Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 26 (24.6.1870)
- Date
- 1870-06-24
- Page
- Seite 245 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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245 Wider ihren Willen ja oft gegen ihre Überzeugung für eiu Extrem, um nur dem Andern nicht in die Arme zu fallm. Diese vier Ansichten bilden das corpus delicti der Gemeinden Ungarn-, und jede weiß sich geltend zu machen, hat sich geltend gemacht, und sucht dir Umstände zu benützen, um ihre Autorität darzuthun. — vr. A. Räber, Rabbiner und Prediger. Briefe aus Ungarn. > i. Die tausendzüngigen Boten unserer Zeit, die ob de- Druckes fchwarzthränendrr Geiste-«Sendlmge haben Euch, da draußen im Reiche, gewiß auch schon Nachricht von unserem Leben und Sweben, von unserem Wühlen und Ringen gebracht. — Bei untobt ein erbitterter Kampf! Mann an Mann hat sich gereiht hieben und drüben, jeder fühlt sich hingezogen zu den„Glauben-Wächtern" oder zn den LandeS» Neologen; jeder will Hand legen an das GotteSwerk: — Hier zum Ausbau des CongreßgebäudeS. dort zum Niederreißen desselben. — Wohl ist'S betrübend, zu sehen, wie sie sich wild in den Haaren liegen, die sich doch brüderlich und liebreich umfassen sollten — aber sie leben und weben alle, die Spule de- Geisteläuft geschäftig auf und ab am Webstuhle des JudenthumeS; eS herrscht der leidige JndifferentiSmuS nicht, der Euere Bestrebungen vergällt, cS ist eben nicht faul, wie bei Euch, im Staate Dänemark! — — Und doch habet ihr wieder gut reden, ihr nicht ungarischen Juden! Habet ihr je auch Gelegenheit gehabt, einige so traurige und doch so dunkle Ritter des Lichtes und des Verneinung- Geistes kennen zn lernen, wie unsere LandcSnevlogen? — Ist Euch je ein so odioseö Exemplar vonUltra- GlaubrnSwächtcr zu Gesichte gekommen, wie sie nach Hunderten in den einzelnen Gemeinden meines grippengesegneten Vaterlandes sich finden? — Waö wisset ihr von jüdischen Kämpfen und jüdischem Ringen? — Was wisset ihr von zelotischer Wut und hingebendcr Glauben-treue? — Kom mrt zu unS, da könnet ihr sie erkennen, die lichten Kämpen der Dunkelheit und die Finsterlinge de- Lichte-, die Gebildeten mit ihrer Aftcraufklärung, die Frommen mit ihrem wildem GlaubcnSdrange. — Kommet zu unS, da sollet ihr sehen, was daheißt, kämpfen und ringen für Judenthum und Licht, die Schreckbilder alle, die dem Kampfe entstanden und die mitternächtigen Schatten, die sie heraufbeschworen. Daß zwischen diesen beiden extremen Parteien noch eine dritte bequem Platz hat und diesen „Platz" ganz würdig auöfüllt, ist selbstverständlich. ES ist diedie Partei, der „Presse" oder „Morgcnpost" zu prangen, und Orden zu empfangen. Eo weiß der Feuillctonist ein recht artige- Gcschichtchen, welche» sich in den letzten Tagen zutrug und Beweis dafür gibt, . wie sehr auch die jüdische Aristokratie in Wien an den sogenannten; „Fortschritt" kränkelt. Ein Mann von außergewöhnlicher Bildung kam nach Wien, seine Hoffnungen zerschlugen sich daselbst, er war der bittersten Lage prciSgegebcn! Da rieth man ihm, er möge sichals Glaubensbruder an einen der ersten jüdischen Aristokraten wenden. Pochenden Herzen- — ungewohnt solchezu thnn, — schritt der Verzweifelte der Ringstraffe entlang, endlich stand er im prachtvollen PalaiS de- Dörfen-Kölig- und ein Herr herrschte ihm an: »att kr! Rach einer Viertelstunde stand der Arme vor dem Reichen! welch' Letzterer die Worte der Schrift: „Kol Isroel achaiim" in Folge rother Knopflöcher wahrscheinlich vergrffen hat. Mit zittemder Stimme trug er seine Bitte vor und im Ru schnellte der Sohn Israels. Ritter mehrerer hohen Orden rc. rc. empor, und ries: Schämen sie sich nicht, rin solcher Mann „bettelnzu gehen k — „Ich gehe die man vulgo Mittelpartei nennt; ich möchte sie die „in» telligente Orthodoxie" nennen. E» ist das diejenige, die innig sich anschließt an die Grundgesetze unserer Religion, feien sie nun in der Thora, im Schaß oder im Schulchan- Aruch codifizirt; die aber auch anderseits tief und mächtig durchdrungen ist vom hochtönenden Mahnrufe der Zeit, von allen Bestrebungen und herrschenden Ideen de- Jahrhunderte- und solchermaßen cam besten versteht, jüdische Glau» ben-treue mit wahrhafter Intelligenz zu paaren! Ihr sollet alle Parteien mit ihren kleinsten Nüancrn kennen lernen. Ich will sie Euch Vorjahren in ihrem Verhältnisse zum Kampfe, der Euch so sehr interessirt; ich will sie Euch vorführen in ihrem Wirken in Gemeinde, Schule und Synagoge; ich will sie Euch Vorjahren oft, recht oft, daß Ihr erkennet, wie groß die Begriffsverwirrung unter un» und dann die Hand an- Herz leget, zu entscheiden, wo Recht und Gerechtigkeit, wo Licht und Finstrrniß, wo jüdisches Fühlen und unjüdische- Eoquettiren! — Dasoll sein die Ausgabe meiner „Briefe au- Ungarn," die ich Euch hiemit empfohlen haben will. Lcdmickt. Tradition und Talmud. (Schluß.) Wenn daher die vom Talmud angewendeten Interpretationen und Herleitungen au- Stellen der h. S. noch so sehr mit den Regeln der Hermeneutik, mit der gesunden Kritik und mit dem klaren Wortsinne der Schrift zu disharmoniren und im Wiederspruche zu stehen scheinen, welches jedoch bei gründlicher Prüfung keineswegs der Fall sein wird, so bleibt doch die Autorität der darin enthaltenen Tradition in nngeschwächter Kraft und Wirksamkeit, da ja die Mischna, bis auf einige wenige Ausnahmen, gar keine Gründe angibt, und die später versuchter Ableitungen des Talmuds rein spekulativ sind, was auf die Ueberlieferung gar keinen Einfluß ausüben kann. Eben so wenig bedarf eS eines evidenten Beweises von der wirklichen Annahme der Traditionen, da ja außer der schon 1800jährigen Observanz der Gemeinden die Mischna selbst nur auf eine schon längst angenommene und im Leben dastehende ttaditionelle Ausübung der Gebote basirt und gegründet ist ES ist nun in der Thal möglich, die Schrift nach hermeneutischen Regeln anders zu erklären, und Systeme allerlei Art danach aufzustellen: und dieseist ein Recht, welche» von jeher in der Synagoge bestanden hat. Die frömmsten und frühesten Eommcntatoren bcdieutcu sich dieser Freiheit, und die Talmudistcn selbst stellten vielerlei, bisher noch nicht nicht betteln, bin fremd hier, und wollte ausnahmsweise — auf Anrathcn, — Ihre Güte in Anspruch nehmen," replicirte der Unglückliche, während der Börsrnkönig durch alle Comptoirs dem Eaffiere zurief, daß eS weithin wiederballte: „Grben Sie dem Manne 2 st." — „AdieuI" Wirklich großartig! Beschämt gieng der Unglückliche fort andem Pallastr des Reichen, suchte den armen Fcuilletonistcn auf und — erhielt momentane Hülfe l- Und nun geehrter Leser und schöne Leserin müßen Sie für heute dem FeuiUetonisten verzeihen, wenn er „schwarze Gedanken auf weißem Papiere, schrieb^ eine Schwalb^ macht keinen Sounner, trotz Linda und Sidonie. und trotz des' Königs von der Ringstraffe, leben tausende edle, gute Menschen noch l Ich aber will stets die Geißel der Satyrr über jene Häupter schwingen, welche vergeffen, daß — sie Juden find, im Rausche de- Residknzleben sich höher denken, als selbe in Wirklichkeit find. Und so wird der „Wiener Spaziergänger" Ihnen nächstens wieder fteundliche Geschichtchen erzählen, plaudern von Vien, wie es weint und wie es lacht! 26*