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Die Gegenwart · 1870-07-29 · 31 (29.7.1870) · p. Seite 285

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
31 (29.7.1870)
Date
1870-07-29
Page
Seite 285 (sequence 3)
Language
German
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i 285 vnd in ohnmächtiger Wuth brausmd und rauschend au den gewaltigen Ufern branden: Da zittert auch da» mächtigste Kriegsschiff auf dem Rücken der wüthenden Meeresfläche; der bedächtige Steuermann Untersucht in langer Furcht die Wände und die Seiten de« Dampfers, damit das tosende Element ihn nicht in den Abgrund stürze; er wirst den Ballast, ja selbst die kostbarsten Gegenstände, die sich auf dem Schisse finden, in die gährende Jluth, gleichsam als Sühn« Opfer dem Dämon des Meeres. Aber die Wellen scl logen immer höher und höher, der Horizont wird immer dunkler, daS riesige Schiff schwankt wie ein vom Wind bewegte- Schilf — da verliert der besonnene Kapitän den Muth, er verzweifelt und in seiner trostlosen Lage wirft er sich in» brünstig hin vor den Thron des Herrn der Heerschaaren, herzzerreißend flehend und ringend um seine Erlösung und Errettung.-Dieses Bild veranschaulicht so ziem« lich zutreffend die Lage, in der wir uns gegenwärtig befinden. — Es sind kaum vier Jahre verflossen, seitdem die Völker Deutsä landö in brudrrmörderischrm Kriege ihr Blut auf den Schlachtfeldern Böhmens verspritzten. Kaum vier Jahre! und schon wieder ist die gräßliche KriegSfurie entfesselt, abermals werden Hunderttausende unserer Ncbenmenschen hingeschlachtet, unzählige Familien unglücklich gemacht, die schönsten und blühendsten Städte und Felder zerstört und zertreten, abermals die entsetztlichste Barbarei aus dem Schooße der Vernichtung heraufbeschworen!- Angesichts dieser schrecklichen Thatsache sind wir wohl zu der Frage berechtigt: ist nicht unser Flunkern mit unserer Civilisation und unserem Fortschritt eitel Lug und Trug, die kolossalste Lüge des neunzehnten Jahrhunderts ja eine B l a S p h e m ie an dem Genius der Menschheit? Ihr Herren der unbeschränkten Phrase, Ihr Männer deS kopflosen Aufklärungsschwindels — wo bleibt da die Civilisation, der Fortschritt, die Aufklärung, die Humanität. wenn der K r i e g — der priviligirte Massenmord — auS frivolen Ursachen, auS verbrecherischen Motiven urplötzlich über die arglose Menschheit herausbeschworen wird?! WaS brüllet Ihr Euch mit Eurer Kultur, mit Eurer Bildung, mit Euren Idealen — wenn Ihr es nicht hindern könnt, daß das Zündnadelgewehr, daS Chaffepot, die kugelspritzende Kanone Eure Doktrinen zu Schanden und Euch selbst — ohne irgend welche Rücksicht auf Euere Theorien — mit einem — Kopfe kürzer macht?! Der CäsariSmuS, d. h. der zum Prinzip erhobene staatliche Militarismus spottet der Errungenschaften deS Fleißes, des Handels, der Industrie — — die grünenden Thäler und Aecker werden von den Hufen der dahinbrausenden KriegSrosse zerstampft,- die Börse, dieses moderne Babel, wo in den verschiedensten —egg— denn man fragt einander nicht mehr nach der Zahl der Becher und deren Wirkungen, sondern nach der Zahl der Blätter, die man gelesen, eS scheint, alS wenn man statt Brunnen, Zeitungen trinken und statt Wasicrkuchen Enten verspeisen möchte. Eh bien, nous rerrons I Die Proklamation der Unfehlbarkeit hat hier gar keine Aufregung unter den Lust- und Leidwandelnden hcrvorgebracht, sie ist in einem Kreise der Gesellschaft ein Gegenstand der Unterhaltung, man schweigt sie gänzlich todt, wiewohl sie strotzende Gesundheit in die Welt gebracht haben muß, da äußerst wenig katholische Geistlich« hier zu sehen sind; oder sollten sie stärkere Quellen zu verdauen ausgesucht haben? Die jüd. Welt ist hier stark vertreten, sie muß demnach auch innerlich krank sein und ihr Leid haben. Wo das Hebet fitzt, ob auf radicale Heilung zu hoffen sei? wer kann daS wenigsten» für die nächste Zukunft bestimmen! Jede,: stellt sich selbst die Diagnose, legt sein Mittel al» da» einzige probate unfehlbare dar, doktrirrn und pfuschen an sich selbst herum und doch gehen alle an dieselbe Quelle, doch die Quantität bestimmen sie sich selbst, mengen darunter andere Ingredienzien nach eigenem Geschmack, schreiten dabei vorwärt», gleich darauf wieder rückwärt» und bleiben endlich stehen, Sprachen und — Noten der Thurmbau des Gotte» M a mmon aufgeführt wird, ist von der Windsbraut der Kriegs« Nachricht schon über den Haufen geworfen-der ehrlich und mühsam erworbene Besitz ist zu einer Fiktion, einem Traumgebilde geworden! —- Ja, cs ergeht jetzt den Völkern und kriegführenden Monarchen, wie wir eS oben bildlich ausgedrückt, wie dem Steuermann: sie fühlen die furchtbare Branduug einer höheren Macht, die sie gewöhnlich „Schicksal" nennen, jetzt aber, in der schweren Roth der Zeit mit „Vorseh ung" bezeichnen. — — ES ist keine Triviliatät; eS ist und bleibt eine ewige Wahrheit: „Die Weltgeschichte ist daS Weltgericht!" Dasselbe Preußen, das vor vier Jahren auf eben so frivole Weise in die Gauen Oesterreich» die Brandfackel geschleudert, wird jetzt von dem blutbefleckten Imperator an der Seine mit gleicher Münze heimgezahlt. Es ist der Fluch der bösen Thal, daß sie fortzeugend Böses muß gebären. Können wir Juden in diesem welthistorischen Ereigniß nicht die Erfüllung deö biblischen Vergeltung», rechts erblicken, das bei Einzelnen ebenso wie bei N a t i o n e n in Erscheinung tritt?! — WaS aber das I u d e n t h n m in diesem verhängnißvollen, aber höchst lehrreichen eisernen Würfelspiel der Schlacht mit besonderer Genngthuung registrircn kann, ist der Umstand, daß der Steuermann, in dieser äußersten Gefahr zum Herrn der Heerschaaren, also zum Schöpfer der Welt betet, von dem ja das I u d e n t h u m so herrlich lehrt: „Der Ewige ist der M ei ft er des Kriegs, der Ewige ist sein Name"! — Ja, mit Genugthuung begrüßen wir die allerhöchste Ordre de »Königs von Preußen vom 21. diese», die da lautet: „Ich bin gezwungen, in Folge eine» willkührlichen Angriffs da» Schwert zu ziehen. — --Es ist ein ernster Kampf, den c» gilt und er wird Mcjpem Volke und ganz Deutschland schwere Opfer auferlegen. Aber Ich ziehe zu ihm aus im Aufblicke zu bau allwissenden Gott und mit Anrufung Seines allmächtigen Beistandes. Schon jetzt darf ich Gott dafür preisen, daß vom ersten Gerücht des Krieges an durch alle deutsche Herzen nur ein Gefühl rege wurde und sich kundgab, das der Entrüstung über den Angriff und der freudigen Zuversicht, daß Gott der gerechten Sache den Sieg verleihen werde. — — Von Jugend auf habe Ich vertrauen gelernt, daß an G o t teSgnädiger Hife Alles gelegen ist. A u f I h n h o ff e i ch u n d f o rd e r e I ch m e i n Volk auf z u gleichem Vertrauen. Ich balge Mich vor Gott in Grkenntinß Seiner Barmherzigkeit und bin gewiß, daß Meine Unterthanen und Landsleute cs mit Mir thun. Dennoch oder setzen sich zur Ruhe und erwarten eine heilsame Wirkung. Ein Badelebe» ist doch ein schöne» Leben! Man sieht da viel Schönes und. hört auch zuweilen viel Anziehende». So hörte ich eine sehr geistreiche reformistische Idee al» Heilmittel für da» Judenthum, das zugleich daS Defiett mancher Gemeinde beheben könnte und dieS besteht in Abschaffung der Mazo». Der Gedanke verdient nicht sowohl wegen seiner Neuheit als wegen seiner logischen Richtigkeit registrirt zu werden. Die Prämiffe lautet: Wir halten H Tage daS Pesiachfcst, effen H Tage Mazo», in der Bibel sind un» aber ja nur 7 Tage vorgeschrieben, daher lautet der Schluß, schaffe man die MazoS ganz ab und hänge zur Erinnerung nicht den Ersinder diesrr^2dee, diesen tiefen Denker, sondern eine Maze tn der Synagoge auf, aber hoch, damit wenn e» einem Hungerigen auf die Einladung bs einfallen sollte, darnach greifen zu wollen. er nicht dahin gelange, sonst hätten wir ja am zweiten Tage kein Erinnerungszeichen mehr. Nicht» über eine rationelle Wunderkur l . — Sch. — 31«

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