Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 24 (10.6.1870)
- Date
- 1870-06-10
- Page
- Seite 229 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4890378-5433916-5434042--717-4891021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I- 229 »Der Widerspruch (nähmlich zwischen dem natürlichen »Recht der Ellern und dem höherem Recht' der Kirche) regt »sich erst gegen die weiiere Bestimmung, daß diejenigen »Judenlinder, die nun einmal,^ sei eS auf erlaubte Weise, »nähmlich in der Todesgefahr, wie diebeim Judenknabrn »Mortara der Fall war, sei r« auch auf unerlaubte »Weise, d. h. außer einer Todesgefahr, gegen den Willen »ihrer Eltern getauft werden, gegen die Gefahr der Apostasie »möglichst stchergesteüt und daher der Leitung ihrer Eltern »entzogen werden sollen. »Eine solche Bestimmung, sagt man, ist hart, unmrnsch- »lich; sie ist auch dem Naturrrchte zuwider. Denn nach dem »Naturrechte gehören die unmündigen Kinder den Eltern, und »Niemand kann sie ihnen unter irgend einer Bedingung und »um irgend eine- Zweckewillen entreißen, ohne ihre hei- »ligften Rechte schwer zu verletzen. Ich erwidere, daß diese »Epitheta hart, unmenschlich naturrechlwidrig, für diese kirchliche Bestimmung auf einem gewissen Standpunkte der » Betrachtung allerdings berechtigt sind, daß sie aber auf »einem höheren Standpunkte unberechtigt sind. Stelle ich »mich nähmlich auf den bloß natürlichen Standpunkt und betrachte »'ich den Menschen als bloße-Naturwesen als bloßes Glied der »irdischen menschlichen Gesellschaft, innerhalb deren Grenzen seine »ganze Bestimmung eingeschloffcn sei, so muß ich die Einwen- »düng gelten lassen; obgleich ich auch hier ein ganz unbedingte- »Recht der Eltern auf ihre Kinder nicht zugeben kann. Der Herr Bischof meint nähmlich: Ein unbedingte- Recht der Eltern auf ihre Kinder, hieße denselben, wie diedie alten heidnischen Römer gethan, gestatten, mit ihren Kindern ganz nach Belieben zu schalten und zu walten, sie al- Maare zu verkaufen, sie auszusetzen und zu tödten, ohne daß sie irgend Jemanden dafür Rechenschaft verschulden. In der Tchat eS ist noch eizz^Glück, daß der Kirche ein so unbedingtes Recht nicht zu Gebote steht, ich glaube die Kinder liefen in diesem Falle — noch größere Gefahr! Doch zitiren wir noch eine Stelle über diesen Gegenstand. ES heißt weiter unten: »Und diese moderne, entchristliche Weltanschauung allein,— »die nämlich da« erwähnte höhere Recht der Kirche nicht »anerkennen will — ist Schuld an all' dem skandalösen »Unfuge, den man in den ZeitungenallcrwärtS und solange »Zeit mit der Mortara-Angelegrnheit getrieben hat. Der »heilige Stuhl, ans dessen Herabwürdigung eS dabei haupt- »sücklich abgesehen war, hat sich aber durch all' diese Zei- »tungSlügen (welche Lügen, hat der Herr Bischof nicht gesagt) »in seiner christlichen RechtSanschauung nicht irre machen »lassen. TaS natürliche Recht der Eltern, sagt er, kommt »hier mit dem höheren Rechte degetauften Kindein Eon- »flikte und bei einem solchen Conflikte muß offenbar das niedere »Recht dem höheren weichen. DaS Recht, was das .Kind durch »seine Wiedergeburt auf den Himmel, und zunächst auf eine christ- »liche Erziehung erlangt, ist aber offenbar höher, als das natürliche »Recht, das den Eltern zusteht. Und da das unmündige Kind dies »sein höhere- Recht selbst noch nicht wahren kann, wer an- »derS sollte eS wahren und die Sorge für seine christliche »Erziehung übernehmen, als die Kirche, in deren Schooß es »ringetreten, die seine geistliche Mutter geworden, und wel» »che die geborene Beschützerin aller religiösen Rechte ist?* Also der Herr Bischof gesteht ein, daß die Kirche auch unerlaubte Taufen gegen den Willen der Eltern an den Kindern verübt, — anerkennt und beschützt; und er findet daS selbstverständlich, denn die Kirche ist ja — unfehlbar. Der terr Bischof muß zugeben, daß Kiudrrdiebstähle, von der irche auSgeführt, vom natürlichen Standpunkte betrachtet, hart, unmenschlich und naturrechlwidrig ist, doch die Kirche handelt nicht vom natürlichen Standpunkte — leider nicht — sondern vom höheren, christlichen Standpunkt, und audiesrn höheren Gründen muß der Herr Bischof selbst da» Harte, Unmenschliche, Naturrechtwidrige vertheidigen. ES ist wirklich schrecklich, daß irgend Jemand solche Dinge in die Wett schickt and — sich dessen nicht schämt. Freilich aber, der Herr Bischof beweist eS, daß seine Grundsätze mit der Lehre der katholischen Kirche in Einklang stehen. Doch gehen wir weiter! Sie glauben mich bedauern zu dürfen, geehrte Frau, weil ich, wie Sie meinen, mich als abtrünniges Glied der Kirche, und wie Cie zu sagen belieben, — ohne Religion — sehr unglücklich fühlen müßte. Ohne Religion! Sie verwechseln hier, wie die» von Seiten der Gläubigen zu geschehen pflegt, Religion und Glauben, während diese beiden Dinge meine-Erachtens, durchaus nicht gleichbedeutend sind. Religion besteht nach meiner Ansicht nicht in äußeren Formeln und Dogmen, sie ist nicht rin Etwas, was zu besonderen Zeiten und an besonderen Orttn zu uv» herantritt und was uns Andere überwachen können: echte, wahre Religion muß all' unser Thun und Lassen bestimmen; sie muß unser ganze- Innere durchdringen und läutern; sie muß uns stark machen zum Kampfe gegen die Stürme und Leidenschaften de« Leben»; sie muß uns, mit kurzen Worten, zu edlen, uneigennützigen Menschen machen, auf daß wir nicht darauf bedacht sind, unserem eigenen Ich zu leben, sondern daß wir auch nach Maßgabe unserer Kraft freudig und gerne für das Wohl unserer Mitmenschen thätig sind. So, geehrte Frau, fasse ich den Begriff Religion, und ich denke, eine solche Religion kann der Mensch besitzen — sei er auch selbst ein abtrünniges Glied der Kirche. Glauben Sie wirklich, mich bedauern zu müffen, so kann ich das nicht ändern, ich kann Sie nur versichern, daß diese- Bedauern — nicht an seiner Stelle ist. Ich weiß recht wohl, daß die Herren Geistlichen, denen wir Abtrünnige r» nun einmal nicht gestatten wollen, daß sie uns durch die Segnungen der Kirche glücklich machen, sich sehr darin gefallen, ihren Anhängern die Ueberzeugung beizubringrn, wir fühlten uns ohne dieselbe, und namentlich auch ohne — ihre höhere Bermittlung, — unglücklich, i Woher eigentlich diese Herren, welche doch gläubig sein müssen, diese Erfahrung haben wollen, weiß ich nicht, wohl aber weiß ich: Glücklich ist nur, wer hienieden Stetdaö Rechte will und thut. Glück schafft nur der Seelenfrieden, Tugend ist das höchste Gut. Nicht der Glaube, nicht da- Wissen Führet zur Zufriedenheit, Wenn uns nicht rin rein Gewissen Leitet durch der Erde Streit. Brünn, 7. Juni (0.-6.) Lange war ich nicht in der Lage, Ihnen über die hiesigen Zustände berichten zu können, weil Alle« seinen normalen Gang genommen und sich nicht« ereignet hat, waauf die Harmonie in unserer Gemeinde einen schlechten Einfluß genommen hätte. Die hiesigen Israeliten, ließen sich durch eine längere Zeit von den Mitgliedern des sogenannten deutschen Fortschritt-Vereins in politischer Beziehung mt-brauchen, bis sie zum Sündenbock geworden, heute sind sie bereitzur Einsicht gekommen und haben sich von der Partei losgesagt, weil sie wohl wissen, daß sie nur zum willenlosen Werkzeuge herabgesunken sind. DaS RischuS steht hier in schönster Blüthe und habe ich eS neulich, im Augarten, bekanntlich dem einzigen freien BrrgnügungSorte Brünn-, wahrgenommen, in dem eine der einflußreichsten und maßgebendsten Persönlichkeiten, nebenbei gesagt eine Koryphäe de« DeutschthumS, sich über die zahlreiche Frequenz der Juden, die am Sonntage den Garten besuchen, in einer Weise äußerte, daß man einen ganz eigenthümlichen Begriff von der Intelligenz bekommen könnte. So stehen die Dinge im Berkchre nach Außen hin, im Innern unserer Gemeinde zeigt sich rin sehr rege« Interesse, da« namentlich durch unseren Rabbiner und rediger Herrn Dr. Placzet geweckt wird. Wie »ol erst 3b ahre zählend, entwickelt er eine ungewöhnliche Thättgkelt im kultuellen Leben und so wie die Gemeinde ihm die Gründung einer Religionsschule zu verdankt« Hai, so folgte sie 24*