Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 29 (15.7.1870)
- Date
- 1870-07-15
- Page
- Seite 269 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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269 Vorfall gibt dem ganzm Schacher, den man durchaus Religionsunterricht nennen will, eine ganz neue Illustration. SLmmtliche Schüler an ber' diesigen Oberrealschule haben am Samstag und an Feiertagen bisher ohne Unterschied eben so gearbeitet, geschrieben, gezeichnet wie an Wochentagen. Niemand, auch der hochfromme Religionslehrer nicht, kümmerte sich um diese öffentliche Sabbatschändnng. Einige Väter der hier wohnhaften J-raeliten faßten ein Herz, ließen von ihrem hier angcstellten ReligionSlehrer Mayer ein besuch an die Direction dieser Anstalt vcrfaffen und mit Berufung auf unsere StaatSgrundgesetze um Befreiung ihrer Kinder von derlei Arbeiten am Samstag erbitten. Herr Mayer, der dieses Gesuch überreichte und sich als den Religionslch rer der dortigen Gemeinde vorstellte, konnte schon deshalb nicht durchdringen, weil man ihn doch als Religionslehrer gar nicht kennt. Ueberdieß wurde von den Professoren argumentirt, warum denn nur einige und nicht sämmtliche israelitischen Studierenden ansuchen; ferner warum erst zum Schluffe des Jahres, wo doch die Studierenden am meisten zu thun haben, erst nachgesucht wird, während doch bisher ohne Anstand alle Israeliten am Samstag geschrieben, gezeichnet haben! — Diese Professoren halten die ganze Sache für eine bloße Chicanie von Seiten der Ansuchendcn und haben beschlossen, im Falle sie dazu vom Gesetze aus gezwungen würden, sie die israelitischen Studierenden verhalten werden, jeden Sonntag zu erscheinen, um die am Samstag versäumten Stunden nachzutragen. DaS sott daö beste Remcde sein, die Faulenzer zu heilen und nach zweimaliger Wiederholung kommt alles ins frühere Geleise. — Nun argumentiren auch die Herren Juden von Elbogen wieder anders. Wenn jeder Student alljährlich 4 fl. 2V kr. zahlt, so sollte er für dieses Geld wenigstens ein Jude sein können, wenn er eS sein will, das heißt der hochehrwürdigc Herr sollte alljährlich zu Beginn des Schuljahres seine Autorität geltend machen und sagen: „Wir Juden haben auch eine Religion, die die Religion aller Religionen ist, und so wie wir niemand zwingen dürfen, daß er seine Religion schände, darf auch dem Principe der Gleichberechtigung zufolge uns niemand zur Schändung unserer Religion zwingen u. s. w. Es war letzthin in Ihrem geschätzten Blatte die Rede von der Landplage dieser fahrenden Scholasten; ich denke mir es noch wcischlimmer. Wären jene »agierenden Herren, die sich KreiSrabbiner benamsen, nicht angestellt, so wüßte z. B. die hiesige Gemeinde von vornherein, sie sei berufen, für alle religiösen Angelegenheiten Sorge zu tragen; nun aber denken wir, es ist der KreiSrabbiner da, nicht bloß das Geld zu nehmen, sondern auch etwas zu leisten und siehe da-doch warten wir. Wahrscheinlich in Folge der Anregung in Ihrem Blatte hat die LandeSjuden-Repräsentan; in ihrer letzten Sitzung beschlossen, neuerdings um Aufhebung dieses lästigen Instituts bei der hohen k. k. Statthaltcrei bittlich zu werden. „Ich lege ihn niemals ab. Er ist daS einzige Andenken, welches ich auS der Kleiderhandlung meines VatcrS Jakob in Kanaan noch besitze." „Dieser alte Mantel?" „Ja wohl, gnädige Fra». Es ist derselbe, welchen der biedere tapfere Wall he im während des stebenjährige» Krieges schier dreißig Jahre lang trug, und der mir deshalb auch vice versa versprochen hat. sich mit mir begraben zu lasten." „DaS mag er thun, wenn eS einmal so weit sein wird; aber daS ist doch kein Grund, ihn nicht jetzt auf einige Augenblicke abzulrgcn, zumal Sie selbst sagen, daß Ihnen heiß ist. Außerdem bedenken Sie doch, mein lieber junger Freund, was hilft Ihnen der Mantel, wenn er nicht gerollt ist?" „Sehr wahr; dennoch, gnädige Frau, bitte laste» Cie mich!" „So behalten Sic ihn meinetwegen an. Aber weshalb rükkrn Sie denn so ängstlich fort von mir?" „Ach, gnädige Frank" „Thörichtrr Jüngling, du kennst dein Glück nicht. Du bist mein Sklave, ich könnte dir befehlen; aber ich bitte dich, bitte, well ich dich liebe." Sehen wir also zu, ob endlich unsere StaatSgrundgesetze, denen eine octrvhrte religiöse Institution vollkommen wtdersvricht, in die Praxi» übergehen werden. Oder will man vielleicht da» AreiSrabbinat für die Eventualität einer neu eintretenden Reaktion referviren? Gedenkt man abermals jene dne zion- Tortur in» Neben zu rufen? — Dazu freilich wären sie gut oder vielleicht schlecht? genug. Einer, der die Läge haßt. K. Humpoletz 10. Juli (0.—K.) Die bereits stattgefundenen Landtag-Wahlen, die zu Gunsten der Nationalen ausgefallen sind, haben ganz natürlich auch unsere Stadt beschäftigt und haben sich die hiesigen Juden für den nationalen Kandidaten entschieden erklärt. Ewar ein solcher Borgang nur zu erwarten, nachdem die Juden hier im friedlichen Verhältniffe mit den übrigen Bewohnern unserer Stadt und des ganzen Bezirkes leben. Dir Loyalität unserer Mitbürger hat sich vorgestern bei dem Leichcnbegängniffe unseres allgemein geachteten Arztes de» Hrn. Dr. I. Frank manifestirt. An demselben bethciligten sich nicht nur die ganze Bürgerschaft, sondern auch dir katholische Geistlichkeit, die Lehrer aller Schulen und der wackere Verein „Sokol", dessen Mitglied der Verstorbene war. Der Leichenzug war ein imposanter und strahlte die letzte dem Verstorbenen erwiesene Ehre aus unsere ganze CultuSgemeinde zurück, auf deren mustcrhastcö Benehmen ich einen besonderen Nachdruck legen muß. Lemberg 11, Juli (0.—K.) Bei den LandtagSwahlen in Polen zumal in Lemberg haben die Juden — ich muß es zum Leidwesen meiner polnischen Glaubensgenossen eingestchen — sich Hinreißen lassen, demonstrativ auszutreten; allerdings fehlt es ihnen fast durchwegs an politischer Reife und lassen sie sich von einer Clique beherrschen, die von den l erren Nathansohn, HönigSmann und Rabbiner Löwenstein ommandirt wird. Wa» von einem Eliquewesen zu halten ist, davon dürsten unsere Glaubensgenossen in Böhmen hinlänglich überzeugt sein, die sich bei Zeiten von jenem losgesagt haben, wie es der Ausfall der Deklarantenwahlen auch unoerholen zu erkennen gegeben hat. In Polen ist dieß schwerer zu erreichen, weil die Bildung im Allgemeinen in der polnischen Judenhcit nicht jene Wurzel gefaßt hat, wie sie in Böhmen zu finden ist. Nun speku- Urten die gebildeten Juden Lemberg» auf ein höchst drasti- „Sic geruhen mich allergnädtgst lieben zu wollen?" „Ja, ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt, und bist du nicht willig-“ „Dann schrei' ich Gewalt I Gewalt I Hilfe! „Joseph! Joseph!" Eine Cekmide später vernahm man da» Klirren von Fenster, scheiben. Ein Fensterkreu; ward eingetreten, und mit gewaltigem Satz sprang er über das Grstms de» dritten Stockwerk« hinab tn de« Hof. auf dcste» Cteinpstaster er mit einer kleinen Berstauchung des Os sncniin anlangte. Sonst hatte Joseph weiter keine Schnierzen und bei dem Abenteuer auch weiter nicht» verloren al« seinen Glauben an weibliche 7»gc»d und seinen Mantel, welcher, in den Händen Ihre Exzellent. der Frau von P o t t p h a r zurückgeblteben, am Hofe de» König» Pharao noch eine Rolle spielen und für diesen einig» Jahre später der Anlaß werden sollte, lm Lande Gosen ein Asyl für obdachlose Jßraelitrn zu gründen. 29*