Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 26 (24.6.1870)
- Date
- 1870-06-24
- Page
- Seite 244 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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244 Die jüdische« Parteien Ungarns! In den jüdischen Gemeinden Ungarnstehen sich die verschiedensten Ansichten gegenüber. Die eine Partei hält starr und fest am alten Judenthum. Sie will nicht die geringste Bestückung de- Ganzen, nicht einmal der äußersten Gränzsteine; sie beabsichtigt eine immer starrere Eonsolidirung der alten verknöcherten Masse und ist jeder, selbst der unbedeutendsten, durch keine Religionssatzung gehinderten Veränderung gram ui d abgeneigt. Sie haßt die Wissenschaft nicht als solche, sondern weil sie von ihr Angriffe auf da- Heiligthum besorgt, sie haßt die Aufklärung nicht als solche, sondern weil sie von ihr Zweifel und Bedenklichkeiten gegen die Lehre und da- Gesetz befürchtet; sie ist gram demjenigen, die studirt haben, nicht alsolche, sondern weil sie in ihnen keinen solchen Eifer für Gott und seine heil. Lehre wahrzunehmen glaubt, weil sie nicht gleichviel Zeit, wie die Schüler in alter Zeit, auf Erlernung des Talmuds und seiner Nachfolger verwendeten, darum ist ihnen schon der Neologe der ein andere-Buch, als denjTalmud zur Hand genommen, verhaßt; darum haben sie an dem Lebenswandel manches Rabbinatskandidaten nicht- Anderes auszusetzen, als daß er durch die vorgeschriebenrn Studien verhindert, sich nicht einen gleich, großen Schatz talmudischer Kenntnisse erworben hat, wie die Rabbinen, die einst blodiesem Studium oblagen. Diesen gegenüber, al» äußerstes Extrem, steht diejenige Ansicht, die ein modernisirtein Frack und Carbonari putzendes Judenthum wünscht. Sie will den Talmud nicht. Die alten bestaubten Folianten beschmutzen das neue Modekleid; sie will die gelehrten Commentare nicht, sie belästigen nur bei der neuen Eomplimentirmethode; sie will den Moses nicht iu seinem Stralenkranze, er machte damit nur zu viel Auf-' sehen, und man will den Juden nicht durchschimmern und durchblicken lasten. Sie will einen Gottesdienst mit protestantischer Predigt und Orgel, und je mehr das alte Gebäude verfällt, desto schadenfroher lacht sie, und je mehr Hände an seiner Ruinirung thätig sind, desto freudiger klatscht sie in 8» ist noch nicht lange her, seit jene Familie ln einem »ngarischen Dörfchen wohnte, — da hieb die jüngere Tochter aber noch nicht „Sidonie," sondern „Rüfkclc." Die Aeltere „Bögclc." und noch nicht „Linda." Dir Mutter hieß noch „Mainmklcben" und noch nicht„rna chdre mama der Vater „Tatelebcn" und noch nicht rnonsieur papal — 3a damals, vor einem Jahre, sprach man noch: Sab' bath Morgens vom „Scholet," vom „Schale Sudes " aber hente! Du lieber Himmel! hören wir ein wenig der fortschreitenden, — aufgeklärten Gesellschaft zu. ES ist eigenthümlich, daß sich bei den Kindern Israels au» jenen Land-Gebiethcn — alles abstreifen läßt, nur die Dialektik, der Sprach-Iargon nicht. und so spricht Linda. Sidonie und die „raa chdre mama, noch einen Dialekt, welche an den Gefilden Galgocz's oder der Preßburger Judcnstadt ermahnt. Die einfache Kleidung, — der natürliche Haarschmuck, — der scheue, unschuldsvolle Blick. — alleist verschwunden, aber trotz Ollendors. Machat. die wuuderlicbe Sprache ist geblieben ll — Gott über di« Welt I Der Ober-Lieutenamt is schon da, der unS gestern begleitet hat, ruft Linda. Schrei nicht so! sagt Sidonie. — „Ich geb Dir e Fräst tnS Ponein" replieirt, nia chdre mama wenn Du so t. Gcschra wegen den Bal Milchome machst! Aber ma chcre mama eS gibt ja nichts Nobleres als mit einem Offizlcr im Eur-Salon zu sitzen I Kaum diese Worte verklungen. — kam der Lieutenant hcrbeigesprungen! I Tschau! ich küß die Hände meine Damen, und indem er der Mutter Händchen ergreift, sagt diese verlegen: „Ich beth Ihne, lasten Sie gehn I — Linda wird roth, Sidonie blaß I Der Offizier hatte dir zarten Händchen geküßt! Welche Seligkeit! „monsieur papa wird auch gleich kommen." versetzt Sidonie und ein Strahl der Freude ist auf dem Gefichtchen bemerkbar, denn schon schreitet Papa dem lisch zu. Neb Leib au» Neutra hat gerade dm Sabdach vor einem Jahre noch Neb Beer Tamt lefillin gelegt, heute die eigenen, sie zu ermuntern und da« Jammergeschrei zu betäuben, dadie Bedächtigeren erheben. Zwischen diesen mitten inue stehen noch zwei andere Parteien, von denen jede mehr oder minder sich zu einer der genannten Ansichten hinneigt. Die Eine davon dringt auf gediegene talmudifche Kenntniß und auf gründliche wissenschaftliche Bildung; sie will einen Geistlichen, der sowol den gegründeten Forderungen der Zeit entspräche, al« auch im vollen Umfange den Pflichten Genüge leisten könne, die sein heiliges Amt chm aufcrlegt, und die Garantie für beide» fuchen sie in Mem religiösen Lebenswandel. Denn, sagen sie» nahm die wissenschaftliche Ausbildung dem Jünger der jüdischen Theologie viel Zeit, so ließ ein religiöser Sinn ihn doch keineswegs die jüdischen Studien ganz und gar vernachlässigen» und sowol am Ende seiner Studienzeit, als im Amte, wird er mit frommen Eifer stets an seiner Ausbildung arbeiten. Aber diese Partei tritt bei den Wahlen meist deßhalb zu der erstgenannten Ansicht über, weil das religiöse Betragen vieler unserer RabbinatS-Kandidaten ihr mit Recht Besorgniß und Mißtrauen eingcflößt hat. Manche vergessen während ihrer Studienzeit ganz den Stand, dem sie später angehören wollten oder sollten, und treten mit frecher und kecker Stirne allem Positiven leichtsinnig entgegen. Diese werden gefürchtet, einer geistlichen AmlSverwaltung dieser Leute sieht man bang entgegen; sie haben dem ganzen Stande wehe gethan, und aus Besorgniß hinter der Larve einer andächtigen Miene stecke doch nur.eine neuerung-süchtige Fratze, treten die Männer dieser Ansicht zu jener alten erstgenannten Partei über. AuS einem andern Grunde neigt sich nun die vierte dieser Ansichten zu den sogenannten Reformjuden. Sie will wissenschaftliche Bildung talmudifche Kenntniß, und ein sittliche) eines Seelsorgerwürdiges Betragen. Allein'sie ist der alte» Partei gram, weil diese der Wissenschaft gram ist; sie ist der alten Partei Feind, weil diese der Aufklärung Feind ist; sie ist der alten Partei abgeneigt, weil diese jeder, auch der unschuldigsten Beränderung abgeneigt ist. Deßwegen tritt sie den Männern bei, von denen sic keinen Rückfall zu fürchten, keinen Rück- und Übertritt zu besorgen hat, und stimmt als fortschreitender Residenz Bewohner, raucht er „le Chowct-Schades" keine „Kurzen" sondern „Cuba", hat keine Brillen sondert» Zwicker, und kein „Sider" in der Hand, sondern Tschokke, den er wol nicht versteht, aber cs gehört zu n bontoll, irgend ein Buch, das Werk eines berühmten Schriftstellers, im Cursalone mitzunehmen! — Guten Morgen, Herr Lieutenant, sagt mit möglichster Roblcffc der FortschcittS-Jnde, eS freut mich Sie zu sehen! und nun beginnt die Convcrsatio» über Theater, Belocipede, über Fleischkngcl und Sport. — über Land Aufenthalt und wie es in Palestina war. — über Schiller und Kuranda. — und zum Schluße lenkt Maina, um doch auch zu sprechen den Diseurs, darauf: wie thcucr jetzt die Gänse in Wien find I Auch Linda und Sidonie schnattern mit Eleganz davon und Herr Lieutenant versichert, daß auch ihm rin „Gänschen" daS Allerliebste sei I —Ol du unvergeßlicher Schiller: wie schön sagtest du die Worte : Weh' denen die den Ewigblindcn — des Lichtes Himmelsfackel leih n, — sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden — und äschert Städt' und Länder ei» — — Der Fcuilletonist liebt Fortschritt, Aufklätung. ebenso er jene mitleidig belächelt, die damit sich als fortgeschritten zu glaube» wähnen, wenn dieselben, alles — — bei Seite setzend, in äffischer Weise nachahmcn, was andere au» Ueberzeugung machen. — Wie schön »rag cs gewesen sein, als der Dumme noch glaubte, daß er dumm ist, der Ungebildete noch wußte, daß ihin die Bildung fehlt, — daS schöne Töchterchen Israels aber, noch nicht wußte: daß sie schön sei, und Reb Leib auS Neutra noch nicht „Monsieur Papa" gewesen war. Ja! die Residenz — mit ihren Bolkssängern. deren Minne-' lieb, dir ordinärste Zote, welche von Kindern beklasscht wird, — mit ihren Kirchen und Tempeln um dle Pracht der Kleider za zeigen, mit ihren Cursalont und ihren Neklam-Helden. welche Wohlthaten üben, zumeist nur deßhalb, um mit dem Rahmen l»