörderin mit ihrer Religion, die doch in ihr nie Wurzel gefaßt haben konnte, in Verbindung zu bringen, und die eS auch nicht verdient, jene- Attribut zu erhalten, mit dem die Nächstenliebe so oft identificirt wird. ES genügt zu sagen: Ein Weib wurde durch ein Weib ermordet. Wohl, ist eS nicht zu leugnen und war es auch nicht anders zu erwarten, daß jenes haarsträubende Verbrechen überall die größte Entrüstung hervorgeruscn hat, wawäre erst zu erwarten gewesen, wenn was nie anzunehmen ist, die Verbrecherin eine Jüdin wäre, und das Mord-Objekt sich zu einer andern Religion bekannt hätte. Da wäre allerdings dem Verbrechen, an und für sich schon in seiner höchsten Potenz, eine noch höhere zugemuthet und vielleicht die ganze Intelligente Judenheit verdammt worden, was jetzt nur abgrschwächt erscheint, da nur die Hingemordcte eine Jüdin war. Der Jude hat, wir müssen ihm schon diese Tugend zugestehen, einen viel unbefangenere» und nachsichtigeren Blick, er beurtheilt das Vergehen und Verbrechen zuerst vom Standpunkte als Mensch; denn so bald sein Glaubensgenosse sich soweit Hinreißen ließe, zum Mörder zu werden, hat dieser der Moral nach, längst aufgehört Jude zu heißen. Eine genauere Bezeichnung der Religion des Verbrechers hat demnach unseres Erachtens keinen anderen Zweck als die ungebildete Menge gegen sämmtliche Bekenner der Religion aufzureizen und diese der gebildeten Klasse verhaßt zu machen. ES ist daher in unserem vorgeschrittenen Zeitalter das größte Unrecht, den jüdischen Verbrecher durch seine Religion Oesterreich so verhängnißvollcn, aber für mein Batcrland glorreichem Jahre l 860 die vollste staatliche, (Gewissens- und Redefreiheit herrscht! Ich wurde in dem herrlichen Unga rn geboren, wo die gluthvM, aber schmiegsame Ranke selber kühner ihre Trauben den Strahlen der Sonne entgegenträgt. wo in der zwar wüsten, aber freien Pußta mächtiger und gewaltiger die Gottcsstimmc ertönt wie in den Synagogen und den Scminap-Lchrstellcn dieser engherzigen Stadt, wo nur das fallen und Steigen der Papierc die Ebbe und Fluth meiner schönen Dona n, der blonden Thaiß und des lieblichen Plattensees ersehen soll!"- „Schweigen Sie" schrie der Direktor mit heiserer Stimme, „ich habe sie lange genug angchort! ich will Sie, junger Ungar, prüfen, ob Sie in meine europäische Anstalt ausgenommen werde» können. Sie haben die n n g a r i s ch c » Gymnasien bcsucht, haben in der ungarischen Stadt K. Ihr MaturitätSezamcn geurackt, Hern. hmts daS ist bedenklich — ja doch ja sehr bedenklich, in Ungarn gicbt eS nur dumme Schafhirte, Zigeuner und — hierbei sah der Direktor mit einem stechenden Blick ans den jungen Mann — rcbellirendc Litcraen!" — „Aber", unterbrach der Seminarist iu spe, den wir L ud o l p h T u h o k nennen «vollen, „Sic selber, hochwürdigcr Herr, haben doch Ihre Studien im Maguarcnland begonnen und vollendet!? Hier haben Sie, wie manniglich bclannt. den Grundstein zu Ihrem enormen Wiste» gefunden!?" „Unterbrechen Sie mich nicht!" grollte L . . . . indem sein Antlitz fahl wurde, „Wo haben Sie Talmud gelernt? Auf den Irschiboth zu K„ St. und B., hem, hem, das ist noch trauriger— ja doch ja. — watreibt man da? nichts als Pilpul',) aber das Charis»»^» ,st noch nicht genug, man must auch, .und das ist die Hauptsache, Bkms* *> haben l Und das haben Sic wahrscheinlich vernachläffigt l Za. sage» Sic mir nur rasch: wann past. kennen*) wir >vie Abaje^s und ivann wie Resch Lokcsch*? Wann hat der M ram Rothenburgs gelebt? Wai»n habe ich meine ') Diskussion. ’) Schärfst»». *) Belesenheit. ') Gesetzlich ent* scheiden. *) Cln höchst geistreicher Amor&i, b i. Lrlmudzelehrte *) Ebenfalls. ) Ein späterer Deeisor. i» öffentlichen Blättern näher zu präclsiren, ein »tn so größeres Unrecht als enoch niemals vorgekommen ist, eine edle oder durch was immer hervorragende That eine- Jude«, durch die Beisetzung diese- Attributes näher zu kennzeichnen. In so lange man eS liebt, die Verbrecher nach der Eonfesston zu beurtheilen, iu so lange ist die bürgerliche Gleichheit eine lügenhafte Phrase. Der Jude gleicht in seiner Beurtheilung d.m Richter, er beurtheilt, daS Verbrechen als Objekt, der Verbrecher ist ihm Vollstrecker der schlechten That. er mag welcher Religion immer angehören; denn wer einer ruchlosen That fähig ist, von dem kann man sagen: Nichts Heiliges ist mehr, eS lösen Sich alle Bande frommer Scheu; Der Gute räumt den Platz dem Bösen, Und alle Laster walten frei. New-Iork Juli 1870. Wir haben in den letzten Tagen, so läßt sich der „Heb. 2'." aus Eleveland Ohio vom 18. Juli d. I. berichten, eine - Versammlung von Rabbinnen hier gehabt, welche sich die Revision des Minhag-Amerika zum Zwecke stellen. Es waren anwesend die' Herren: Adler,. Chicago; Flügel, Paincy; Goldammer, Cincinnati; Hübsch. New-Aork; Kalisch, Newark; Kleeberg, Luisvill; Kohn, Cleveland; Lilicnthal, Cincinati; Mayer, Cleveland; Mayer, Richmond; Sonncschein, St. Louis; ThuSka, Memphis; Wise, Cincinnati. Die Versammlung konstitüirte sich am 12. Juli und wählte Dr. Mayer auS Clcveland zum Präsidenten und die Herren DrS. Flügel und TuSka zu Sekretären. In ernster, einmüthiger Weise „Wege der Mischna" geschrieben? Ja doch ja, antworten Sie mir, rasch und „bli Sophck"°) — Die sonst so monotone säst unverständliche Stimme deS alten Herrn hatte sich wunderbar belebt. Geschah cs aus Wissensdrang, oder Ingrimm, daß dieser so kalte, forschende Gelehrte bis in die innersten Fibern seines HcrzcnS zitterte und erregt war?!-— Aber zu dein nichl geringen Erstaunen des inquiriccndcn Direktors beantwortete der junge Ludolph T u h o k alle diese stostwciS ausgestellten Fragen mit einer Präcision, Sachtcnntniß und Vielbclcscnhcit, die das Wort deS Dichters bewahrheitete: „Schon früh übt sich, wer ein Meister werden will." Der Obcrrabbincr ging hastig in seinem Zimmer auf der W . . . straste iin Scminargcbändc, wo dieses Gespräch stattfand, aus und ab-gewaltige Gedanken und Empfindungen schienen seine Brust zu bewegen, dann stellte er sich plötzlich vor L nd o l p h Da« h o k hin und sagte : „Sic komm gehen; vom!jcTi-~ tigcn Tage ab sind Sic mein Hörer!" Der Seminarist verbeugte sich ehrfurchtsvoll, küßte die Hand seines Chefs und verließ init hochklopfcndcm Herzen das Arbeitszimmer des Gelehrten. Der Direktor klingelte rasch, und wie auf Eonnnando stürtzten vier Männer in den Saal. ES waren diese Herren die Gelehrten deS Kladderadatsch," wollte sagen, des Seminars. Ein hagerer, blasser Mann, mit verlebten Zügen, rothein Bollbart und der unvermeidlichen D o k t o r c n . B r i ll c verbeugte sich drciinal vor .dieser Herr — in einem Alter von circa 30 Jahren — war der Günstling deS Direktors, der ih > auS einem schlichten Seminaristen zum Lehrer der Anstalt, mit einem Gehalte von 1000 Thalern, erhob. Welchen Vorzügen verdankte der Dr. A. dieses rasche Avancement? War er etwa eine hochbegabte Persönlichkeit? Eine literarische, pädagogische oder sonst gelehrte Kapazität? War er vielleicht rin hellstrahlender Charakter, den inan als Muster den Herren RabbinatSkandidatcn aufstcllen wollte?-Nichts von alldem hatte auf Dr. N.irgendwie Anwendung! Er war weder eine Gmie, noch cm Charakter. Kein Gcnic, doch kein Charakter! Er schrieb weder ein Buch, noch eine •) Ohne Skrupel d. h. exakt.

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