Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 29 (15.7.1870)
- Date
- 1870-07-15
- Page
- Seite 270 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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I 270 sche- Mittel, dabei dem geringen Bildungsgrade der Majorität der jüdischen Bevölkerung Anklang gefunden hat. Da bekanntlich die Deutschen in Lemberg gar kein Feld haben, mithin eine Art deutsche- Casino, wie sich ein solche« in Prag breit macht, nicht lohnen könnte, überdicß man in einer derartigen Gesellschaft Anstand nehmen würde, polnische Juden al« Mitglieder aufzunehmen, so wurde vor zwei Jahren auf ein jüdische« Casino, genannt „Schomar Israel," spekulirt, welche die Schule der Politik und höheren Staatskunst werden sollte. Nun war man vor Allem darauf bedacht, eine politische Bibel zu schaffen und man sprach: e« werde Licht: und c« ward in einer in hebräischen Lettern jedoch in deutscher Sprache gehaltene» politischen Zeitschrift „Der Israelit" Licht. Ob da- Licht genug intensiv ist, unsere jüdischen Staatsmänner zu erleuchten, bleibt freilich eine Frage und, wenn es den hiesigen Juden einmal finster werden sollte, so werten diese wissen, daß die Kerze ihrer politischen Weisheit ziemlich herabgrbrannt ist. Bei den gegenwärtigen Landtagswahlen hat sich die Theorie der hiesigen jüdischen Politiker sehr schlecht bewährt und schon zu Konflickte geführt, welche sich in Judenexcessen abspiegelten. Wiewol diese nicht zu entschuldigen sind und einer politischen Unklugheit nie die gewuchtige Faust entgegengestellt werden soll, so mnß ich zu meinem Bedauern der Wahrheit Rechnung tragen, da sich die hiesigen Juden einen sehr verletzenden Taktfehler zu Schulden kommen ließen, der fast nicht entschuldigt werden kann. Während das städtische Ccntralkomite Smolka, Czemeryn-ki, DabrowSki, Fränkel als Candidaten für den Landtag ausgestellt hatte, hat selbst der demokratische Verein diese Liste acceptirt und empfohlen, um einerseits mit DabrowSki die Lembergrr Bürgerschaft, anderseits mit Fränkel, einem sonst schr bicdcrn Charakter und Bollblutdemokratcn, die Juden zu befriedigen. Da nun die föderalistische Partei, die sogenannten Smolkiancr sowol, als die Demokraten für DabrowSki und Fränkel waren, konnte schon die Ziemialkowskische Partei jene nicht auSschlicßen, weil ihre Wahl durch die Bereinigung zweier Parteien gesichert war, und so wieS die Kandidatenliste der ZicmialkowSkiancr die Namen Ziemialkowöki, Kabath, DabrowSki und Fränkel aus. Wiewol die Juden Smolka als dem steten Verfechter für die (Gleichberechtigung der Juden verpflichtet waren, stimmten sie dennoch in einer in der hiesigen Synagoge arrangirte Vorwahl gegen jenen Patrioten, der erst vor zwei Jahren für die Wählbarkeit der Juden in den Gemeindcrath so entschieden eingetreten ist. Daschienen aber unsere Lemberger Juden schon vergrsien zu haben. Ein solcher Vorgang, der die Undankbarkeit in nicht geringem Grade charaktcrisirt, war dazu geschaffen dir Gemüther der Föderalisten und Demokraten so zu erhitzen, daß erstere Smolka bewegen wollten nicht nur die gemischte Kandidatenliste aufzugcben, sondern auch in derselben den Juden Fränkel auSzulassc» und eine gewaltige Agitation gegen die Juden cinzuleiten, die gewiß zu Gunsten der Föderalisten ausgefallen >värr. Smolka jedoch der stets bewährte Charakter ließ sich keineswegs dazu bestimmen, gegen die Juden Front zu machen und both Alles auf die städtische Liste nicht zu ändern, ehrlich nnd loyal vorzugehcn, e« mögen die Wahlen was immer für einen Ausgang nehmen. Trotz der großen Agitation gegen Smolla und den ihm entgegen geschleuderten Jnvektiven und Verdächtigungen wurden Smolka, Dabrowski. Fränkel und die beiden ersten Candidaten des städtischen Comite«, letzterer Kandidat aller Parteien gewählt, während die sogenannte ReichSrathspartei nur ZiemialkowSki durchgesetzt hat. Nach erfolgter Bekanntmachung de- Wahlresultateaueinem Fenster de- Rathhause-, setzte sich die viele Tausende zählende Volksmenge unter dem Rufe „do Smolki* in Bewegung, machte vor Smolka- Wohnung Halt und brachte ihm allerlei Hochrufe aus. Smolka erschien am Fenster, richtete an dir Volksmenge einige Worte und bat sie - sich ruhig zu verhalten und jede Ausschreitung zu vermeiden. Die Jude», deren entschiedene- Auftreten gegen Smolka noch frisch in Erinnerung war, waren nun danächste Ziel der erbitterten Menge, und es kam in der Judengaffe zu bedauerlichen Scenen. für die allein nur der Mob verantwortlich gemacht werden kann. Wie gesagt e« wäre schon Zeit, daß rohe Gewalt audem Spiele bleibe, aber auch Zeit, daß die polnischen Juden wenigsten« die Politik der Klugheit verfolgen möchte. J. G —n. Wochenchronik. *»* Cm Beitrag zur Geschichte der außerordentlichen Ausgaben der israelitischen Cuttu»- Gemeinde- Repräsentanz. Die löbliche CultuS-Gemeinde-Repräsentanz hat ihrem löblichen Sekretär zum Zwecke, ihm den Badeort wo möglichst angenehm zu machen, einen ansehnlichen Betrag au« Gemeindemitteln zum Geschenke gemacht. Dann frage man noch, wozu man Cultu-steuer zahlt. *** Ungleich gemessen. C« ereignet sich fast jedesmal, daß die isr. Repräsentanz, trotz der Weisung eines oder des anderen WohlthätcrS, den gespendeten Betrag an alle israel. WohlthätigkeitSvereine zu verthcilen, nicht in dem Sinne de« Spender« zu Werke geht und so kommt e«, daß immer und immer alte WohlthätigkeitSvereine, unter deren Vorständen sich Mitglieder befinden, die auch Mitglieder der Repräsentanz sind, bevorzugt, während die jüngeren Vereine, die auf Unterstützung den nächsten Anspruch haben, total übersehen werden. Ein Vorgang, der gewiß nicht in den Intentionen der Wohlthäter liegt. Wir machen daher solche aufmerksam, entweder der Repräsentanz die zu beschenkenden Vereine anzugeben oder sich an die VereinSvorstSnde direkt zu wenden. Inland. Wien. Am 18. August gelangen aus einer Salomo n Altmann'fchcn Stiftung die Zinsen von fl. 1500 österr. Papierrente zu gleichen Thrilen an zwei vater- und mutterlose jüdische Waisen ohne Unterschied des Geschlechtes, die das fünfzehnte Jahr noch nicht überschritten haben, zur Bertheilung. Bewerbungsgesuche sind rechtzeitig in der Kanzlei der Wiener israelitischen KultuSgemcinde einzureichcn, woselbst so wie in den hiesigen Bcthäusern dir näheren Modalitäten publizirt werden. - Sonnt, d. 3. d. sollte im israel. Tempel die Trauung der Hausbesitzerstochter H. mit dem Kanfmanne Josef M. stattfinden. Vor Beginn der Feier hatten sich im Hause der Braut deren und des Brautpaares Familie eingefunden. Hier kam es wegen AuSfolgung der Mitgift zwischen dem Vater der Braut und dem des Bräutigams zu einem Wortwechsel, der immer heftiger wurde und dam t endete, daß das ganze Hochzeitsfest abgesagt wurde. (U e v e r t r i t t zum I u d e n t h u m e.) Der Bahnbeamte Josef S ch i ll er, israelitischer Konfession, lernte vor einigen Monaten ein Mädchen katholischer Religio», Namen« Ludmilla B öl kcl, kennen. Die Eltern derselben wollten eine Heirat der Beiden an» konsessiönellen Gründen nicht zugeben, da« Mädchen entschloß sich deshalb zum Judenthnme übcrzutreten, was sie vor wenigen Tagen auch aussührtc. Mantag den II. d. M. fand im israelitischen Tempel in Fünfhaus die Trauung des genannten Bahnbeamten mit Frl. Völkel statt. — Die in Ober»Döb« ling Nr. 5 wohnhafte Kaufmannsgattin Frau Julie Löwy hatte das Unglück, am vergangenen Sonntag beim Zuschütten des Spiritus von der Spiritusflamme am Aermel erfaßt zn werden. Im Nu standen die Kleider in Flammen, Frau Löwy war allein im Zimmer und e-dauerte beinahe zehn Minuten, ehe einer der Angehörigen, die sich im Garten befanden, die Hilferufe hörte. Die Hilfe kam zu spät. Die Unglückliche hatte bereit» so weitgrejfende und tiefe Brandwunden, daß