Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 29 (15.7.1870)
- Date
- 1870-07-15
- Page
- Seite 268 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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268 — so sind solche Emanationen, so schön sie auch klingen mögen, nicht die sichere Bürgschaft, daß die Theorien der Freiheit und Brüderlichkeit inS Fleisch und Blut de« spanischen Volkes übergegangen sind; denn nicht mit Einem Male kann man sich von Grundsätzen loSsagen, an denen Jahrhunderte hindurch der Harz der Intoleranz geklebt, am allerwenigsten ist für die dauerhafte Acceptirnng gesunder und intellektueller Principien der feurrige Südländer empfänglich, der für eine Idee sehr bald glüht und schwärmt, um sie bald erkalten zu lassen. Bis allher haben die Juden den Spaniern wenig Leranlasiung geboten, deren Theorien praktisch verwerthen zu lasten, weil eben die Juden dem spanischen Landfrieden zu wenig trauen, und sich in ihrem Gedächtnisse eine schmachvolle Erinnerung nicht so bald verwischt. Ob nun die Corte» einem Leopold oder Alfonse die Krone onbieten, ob der französische Diktator abermals die Rechnung »hur dm Wirthen gemacht oder ob durch einen etwaigen Rücktritt des hohenzollern'schen Prinzen von der spanischen Thronkandidatur daS Prestige dcS norddeutschen Koloß leidet, bleibt jedem der betheiligtcn Künstler an diesem schon vor dem Beginne deersten Aktes illusorisch gewordenm Schauspiele überlassen, das wohl angekündigi, aber bei dem der Vorhang nicht einmal in die Höhe gezogen wurde, um der Welt da» blutige Drama vorznführcn. Wa» uns aber bestimmt, diese spanische Thronfrage zu ventilire», ist da» Interesse, das an derselben die Juden haben. Die Revolution, die erst vor zwei Jahren in Spanien daschwarze Siegel erbrochen hat, das die in vergilbten Papieren ertödtete ^Etvilisation eingrschlossen hielt, hat sich, wie die Geschichte davon Zeugniß ablegt, RegicrungSsysteme zu rühmen, wie sie auf keinem zweiten Fleck der Erde ge handhabt wurden. Geheime Inquisition verbunden mit den gräßlichsten Marterqualen mußten entweder die Unschuld zur Schuld machen, oder den stoischsten Charakter zur Folterbank schleppen, auf der de- Leben» schreckliches Ende den gewaltsamen Prozeß zur Lösung brachte. Vor 378 Jahren hat ungerechte Staatskunst der Civilisation den Krieg erklärt und dagrausame Verdikt ausgesprochen, die Juden als ergiebige Beute des Haffe- und der Verachtung von Seite der Christen zu verfolgen, sie hinaus zu treiben ans dem Lande, wo die Grandezza so „stolz den Spanier" haben will. „Gut, daß Sir kommen I" ries sic ihm freundlich nickend entgegen. „Wissen Sie wohl, daß ich fast zweifelte, ob Sie Ihr Bort haltm würden?" „Mutzte ich denn nicht, gnädige Frau?" erwicderte er, noch immer mit einwärt» gebogenen Beinen und in etwas gebückter Stellung dicht an der Thür stehend. „Bin ich nicht der Sklave Ähre« Herrn Gemahls und haben Se. Exzellenz «nich nicht für schweres Geld gekauft?" „Sticht meines Gatten Sklave, der meinige sollen Sie sein I Und nicht um den Preis, den mein Mann den Midianitcrn für Sie gezahlt; nein, um einen andern Preis, einen viel reicheren, schöneren, sützerrn - — Verstehen Sie mich?" „Stein, gnädige Frau." „So koinmen Eie doch näher, mein Freund. Immer näher — noch näher!" Bor Angst bebend, that er einen kleinen Schritt nach dem andern in der Richtimg nach der Eausruse, immer den Blick an den Boden geheftet. Endlich stand er vor ihr. „Nehmen Sir Platz, »»ein Freund." lächelte sie ihm Imldrcich zu. „WaS zögern Sie? Muth. Muth. junger Mann! Dem Mnthtgen gehört die Belt." Sie reichte ihm die Hand. Zitternd ergriff er sie, und halb zog sie ihn, halb sank er hin in dir weichen Kiffen deS üppig gepolsterten Sitzes. „Erzählen Sie mir etwas, mein Lieber," sagte sie freundlich ermunternd zu ihm. „BaS soll ich Ihne» erzähl«,, gnädige Krau? Wovon könnte tch Ihn« nde». waS Sie intrreffirtr?" „Sprechen Sir von sich selber, mein Freund, erzählen Sie i Wawürden die Juden, wenn sie schaarenweise in da- Land, wo nebst den Citronen freiheitliche Ideen blühen sollten, wandern würden, für Consequenzen zu erwarten haben, wenn über sie wohl nicht mehr schwarz vermummte Männer' z» Gerichte sitzen, aber doch Stimmen aujenen Kreisen sich erheben würden, die mit der Vergangenheit noch nicht gebrochen, was würden diese Juden für einen Schutz finden, wenn die Früchte der Freiheit im Volke noch nicht die nöthige Reife erlangt haben? In der That wäre daeine verdammte Verrechnung? Dem gegenüber wäre noch die Besetzung des Thronemit einem Hohenzollern ein Unglück für die Juden. Ein Hohenzollern auf dem spanischen Throne hieße dasselbe: wie ein Hohenzollern auf dem rumänischen Thron! Und so wie ein deutscher Fürst aus Rumänien ein zweite- Spanien schuf, so könnte ein deutscher Fürst ein zweite- Rumänien aus Spanien schaffen, die Bratiano'S und Cogolnitscheano'S würden sich auch hier bald und noch früher finden. Welche Folgen auch immer die Besetzung despanischen Thrones mit einem Hohenzollern für die europäische Lage hätte. Eines bleibt fest, ihr sehen die Juden mit Fiebersrost entgegen und darum ist eS schon gut, wenn der Appetit dem Prinzen von Hohenzollern benommen wurde. — B. Eine kleine Geschichte über den Neitzion-- unterricht. Hier in Elbogen unterrichtet seit Jahren der Herr Krei»- rabbincr Religion; derselbe kommt mehrmals im Jahre hieher, gibt den Schülern der Haupt» und Realschule mehrere Seiten auf und diese haben dann zllnr Schluffe de« Semester» Prüfung abzulegen. Dem Gesetze genügt dieser Schatten, diese Formalität und dem Herrn Kreisrabbiner schadet'- nicht. Die ganze Sache hätte weiter nichtans sich; denn ganz gleichgiltig ist'» ob die 4 fl. 20 kr. ö. W. alljährlich diesem oder jenem ReligionSlehrer gezahlt werden und daist ja da» Faeit des ganzen Religionsunterrichtes! Doch ein mir etwas von Ihrem früher» Leben; ich wäre begierig, Ihre Antczedcnticn kennen zu lernen." Rachsinncnd blieb er einen Augenblick schweigend neben ihr fitzen. Plötzlich gewahrte er die- Laute, welche neben ihm auf dem Marmortischc lag. Er erfaßte dieselbe, that einige falsche Griffe in ihre Saiten und brach dann mit seiner angenehmen, aber mit etwa» Gaumcnton behafteten Tenorstimme in folgende Klage aus: „Ich war Jüngling noch an Jahren"- „Ich weiß, ich weiß," unterbrach sie ihn. „Vierzehn zählten Sie kann, nur — nicht währ? Sie sehen, ich weiß Alles. Ihr jüngster Herr Bruder — wenn ich nicht irre, heißt er Benjamin — war übrigen» früher, als er noch von der Lucca gegeben wurde, viel intcrcffanter als jetzt. WaS thuts? Man mutz auch so zufrieden sein. A propos, zufrieden: Eie wiffen, daß mein Mann Minister deS königlichen Hause» ist; unter ihm stehl d:S Hoftheatrr. und wenn ich mit Ihnen zufrieden bin-Sie haben einen angenehmen Tenor, wer weiß, waS noch geschieht I" „Zu gütig, gnädige Frau. Wie sollte ich, ein armer kanaanitischer Sklave-" „WaS thut da», mein Freund? Unser Hoftheater rekrutirt - sich jetzt nur auS dein Adel oder auS Kanaan. Aber legen Sie doch die Laute weg und nehmen Sie wieder Platz, hier, neben mir." — „Ach. gnädige Fraul" „WaS ist Ihnen, mein lieber Freund?" „BichtS; mir wird so heitzl" „Aber warum sitzen Sie auch in Ihrem Mantel? Legen ste ihn doch ab." „Unmöglich gnädig« grau, unter keiner Bedlqgung?" „Ader «am» nicht, närrischer junger Mann?"