Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 32 (5.8.1870)
- Date
- 1870-08-05
- Page
- Seite 295 (sequence 3)
- Language
- German
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Fehler, ganze Sätze waren weggelaffen. Der Schochetfbgte1 zu seiner Entschuldigung: Was schadet das? die כחובה ist sa ohnedie« eitle Narrheit. Und warum schreiben Sie gar eine solche, wenn sie nicht nothwendig ist? fragte der Rabbiner. Ich zer« reiße sie in der That gleich nach der Trauung, entgegnete der Schochet. Aber wie dürfen Sie da« thun, fragte wieder der Rabbiner, heißt es doch אסור לאדם למר עם אשתו בלא ״ כתובהWenn es auch die חכמים gesagt haben" meinte der Schochet, und setzte hinzu: wie schön wäre es. wenn nur schon die Civilehe eingeführt wäre! Als hierauf der Rabbiner zu ihm sagte: wenn Sie vor 20 Jahren solche Gedanken geäußert hätten,'hätte man Sie nicht mehr schlachten lassen, da stand der Schochet auf und sagte: Sie sind nicht mein Vorgesetzter; Sie haben mir nichts zu befehlen, ging weg, ries cs ,roch einmal zur Thüre hinein und schlug sie zu. Dabei waren auch mehrere Gemeindeglieder als Ohrenzeugen. ״DaS ist ein grober Kerl" war alles waö sic sagten. Diese Scene, die sich in dem einen Ort abgespielt, steht nicht vereinzelt da und spricht genug laut dafür, daß man nicht die Rabbinen zum Sündenbock für all das Frivole in der Schchita heranSloscn darf. Nur in der Gemeinde liegt die Autorität des Rabbiners, sie muß ihn stützen, ihr muß cs heiliger Ernst mit den religiösen Institutionen sein, wenn der Rabbiner in seinem Pflichtcnkreis wirksam sein soll, sonst ist in der That alles - - Humbug. Wir wollen damit noch nicht den Lobredner der Rabbinen machen; wir sind nicht mit Blindheit geschlagen,׳ daß wir nicht sehen sollten, wie viele ihren Platz nicht ausfüllen, daß wir nicht erkennen sollten, die Metamorphose, wie Schochtim und unqualificirte Lehrer sich zu Rabbinen hinauf geschraubt und in ihrer Umwandlung ihrem neuen Berufe wenig Ehre, ihrer Gemeinde wenig Nutzen, dem Judenthum großen Schaden machen. Wer aber trägt die Schuld dieses Humbugs? Sind es nicht wieder die Gemeinden selbst? Hat man ihnen denn diese Rabbinen aufoctroirt? Nein, sie selbst haben sich sie gewählt. Wenn die Gemeinden bei der Wahl eines Rabbiners gewissenhaftcr zu Werke gehen, mehr auf Wissen und Charakter ihres zu wählenden Seelenhirten als auf leereS Phrasengeklingel sehen möchten, wahrlich, es würde bald jeder Stoff zu einer Klage ermangeln. — N. Griese aus Ungarn, m. So lassen wir denn unsere hocherleuchteten Fortschrittsjuden und weüberechtigtrn uud "Wochenschrift" geschmähten Orthodoxen Revue passircn! Der Orthodoxie, aus der älteren Richtung, gebührt der Vortritt. Man ist'« zwar im jenseitigen Lager gewohnt, ihr jeden Vor tritt und Vor- und Fortschritt abzusprechen; man liebt es daselbst, sie als culturfeindlich und ultramontan zu schildern, sie mit dem augenverdrehendcn JesuiliSmuS zu verwechseln und sie geradezu zur Kczerfrage auSzustaffiren — und dennoch — 0 miracula wiraeulorum! — ist es gerade diese Partei, die gegen Verfinsterung und Gewissensknrchtung anlämpft und aus ihre Fahne mit goldenen Lettern das Wort: Freiheit gestickt hat — ne ist in Ungar n die Trägerin des Liberalismus! Das hier Gesagte gilt von der Partei im Ganzen und Großen. Ihre Schattirungen sind freilich theils ״lichter", IheilS ״dunkler", theils erleuchteter, thrilS verdunkelter, theils lichtverbreitender. theils zwielichtdämmernder! — — Das oben Gesagte gilt von der Partei als von einer compaktrn Moffr, die aus kleineren Theilchcn — Partei-Nüancen — besteht, die dann alle an einander gefügt sind und rin großeS Ganzes bilden-Der Schomre-hadath>93miu — Der Schomre-hadath-23min zerfällt in zwei Richtungen in die Altuud Reu-Orthodoxie. Mit Ersterer wollen wir uns in unserem heutigen Briefe beschäftigen. — Sie steht in ganz naher Verwandschaft mit dem ChassidiSmuS, sie bildet dennoch die ״dunklere" Schattirung der Partei. Mit außerartiger Zähigkeit hängt sie an allen verkommenen, rostzerfrrffenen Institutionen, wenn sie nur von Ahnen überkommen sind, wenn sie nur das Verdienst nicht neu zu sein, haben. In ihren Synagogen ertönt noch immer die polnische Eing-Sang-Weise, ihr Rabbiner ״darschent" noch immer im jüdisch-deutschen Jargone, ihre Schule gemahnt noch immer an die ei-dvvunt-Liiedurim, wie sie vor hundert Jahre in voller Blüthe stände». — Das wären ihre Schatten-Seiten. — Aber sie hat auch ihre Lichtseiten! Sie hat auch Verdienste, die, in die Wagschale gelegt, vielleicht überschnellen würden r Sie ist die Trägerin des Talmuds-Studiums in Ungarn, unter Leitung Ihrer Rabbiner blühen Hunderte und aber Hunderte von Jeschibah’s zu deniitn die wissenSdurstigcn, langbclocktcn Jünger » allen, um audem Borne des Talmuds zu schöpfen lind sich satt zu trinkcn an seinen lieblichen Gewässern;' Da wird mit einer Vehemenz so eine Materie bearbeitet — laut ertönen die Stimmen, mächtig werden die Hände bewegt, der ganze Ge sichts-AuSdruck ist rin verklärter Talmud Satz — - immer lauter wird da- Toben Da ertönt des Rabbis Wort, die Ruhe ist hergcstellt, die Meinungen sind gelichtet, der Sie» ger schüttelt Freudetrunken seine Nabcnlocken vulgo?«.׳aut!» genannt! — Daö ist das eine Verdienst der Richtung. — Ein zweites, nicht minder hochzuachtcndrS Verdienst ist ihre jüdische Innigkeit nnd Herzlichkeit, mit der sie jedem wahr- Haft jüdischen Untrrnrhnien, wenn es nicht mit ihrer rrtigiösen Ansicht differirt, unter die Arme greift. S. z. B. beschafft sie in Ungarn das größte Contingcnt zur Unterstützung der palästinei fischen Armen; liefert auch sie eine bedeutende Anzahl v-n Mitgliedern alljährlich an die ״Alliance״ — vorauSgesetzt, daß man sie von den echtjüdischen Zwecken derselben in Kenntniß setzt; unterstützt und regt zumeist sie an die talmudischc und die Responscn-Litcratur. Sie ist, wie wir schon oben^ bemerkten, die tiesstehendere Tochter der Orthodoxic, und wer sie zum Maßstabe für dieselbe nähme, würde leicht fehlen und nur Begriffs Verwirrungen und Entstellungen der Wahrheit Hervorrufen. Schmidt. Wochenchronik. *»*(Ein G r m e i n d r o r t i c r). Um ihrer nirgendS spürbaren Autorität wenigstens de» Anschein einer solchen zu geben, verwandelt auf Antrag der Hr». Dr. Raubnitz und Dr.TedeSco die jüdische Repräsentanz den Hrn. Haus- Meister in einen Uon8ivur portier. Sie üniformirr ihn mit außerordentlichen Ausgaben und will ihm, zuin Trotze der hausmeisterlichru Bartlosigkeit den Bart eines Portiers wach« sc« lassen. Wie weit die Komödie »och gehen wird, ist vor der Hand noch unbekannt, allenfalls dursten sich noch die Mitglieder der Repräsentanz eine rothe Uniform anziehen. Dir Idee ist nicht schlecht. V Kein Prediger. Der Vorstand der Pinkassnnagoge hat definrtiv beschlossen, keinen Prediger anszunrhmr». *** Sin Dekret. Herr Dr. E. Hoss hat bereits von der isr. Eultusgrmrindc in Prvßnitz das Dekret in Form eine» VvkationSbriefeS erhalten, in welchem die desinilive Anstellung de- Dr. Hoff als Rabbiner in Proßniy mit Stimmeneinhelligkeit ausgcsprochk» ist. Dem Dekrete gemäß ist derselbe verpflichtet nebst den Kanzrlvorträgen an hohen Fesl-und Friertagen allmonatlich nur einmal von der Kanzel herab zupredigrn. In sein Ressort fallen überdieß der Religion-unterricht an der jüdische» Volksschule, die Verwaltung der Slistungen, des Armenwcsens und bic Matrikensührung, für dre 32•