Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 25 (17.6.1870)
- Date
- 1870-06-17
- Page
- Seite 239 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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239 l noch mit bitterer Wehmut das Andenken unserer Väter segnen, die für Gott und Religion so tapfer gelitten und gerungen, um unS das alte Vermächtnis rein und unverletzt zu erhalten. Die Zeitkn sind dieselben geblieben, aber die Menschen sind andere. Unter denjenigen Städten Böhmens, die mit Privilegien versehen waren, keinen Juden auch nur über Nacht beherbergen zu müssen, war wohl das erzkatholische Eger eine der ausgezeichnetsten; denn diese Stadt hat das große Verdienst, ihre jüdische Jnsaffen vor mehreren hundert Jahren — nicht etwa vertrieben, beraubt k. x.— sondern bei Stumpf und Stiel von klein bis groß, Säugling wie Greis in Einer Stunde ermordet zu habeti. Einem solchen Verdienste gegenüber war es kein Wunder, daß dann kein Jude hier auch nur durchpassieren durfte, ohne vorher gleich einem Viehe seinen Leib verzollt zn haben. Erst in neuester Zeit kamen wieder unter dem Schutze der allen Menschenkindern Freiheit verkündenden Gesetze einzelne Judenfamilien hieher, bis endlich ein Verein zu Stande gebracht ward, dessen Zweck eS ist, die kultuellen Angelegenheiten der Israeliten gemeinschaftlich zu besorgen. Ein Lokal zum gemeinschaftlichen Gottesdienst wurde aguirirt, ein Schächter ausgenommen, der zugleich den nothdürftigsten Religionsunterricht ertheilte. Nach und nach wuchs jedoch die Zahl der Familien zu einer beträchtlichen an, man versuchte eine andere Stätte für den Gottesdienst zu gewinnen, da das ftühere Lokal zu enge geworden. Ein Bauplatz ward angekauft und ein großartiger Bau in Aussicht genommen; denn man glaubte auf die Mitwirkung von außen zählen zu können, doch wie groß war die Täuschung, so groß, daß dadurch das ganze Projekt in die weite, weite Ferne hinaus gerückt war. Ein glücklicher Zufall brachte jedoch eine Wendung zum Guten hervor. Vor einem Jahre kam das Gasthaus zur „böhmischen Krone" zur Veräußerung und dieses taufte di: Gemeinde um den Kaufpreis von nahe an 19 tausend Gulden. Ein großer, sehr geräumiger Saal, in dessen Frontseite sechs hohe und weite Fenster hinlänglich Licht eindringen lassen, wurde in ein Gotteshaus umgewandelt, welches am Vorabende des letzten Rosch haschana bereits eingeweiht wurde. Hart neben diesem ist ein helles geräumiges Zimmer für den Religionsunterricht der Jugend eingerichtet. Alles das ist jedoch so situirt, daß man eS bequemer und schöner nicht wünschen würde. Um den Gottesdienst so weihevoll als möglich cinzurichten, wurde in letzter Zeit auch eine Orgel angetanst, mittelst welcher bereits am letzten Wochenfeste beim Gottesdienste gewirkt wurde und allsabbatlich kann man am nahen Egcrnfer eine große Menge Zuhörer sehen, welche den Tönen des Chores und der Orgel beim jüdischen Gottesdienst lauschen. Man merkt es wohl auf den ersten Blick, daß Eger noch heute eine äußerst fromme Stadt ist; doch dürfte der Fanatismus sich kaum wieder bis zu jener thierischen Wildheit versteigcn, von welcher noch manches Stück Straßenpflastcr heutigen Tage« Zeugnis gibt, das die Grabsteine des vormaligen Gottesackers deutlich erkennen lässt. Auch die Mauern des einstigen jüdischen Gotteshauses sind noch vorhanden. Wenn wir all diese Momente ins Auge fassen, fühlen wir uns auszurufen bemüßigt: o'np natpo iro. Wochenchronilr. V Geschenk. AuS Anlaß des Ablebens des Herrn Dr. Aron Rosenbacher so meldet die „Politik," wurden dem Prager Bürgermeister von den Erben 300 fl. zur Bertheilung unter das Bartholomäi-ArmenhauS, die Siechenanstalt. das Kaiser-Franz »Josefs - Spital, den Krippenverein, den Frauenerwerbverein und unter verdiente Arme christlicher Konfession übergeben. Die Bertheilung wurde sofort bewerkstelligt und den Spendern der Dank ausgesprochen. V Rtzetorikj in Lonsiikt «it der dentschen Sprache. Die letzte Sitzung in der Repräsentant wurde in Abwesenheit ihre« Vorsitzenden von einer juridischen Person advokatlichen Calibers mit einem dem verstorbenen Herrn Mo» seS v. Portheim geltenden Nachrufe eröffnet, in welchem dessen Verdienste um daS Gemeindewohl und die Politik (Wir wissen schon sehr lange, daß in der isr. CultuS-Re» präsentan; mehr die Politik als die Gcmeindeinteressen im Auge behalten werden. D. Red.) gedacht wurden, unter Anderem aber auch vom Redner auf das hohe Alter des Verstorbenen in folgenden Worten hingewiesen wurde: „Die geistigen und physischen Kräfte haben ihn an sein Ende gebracht." V Wahlresultat. Bei der Sonntag flattgefundenm Wahl in den Vorstand der isr. BeerdigungSbrüderschaft wurde der frühere Vorstand wieder gewählt. V Lalmudthora-Kommission. In die Talmudthora- Kommission wurde an die Stelle des verstorbenen Herr» Prof. Wessely Herr Jakob Rosenbacher gewählt. *** Wissenschafticher Vortrag. Vergangenen Sonntag eröffnete Herr Prof. Dr. Kämpf aus Veranlassung des Vereines „Afike Jchuda" einen wissenschaftlichen Vortrag „über daö Manna," der für die reifere Jugend berechnet war. V Journalistisches. Das Berliner „jüdische VolkSdlatt", von Nathan Schlesinger redigirt, hat vor Kurzem zu erscheinen aufgehört. Es erreichte, trotz seiner Gediegenheit kaum das Alter von fünf Monaten. Inland. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Wim. hat Herrn Dr. Adolph Jellinck, der am eben vergangenenPfingst-. feste sein 2öjührigcS Prcdigcrjnbilänm feierte, einen Chronometer mit golvener Kette verehrt. Eine Anzahl Freunde haben ihm aus gleichem Anlasse einen silbernen Pokal, auf dessen Deckel die MoseSgestalt mit den Tafeln plastisch sich darstellt, übersendet. — Der Bau des Rothschild'schen Hospitals, für welchen der wohlthätige Grünocr ursprünglich 200.000 fl. spendete, die er später auf 300.000 fl. erhöhte, dürfte noch weitere 200.000 fl. also zusammen eine Halde Million in Anspruch nehmen, wenn er in der projektirteu Weise — was wir übrigens gar nicht bezweifeln wollen — ausgeführt werden soll. Ezernowid, 7. Juni. lEin Seandat in der Synagoge). Der traurige Zustand, so wird dem „Osten" geschrieben, des hiesigen israelitischen Gottesdienstes, der schon so oft öffentlich presiflirt wurde, ist nun wieder um einen Art der Bru talität hereichert worden, welcher gcbrandmarlt zu werden verdient. Nach jüdischem Gebrauche soll an der hiesigen städtischen Haupt-Synagoge (Tempel) ein von der Gemeinde gewählter Obmann (Schulvater genannt) installirt sein, der über die Einnahmen und Ausgaben der Synagoge über die betreffenden Mitglieder derselben bezüglich des Betens die Verwaltung zu führen hat. Dieses Amt erfordert einen ehrlichen Mann mit gesundem Menschenverstandc.undEharakterfcstigkcit.Zmn Unglücke aber steht gegenwärtig an de/Spitze der Leitung dieses Amte» ein Jude, Namenö K. L. W., der nichts mehr als seinen Handel mit alten Kleidern versteht und dem eS nicht einmal möglich ist, sich mit deutschen Lettern zu unterschreiben. Abgesehen davon ist dieser Herr „Schulvater" so burlesker und schadenfroher Natur, daß er in Folge dessen mit der Bezeichnung „Korach" (d. h. schadenfroh) versehen wurde und in der ganzen Stadt verhaßt ist. Samstag den 4. d. sollte sich in der Haupt-Synagoge der berühmte Cantor Barech Scharr au- Lemberg als Gast während des Beten« gegen Entree productren. Der Schulvater aber, der gegen Herrn Scharr schon seit lavgev Zeit aus privaten Gründen aufgebracht ist, beschloß mit noch mehreren ähnlich gesinnten Juden, wie z. B. Aron Lei^ L. und Jacob W.. ihn am Bordeten r» hindern. Als nun Samstag um neun Uhr früh sich i» dev