Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 27 (1.7.1870)
- Date
- 1870-07-01
- Page
- Seite 254 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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I 254 , Saaz< im Juni 1870. (0. K.) öin in unserer Gemeinde kürzlich vorgekommcneS Er« eigniß halte ich für bedeutend genug, um es Ihnen geehrter Herr Redakteur! mitzuthcilcn. Unsere Stadt, die noch vor einem Jahrzrhept leinen Juden in ihrer Milte dulden mochte und an deren religiöser Toleranz gerade das, was sie fönst in so reichlichem Maße besitzt, verloren schien, nämlich Hopsen und Malz — unsere Stadt scheint denn doch mittelalterlichen Borurthcilen den Rücken gekehrt zu haben. DaS bekundete sic am 14. Juni bei Gelegenheit der Grundsteinlegung zu unserer neuen Shnagoge, wobei die Spitzen sämmtlichcr Behörden deö Staates unh der Stadt, soweit sie hier ihren Sitz haben, als Gäste anwesend waren, so der Ctatthaltercirath, Bcrtretcr de» Bezirke» Saaz Postelberg. der Bürgerincister, eine Deputation de» Gymnasial Lehrkörper» u. s. w. Rach Recitatio» einiger Psalmen und nach der vortresslichen Rede unseres verehrte» Hin. Rabbiner» Dr. A. S. Frank, in welcher er betonte, daß in dem zu errichtenden Gotteshause Humanität und Menschenliebe werde gepredigt werden nnd in welcher er ferner die Verdienste der Männer, durch deren Opferwilligkeit der Bau der Synagoge ermöglicht wurde, und namentlich die Verdienste unseres ersten Vorsteher» nnd da» Zustandekommen de» Baues hervorhob, erfolgte die eigentliche Grundsteinlegung und die üblichen Hainmerschläge. Der Bürgermeister Hr. Hatmann begleitete seine Hainmerschläge nnt den weitschallenden Worten : ..Im 'Rainen der consesiioncllen Gleichberechtigung!- Mit einem Segen de» Rabbiners schloß die erhrbendk Frier, bei der so mancher im Stillen den Scgenspruch der Allen gesprochen haben mochte: „Gelobt sei der Herr, der unS diese Zeit hat erleben lassen!-1 — Wochenchronik. *** Gegenüber den bevorstehenden Wahlen in den böhmischen Landtag richtet das nationale Wahl-Kvmite, bestehend aus den Herrn Dr. Franz Palacky, Dr. Fr. Ld. Rieger, Dr. Fr. Brauner, Dr. Ed. Gregr, Dr. Jul. Gregr, Dr. tf. L. jk.audy. Dr. Jos. St. Pracht,I»ky, I. S. SkrcjSowS. ky, Dr. Karl Sladkowsky, Dr. Jak. Star da, Ottokar Zeithanimer, W. Zeleny, an das Volk von Böhmen einen Auf- »ruf, in welchem sie jenem die nationalen Kandidaten empfehlen. Da selbswrrständlich da» Volk von Böhmen auch die Israeliten dieses jtrvnlande» in sich schließt, so ist cS unsere Pflicht, den Aufruf gleich den p litischen TagrSblättern zu veröffentlichc». Er lautet: Unsere ganze Nation erkennt in der Deklaration den wahren Ausdruck ihrer politischen Uebcrzeugung. In derselben ist ausgesprochen, daß einzig und allein die im gcsammten Bersassungö- und BerwaltungSorganismu« ehrlich durchgefühtte Gleichlirrrchklisung bciDcr Rakivlutlttätrn unscrm Vaterlandc Einheit und Frieden gewährleisten, daß einzig nnd allein dessen historisch berechtigte und mit dem Fortschritt der neuen Zeit gepaarte Selbstständigkeit unserer gcsammten politischen Station die wahre Freiheit gewähren kann, die da gewappnet ist gegen jede Vergewaltigung, sie mag kominen von welcher Seite immer, so wie den wahrhaften Wohlstand, der nicht znm Borthcile Anderer erschöpft würde. Die Antollomir der Krone Bohmrud, gecmt mit zeitgemäßem Fortschritt, ist daö Banner, unter welchem kämpfend wir unser erhabenes Ziel erreichen werden. Nur wer entjchlosscn ist, unter diesem Banner zu kämpfen, kann durch die Wahl zu Euerem Vertreter bei den bevorstehenden Landtagswahlen beehrt werden! Nur durch wahrhaft böhmische Ausdauer werden wir alle Hindernisse umstoßen, die unö immer wieder in den Weg gestellt werden; nur durch Eintracht im Kampfe erringen wir den Sieg! Drum stehen wir einträchtig zu einander und weichen wir nicht! In wenigen, aber schwerwiegenden, Gleichheit, Freiheit, Einheit und Frieden athmenden Worten ist in dem Aufrufe das Programm der nationalen Partei klar ausgesprochen. Die Gewährleistung der Einheit nnd des Fried-ms unserem Valerlanüe durch die ehrlich durchgeführte Gleichberechtigung brider Nationalitäten, die Gewährleistung wahrer Freiheit unserer gesammten politischen Nation durch die h.storisch berechngie und mit dein Fouschritt der neuen Zeit gepaarte Selbstständigkeit unserer g sanimten politischen Ration; schließlich die Autonomie der Krone Böhmens geeint mit zeitgemäßem Fortschritt sind wahrlich geeignet, zu bcn Fühler» brr böhmischen Ration Vertrauen zu fasse» und jedtn inner» Zweifel zu paralysiren. V Ernennung. Herr Dr. Alois Zucker Verteidiger in Strafsache», i|t oarch da» k. k. Minist rinm für Kultus und Unterricht zum Doceutcn des österreichischen StaatSrechteS und Strafprocesies an der pragcr Universität ernannt worden. *** Ein Probevortrag. Verflossenen Samstag hielt betreffs Erlangung oer erlevlgten zweiten Cantorftelle im nouen isr. Tempel, daselbst Hr. Waller stein aus Prag einen Probevortrag. Die Stlininmittcl dieses talentvollen und musikalisch gebildeten jungen Mannes haben zwar nicht jenen rie* sigen Umfang, wie er von Manchem, der mehr auf Gesang als Vortrag Gewicht legt, gewünscht wird, doch ist die Stimme sehr sympathisch und da» Recitircn sehr deutlich und verräth Verstäuduiß. Zu dem ist das Vorlesen in der Thora korrekt und fern von aller Schnörkelei und jedem Gurgeltone. Erwägt man nun, daß Hr. Wallerstein noch sehr jung ist und mit den Jahren fein Stimmumfang ein größerer werden kann, so erfüllt er immerhin die Aufgabe als zweiter Eantor. Der in London erscheinende »äevink Okroniele* vom 17. d. M. spricht sich in einem, den holländischen Ehoralverein „Nut zyons doel“ betreffenden Referate über denselben und namentlich über Hrn Wallerstein außerordentlich günstig aus. Das Referat sagt unter Anderem r Der Hauptzweck deS holländischen Vereines ist eine korrekte Kenntniß des Choralgesangcö unter seinen Mitgliedern zu erzielen. Eine Gelegenheit zu bekräftigen, wie sehr sich dieser Gegenstand bewahrheitet, bewies der letzte Sonntagsabend, als sich mehr als 40 Personen von jedem Alter ihre Stimmen vereinten, um unter der Leitung de« sehr talentvollen Eantor und Ehorregenten der Lro»ä-street» Synagoge Herrn Wallerstein mehrere efsekt- und geistvolle Chöre auSzuführen. Der Gesang war in der That bewundcrnSwerth und würde gewiß auch einer Gesellschaft von größeren Präteusionen entsprochen haben. Es ist jedoch zu bedauern, daß der ehrenwerthe Herr Wallerstein unö verläßt, indem er sich als ein sehr fähiger Mann in seinem Fache gezeigt hat und namentlich für jene unserer Synagogen, welche die Schönheit und Erhabenheit der harmonischen Bereinignng der Stimmen einer zahlreichen Versammlung zu schätzen verstehen." Der Nnterstuhnngsverein für mittellose isr. Nniverstlätshörer hielt am 25. Juni feine ordentliche General' verjamnUung ab. — Dieselbe wurde vom BereinSvo»stände mit einem dem verstorbenen Protektor Prof. Dr. Wolfgang Wessely gewidmeten 'Rachruse eröffnet. Hieraus wurde der Jahresbericht verlesen: Der Verein zählt gegenwärtig II stiftende 148 beitragende nnd 120 ordentliche Mitglieder. — Das Vermögen beläuft sich ans 837 fl. Im Laufe dieses 1. VcreinSjahreS wurden 216 fl. theilS als Vorschüsse zur Beftreitung deö Colleginmgelde», theilS al» Beitrag zu den Rigorosentaxen an 7 dürftige isr. Universitätshörer verliehen. 'Rach -er Entgegennahme des Berichtes der RevisionScom-