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Die Gegenwart · 1870-06-10 · 24 (10.6.1870) · p. Seite 230

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
24 (10.6.1870)
Date
1870-06-10
Page
Seite 230 (sequence 4)
Language
German
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230 seinem Rufe, ein mährischeisraelitische» Waisenhaus zu gründen, mit wahrer Blitzesschnelle^ Da« zeugt hinreichend von der allgemeinen Beliebtheit, der er sich erfreut und die er auch ob seine- Strebenverdient, mit dem er für das moralische und religiöse Gedeihen der Gemeinde sorgt. Und blickt man auf andere alten und großen Gemeinden, was leisten ihre Rabbiner oder Prediger? Nichts.! Mit phrasenreichen Predigten glauben die im Aller vorgeschrittenen Seelenhirten sich ihrer Pflicht entledigt zu haben, ohne Etwazum Nutzen und Frommen der Gemeinde zu wirken. Dr. Placzek veranstaltete zur Realisirung einer so erhabenen Idee, wie sie eben in der Gründung eine- Waisenhauses liegt, vor einigen Tagen eine Zusammenkunft einer großen Anzahl hiesiger Gemeindemitglieder, in welcher er in einer wahrhaft belebenden und begeisternden Rede, auf den edlen Zweck hinwirs und auf die zahlreich Versammelten einen ungewöhnlichen Eindruck machte. Der Antrag des Rabbiners, ein isr. Lande-waisenhauzu errichten, wurde zum Beschluß erhoben und ein Comite mit der Ausarbeitung de- Planes betraut. Die eigentlichen Gründer haben dahübsche Sümmchen von 30.000 fl. gezeichnet, damit der Zeit eine unsere Gemeinde ehrende Höhe erreichen dürfte. — m — L. St. Au» Ober-Ungarn 7. Juni (0.-C.) Je mehr der Geist der Zeit vorwärts schreitet, je größer werden die Kämpfe auf religiösem Gebiete, — Heute ist es insbesondere da- Königreich Ungarn, in welchem die Judenschafl sich zu solchen Kämpfen auf diesem Gebiete erhebt, denn wir hatten Gelegenheit auf unseren Reisen von Wien nach Preßburg. Bösing. Tyrnau-Neutra die Wahrnehmung zu machen, daß die Gemüther der israel. Bevölkerung allerorts aufgeregt find. — Der Gegenstand, um welchen e« sich handelt, ist vornehmlich, daß der größte Theil der ungarischen Judenschaft die bisherige Autonomie der Gemeinden beeinträchtigt zu sehen, ja Eingriffen in die Glaubens- und Gewissensfreiheit unterworfen zu werden, glaubt. Da? Judenthum,durch deffen einheitliche- Zusammenhalten stet» anerkannt, — soll — nur in diesem Königreiche gespalten, und zum Partei Systeme herangezogen werden: denn cbildete sich ein Verein, welcher den Namen: Schoimcre ha-dasch führt, Aufrufe an alle Gemeinden Ungarn« ergehen läßt, — und den Ortlwdoxismus dadurch zur Geltung zu bringen glaubt: wenn ein Centralisations- System fämmtlicher orthodoxen (!'.) jüdischen Gemeinden Ungarneingefithrt wird. — Trotz Jahrtausende währende Verfolgungen, — hat das Judenthum den einen Vorzug — bewahrt: daß man, selbst als verfolgende Macht, nicht in den rituellen und k u l t n e l l e n Gestaltungen ber einzelnen Gemeinden eiugriff, dieser Central-Verein jedoch, würde die Autonomie der Gemeinden untergraben, ewürde eine jüdische Hiearchie in Ungarn gebildet, — ein Consistorium gleichsam, mit seinem Sitze in Pest, welches sogar in Personal Angelegenheiten der Gemeinden eingreifen dürfte. — Dabei wäre aber dies« Eentral-Äewalt — von sogenannten „Orthodoxen" (nicht zu verwechseln mit „Frommen") geleitet; ewürde Ultramvntani-mudie Oberhand gewinnen, — kurz, ein System im Lande geschaffen werden, welchesich mit dem Geiste de- Judenthume« nie und nimmer verträgt, die einigende Baude zerreißt und nur zur Lethargie in Glaubenssachm, — zum Vers all e in kommunalen Angelegenheiten führen wüzde- — Gegen diese-Eentralisations-System, gegen dieftrOber« Hoheit in com. und relig. Dingm, erhob sich dieser Tage »«oft k* Rabbioat zu Frei stabil a/d Waag, welcheim Berotne mit bedeutenden jüdischen Religion- Gelehrten folhmdev Brschlntz in öffentlich» Sitzung deponirte. „Die Gemeinde Fvetftadtl a/d Waag gehört wol zu tenrn Gemeinden, die sowvl in rit. al« cult. Beziehung am Standpunkte ihrer Alt-Bordern stehe; — die, — mit Herz und Gewiffen an die durch Jahrtausende geheiligten Gebote de« Schulchan aruch, wie überhaupt allen ehrwürdigen Geboten der Vorfahren festhalte'; glaubt jedoch, eine Betheiligung im Sinne de« Cent.-Vereines ablehuen zu müße»; zumal dieser Verein nur eine Spaltung der orthodoxen und der rel. fortschreitenden Partei zum Resultate haben könne, ein solche- Schisma jedoch gefahrbringend für das Judenthum wäre. — Daher die Gemeinde zuFreistadtl sich gegen die Zumuthung, diesem Vereine beizutreten, verwahren müsse." In diesem Sinne beiläufig lautet der Beschluß, dieser immerhin sehr frommen und gut geleiteten Gemeinde. Wir, — von unserem Standpunkte, können diesen Beschluß nur vollkommen gut heißen, denn wenn in politischer Beziehung, im staatlichen Leben, Alles gethan wird, „Gemeinde Autonomie" zu wahren; — so sehen wir keinen Grund dafür: wie eine, — wir möchten sagen, klerikale Partei — sich die Oberhoheit in einem so großem Lande in religiösen und kommunalen Dingen anmaßen will; in Angelegenheiten, — welche Jahrtausende dem Selbstbestimmungsrechte einzelner Gemeinden unterworfen waren. — Wir von unserem Standpunkte werden und können nie dafür stimmen, daß auch die Judenschaft Ungarneinen Staat im Staate, — eine bevormundende Priesterherrschaft, — ja eilt Rom — in Pest haben solle. Bre-lau, 2. Juni 1870 (0.-6.) Da- Comite des jüd. theologischen Vereins hat die Mitglieder desselben mittelst CirkulärS zu einer Versammlung einberufen, die vom 12.—14. Juli in Breslau stattfinden wird. In dieser Versammlung werden Vorträge über Gegenstände aus dem Gebiete der jüd. Geschichte, Bibelexcgese und anderer theologischen Disziplinen öffentlich gehalten, insofern der Vortragende nicht ausdrücklich den Ausschluß der Oeffentlichkeit wünscht. Auch finden Besprechungen über talmudisch-halachische Materien statt, an welche sich dann, wie bei den Vorträgen überhaupt, DiScusiionen knüpfen, woran sich auch Nichtmitglieder betheiligen können. Ferner werden Fragen, welche die Schule, die Handhabung öffentlicher Wohlthätigkeit, den Eultus und die foüale Stellung der Juden betreffen, in geheimer Sitzung erörtert. Die Verhandlungen bleiben jedoch nicht geheim, wie eirrthümlich im Pafchcles'schen Kalender heißt, eS werden vielmehr die SitzungSprotocolle nicht bloS in Grätz'S „Monatschrift" und in der „israelitischen Wochenschrift," sondern auch in den hier erscheinenden politischen Journalen veröffentlicht. Auch Sie, geehrter Herr Redakteur, sollen, fall« Sie eS wünschen, direkte Mittheilungen über die Verhandlungen von Ihrem Correspondenten empfangen. — Der Verein zählt circa 40 Mitglieder, Amneldungen vieler neuer Mitglieder stehen bevor. DaS Wirken de- Vereins ist obgleich ein bescheidene-, dennoch kein unersprießliches. Die jüdische Wissenschaft wird seinen Bestrebungen Dank wissen, denn schon jetzt sind Vorarbeiten für eine Encyclopädie deS Talmud in Angriff genommen, ein Unternehmen, welchenur durch Betheilignng vieler Kräfte zu einem gedeihlichen Resultate geführt werden kann. Im klebrigen wirs die Zukunft lehren, wie der Verein gestrebt und was er erstrebt hat. —p — W-cheuchronik. V Ernenn»«-. Herr Dr. Jakob Jischel wurde mit a. h. Entschließung vom 28. Mai d. I. zum Direktor der Prager Lande-irrenanstalt eruauat. V Dir Verwalt»«- der -»/Mdter-Kieindindrrdrwatzr- MnßaanßaU hat die dmcch da» Ablrbeo de- Herr» äBhtfc* Edlen von Portheim in Erledigung gekommene Dtrekzion.

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