Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 23 (3.6.1870)
- Date
- 1870-06-03
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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I 224 Dersicherte, daß er ein armer Mann sei und nicht viel bezahle« könne. Endlich machte der Richter den Vorschlag, der Privatkläger solle die Losten gerichtlich bestimmen lassen, und da- Gericht werde sodann auf die Verhältnisse de- Angeschuldigte» Rücksicht nehmen. Damit waren beide Parteien einverstanden. X (Die schönste u nd reichste Synagoge der Welt.) Zu den merkwürdigsten in Turin sich befindlichen Gebäuden gehört die neue, zwar «noch nicht ganz vollendete Synagoge. Sie wird die schönste und reichstr^der Welt sein. Auf einer Anhöhe van vier Seiten mit korrespondirenden Treppen eingeschlossen,steht ein griechischer weiß undrosenfarbiger Tempel. Darüber ein wenig zurückgezogen eine Art zweiter Tempel. Alledieseist mit Gallerten durchbrochen, geziert mit Sänlchrn, von zwanzigerlei anmuthigen Arten. Alles ist weiß und röthlich. Es ist griechisch und maurenartig, römisch und gothisch. Die Komposition ist die zwanzigste Potenz, nicht überladen und geschmackvoll. Was aber diesem Prachtgebäude etwas ganz Seltenes und Unerwartetes verleihet, ist: es befindet sich auf der Höhe dieser zierlichen und graziösen Zusammrnfügungen ein maßiver, sonderbarer Thurm mit durchbrochenen Ecken, welche an Asien, Aegypten, Theben und Ninweh erinnern. Der Baukünstlcr besitzt in der That viel Fantasie. Er verstand eS, den jüdischen Traum über den Tempel an den Ufern eines fremden FlußeS in Wirklichkeit auszuführcn. Gewiß wird Israel seit der Zerstörung seines Tempels keinen grandioseren Lrt gehabt haben als diesen, und die erhabenen Hymnen Davids und SalomonS zu singen. Dieses Werk ist würdig der italienischen. piemontesischen. lombardischen und toskanischen Juden, welche eine bedeutende Macht in der Bank, Presse und im Parlament bilden. X Die I. Times bringt vier sehr intereffante Artikel. ES sind Adreßen, welche von den israel. Gemeinden Philadelphias. Rew-Hork, Charleston, Richemond und Neupost im Jahre 1700 dem damaligen Präsidenten, Georg Washington überreicht worden und dessen Antworten. X Eine h eitere Wirkung erhielt kürzlich die Scene zwischen Don Carlos und König Philipp im deutschen Theater zu Pest. In der letzten Vorstellung, welche dieses Theater vor feinem gänzlichen Schluß gab, gastirte Herr Adolf Son- «enthal vom Wiener Hofburgtheater, als Marquis Posa und Herr Altmann von eben daher, als König Philipp. Beide Herren bekennen sich bekanntlich zur mosaischen Religion. Als «un Marquis Posa aus die Frage König Philipps: „Ihr seid Protestant?" die nachdrucksvolle Phrase sprach; „Ihr Glaube, Sire, ist auch der Meine", da brach das übervolle Haus in schallendes Gelächter aus. X (Zwanzig Dukaten sind zu verdienen!) daS Bewußtsein gar nicht mit eingerechnet, das doch auch gewiß seine zwanzig Dukaten werth ist, zu einem guten, frommen, gott- und menschergefälligrn Werke ein erklecklich Schärflcin beigetragen zu haben. Und das Alles, indem man ein paar Seiten, mit oder ohne Gedanken, vollschrcibt, den Titel darauf setzt: „Juden-VertilgungSpulver," oder „Judcn- VertilgungSlinktur," je nachdem man mehr für die flüssige oder feste Form diese- GesrllschaftS-ReinigungSmittelS inklinirt und sodann besagtes D'puS dem verehrlichen Präsidenten dekatholisch-politischen Kasino» im 0. Bezirke überreicht, der es alsdann wieder dem zu sothanrm Zwecke nirdergesetztcn AuSschusie unterbreitet, welcher selbigemit den anderen, dem gleichen Zwecke — den zwanzig Dukaten nähmlich — zustrebendcn Hrftlein vergleicht, die ihm bis dahin zugekommen sein werden und welcher, wenn er findet, daß auf Deine Tinktur, resp- Pulver, die meisten Juden fallen. Dir mit Wonne den güldenen Preis zuerkennt. Denn um eine PreiSauSfchreibnng handelt eS sich, durch welche das politisch-katholifche Kasino des Bezirke- Alsergrund den christlichen Staat und die christliche Gesellschaft Überhaupt zu retten gedenkt, zu welchem Behufe die Frage al- Preisfrage ausgestellt und den eventuellen Konkurrenten zur Beantwortung anheim gegeben ist: „Wie kann der Vermehrung der Juden und der Anhäufung .von Reichthümern in ihren Händen auf gesetzlichem Wege entgegengetreten werden?" Die Frage ist allerdings keine ganz neue mehr. Schon der egyptische Pharao hat sich sehr angelegentlich mit dem ersten Theile derselben beschäftigt und ohne PreiSauSschreibung ein, wie er wenigsten» glaubte, probate- Mittel gefunden, indem Se. egyptische Hoheit ganz einfach sämmtliche an den Gestaden des Nils domizilirtc Madame Mayer'S bei ihrem AmtSeid verpflichtete, für den männlichen Neugebornen aus dcm Stamme Israel aug/nblicklich den Meldzettcl bei der Behörde zu deponiren, der sodann des ErsparnifleS in der Verwaltung halber, als Todlenschein fignriren konnte. Die neugeborenen Jüdlein wurden nämlich dekanntermaßer in kurzem Wege ins Wasser spedirt. Weil aber die heidnische Hoheit mit dem Wasser nicht viel auSrichtete, wurde später in christlichen Jahrhunderten mancher nicht übel gelungener Versuch mit dem Feuer gemacht. Man verbrannte die Juden, und zur Abwechslung, damit nicht zu viel Holz verschwendet werde, massakrirte man sie auch, und zugleich wurde der zweite Theil der vom politisch-katholischen Kasino Alsergrund mit so glücklichem Instinkt wieder ausgefrischten Preisfrage in Angriff genommen, die auf Verhinderung des ReichwerdcnS der Juden. DaS verhinderte man ebenfalls in gerader, schlichter Weise, ohne viel Grübeln und Kopfzerbrechen», indem man den Reichwerdenden wie den Reichgewordenen, bevor oder nachdem sie massakrirt wurden, ihr Geld wegnahm. Noch später wieder, als die „Sonne der Zivilisation" mit immer intensiveren Strahlen auf die Menschheit nicderzuleuchten anfing, und als eö für nicht mehr schicklich gefunden wurde, die Juden todtzuschlagen, beschränkten die Fürsten und ihre Minister sich darauf, bloS noch den zweiten Theil der bewußten Preisfrage zu studircn und auch nicht mehr mit mittelalterischer Faustrechtlichkeit, sondern mit Benützung der schon aufsprießendcn ersten Keime moderner Steuer- und Finanzwisscnschaft, „die Anhäufung von Reichthümern in den Händen der Juden zu verhindern." Heute ist. diese hochfürstliche Privatbeschäftigung frühercr Zeiten ein Theil der großen sozialen Frage geworden, und nicht Fürsten und Minister allein beschäftigten sich mit ihr, sondern da» ganze Volk hat sie auf das Programm seines Denken», Ringens und Trachtens gestellt; aber c» ist keine konfessionelle Frage, zu welcher sie der gläubige Sinn der Frommen von Alsergrund und den anderen Gründen umfülschcn will, denn nicht auf die „Judenbarone der Ringstraße" allein kann und darf sie zielen, sondern, ob zustimmcnd, ob abwehrcnd, muß sie in ihrer gewaltigen Allgemeinheit gefaßt werden: „Ist die Konzentrirung des Kapitals in wenigen — ob christlichen, ob jüdischen — Händen förderlich oder schädlich, und wenn sie schädlich ist, wie kann ihr entgegcngearbeitet, wie kann die entsprechendere Vcrtheilung des Kapitals im Wege natürlicher Entwicklung der Gesellschaft angebabnt werden? Das katholisch-politische Casino deS 9. Bezirkes ist aber nur ein kleiner Verein, und er hat vorläufig nur zwanzig Dukaten für die projektirte Preiskonkurrenz zur Disposition, und da mit zwanzig Dukaten unmöglich die ganze soziale Frage zu lösen ist, so bescheidet sich der gottcSfürchtige Verein damit, vorläufig nur die Juden und die Judenbarone auSrotten zu wollen, und zwei Sitzungen hintereinander (am 19. und am 25. Mai) wurden der Diskussion dieses gemeinnützigen Gegenstandes gewidmet. Der erste Vorschlag, der in der Berathung vom 19. Mai aufgeworfen wurde, zeigte jedenfalls mehr guten Willen, als nachdenkende Erwägung der gegebenen Möglichkeiten. „Eine Petition fämmtlicher Katholiken Wiens an den neuen Reichsrath solle — proponirten die Wohlmeinenden — von der Volksvertretung begehren, daß dieselbe den Juden die Mittel entziehe, die armen Christen vollendauSzusaugen." Die Petition hätte immerhin Einiges für sich gehabt, wenn die Garantie vorhanden wäre, daß sie im Abgeordnetenhause Herrn Kuranda, im Herrenhause Herrn Winterstein zur Berichterstattung überwiesen würde. Dem unmaßgeblichen Fortsetzung in der Beilage.