Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 23 (3.6.1870)
- Date
- 1870-06-03
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
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221 vor einigen Tagen sein Opfer in dem hochgelehrten, frommen und biedern Herrn Ph. Dr. Aron Rosenbacher, Chef der Firma M. Bloch u. Sohn. Wie kein Anderer sobald hat eS der Verblichene verstanden, die Anforderungen der Zeit mit der alten Tradition des Judenthums zu verbinden, und er änderte nie seine religiösen Grundsätze, die er in seinem Familienleben zumeist strenge zu beobachten wußte. Mit dem Tode Rosenbacher'S entsteht in der Gemeinde eine, man könnte sagen, unausfüllbare Lücke. Vorgestern Nachmittags wurde der Verstorbene als einer der „Bravsten der Braven" in der Gemeinde unter den ihm gebührenden Ehrenbezeugungen zur Erde bestattet. V Interessante Wahlvorgänge. Der israelitische Nächstenliebe-Verein hielt Sonntag Nachmittags behufs der Wahl eines Direktors, in Gegenwart eines lande-fürstlichen Com« missäcs, eine Generalversammlung ab. Bon cin.a 800 33er« einSmitgliedern waren 46 zugegen, eine Zahl, welche die Versammlung beschlußfähig machte. Die Wahl mußte Dank der lobenSwerthen DiSciplin und dem zähen Kampfe zweier Wahlparteien viermal vorgenommen werden, und sie führte schließlich zu keinem Resultate, so daß bis zur nächsten Einberufung einer Generalversammlung ein Waffenstillstand eintritt und in dieser der Wahlkampf von Neuem ausgenommen wird. Die Wahlkampfobjekte bildeten die Herren I. Dr. Raudnitz und I. Dr. Bendiner beide Mitglieder des Vorstandes. Die Stimmen vertheilten sich folgender Maaßen, und zwar im 1. Wahlgang: Dr. Raudnitz 21 St., Dr. Bendiner 19 St., Dr. Wiener 1 St., Dr. Lasch 1 St.. Ignatz Gerstel 1 St., Gustav Schitz 1 St., Dr. Teller 1 St. und 1 leerer Zettel zusammen 46 Stimmen; im 2. Wahlgang: Dr. Raudnitz 21 St., Dr. Bendiner 20 St., Dr. Lasch 1 St., Gustav Schitz 2 St., Dr. Teller 1 St., Jgn. Gerstel 1. St., zusammen 46 Stimmen: im 3. Wahlgang : Dr. Raudnitz 25 St., Dr. Bendiner 22 St., Gustav Schitz 1 St., Dr. Lasch 1 St., zusammen 49 Stimmen (trotzdem nur 46 Mitglieder zugegen waren); im 4. Wahlgang: Dr. Raudnitz 20 St., Dr. Bendiner 21 St.. Ignaz Gerstel I. St., Dr. Lasch 1 St., zusammen 43 Stimmen (indem sich bereits drei Mitglieder entfernt hatten.) Da zur absoluten Stimmenmehrheit 22 Stimmen erforderlich waren, blieb auch der letzte Wahlgang resultatlos. V Resignation nach einer Blamage. In der Montag stattgefnndencn Sitzung des Nächstenliebe-Vereines hat dessen Vorstand seine Resignation beschlossen, und diese mit einer erbärmlichen Lapalie begründet. Herr Dr. Bendiner gleichfalls Vorstandsmitglied hat sich, da kein stichhältiger Grund zu irgend einer Resignation vorlag, derselben nicht angcschlossen. Uns will der eigentliche Grund dieser Abdankung etwa« näher liegen, den wir in einer Kabale finden, die Herrn Dr. Bendiner zum Fallstricke dienen sollte, um ihn für fernere Zeiten auS dem Vorstände heraus zu bugsiren, und dadurch der Clique freien Spielraum zu lassen. Es er« scheint jedoch diese Verschwörung recht komisch, wenn gleich sie auch eine Beleidigung sein soll, die den Mitgliedern des Vereines in Form eines MiStrauensvotumö cntgegengeschleudert wird. Die freie Wahl einiger thatkräftiger Bereinsmitglieder, welche mit dem Willen des Vorstandes, Herrn Dr. Raudnitz „durchzusetzen" kollidirt hat, hielt der PressionSlustige Vorstand für nicht acceptabel und da mußte die Resolution lauten: Haben die Kerle nicht nach unserem Wunsche gewählt, so sollen sie unsere Autorität fühlen. Die Vereinsmitglieder werden hoffentlich auch ihre Autorität fühlen lassen und bei der, wie eS verlautet, nächsten Dienstag Abends 6 Uhr stattfindenden Generalversammlung, darauf bedacht sein, den Vorstand von jenen Elementen zu säubern, die als Wühler die VereinSintereffen nur schädigen. Da Herr Raudnitz nach gemachter Erfahrung von seiner Beliebtheit in der Gemeinde, zu kandidiren nicht mehr die Lust verspüren dürfte und Herr Bendiner, wie un» mit Bestimmtheit mitgetheilt wird, in der letzten Generalversammlung von der Annahme einer Wahl abftand, so mögen sich die Mitglieder de» Lereine» Über einen dritten Candidaten einiger, der die Interessen de» Nächstenliebevereine» fördern hilft. Und nehme ma» an, daß Herr Raudnitz durch ungewöhnliche Agitation zu» Direktor gewählt würde, so kann man auf die Gewißheit rechnen, daß der Verein mehr als die Hälfte der Mitglieder verliere. Im umgekehrten Falle, wenn Herr Bendiner pro»- perircn sollte, dürfte sich die vor, keinen Mitteln zurückschrekkende Clique die Mühe nicht verdrießen laffen, dem Vereine Mitglieder zu entziehen. Da aber der Verein eine wohlthätige Tendenz hat, der jede politische Winkelzügigkeit nicht zu» lassen darf, so erheischen eS die Jntereffen des Vereine» einen Mann zum Direktor zu wählen, der keinen andere« Zweck im Auge hat als den der Ucbcrwachung der Verein»- intereffen und er wird sich finden. *** Proonih hat schon einen Rabbiner. Von ProSnitz kommt uns direkt die Nachricht zu, daß Sc. Ehrwürden Hr. Dr. E. Hoff nach einer würde- und geistvollen Probepredigt, mit der er särmlich Begeisterung hervorrief, in der letzten Borstand-sitzung von dem zwanziggliedrigen Cultu»- Vorstände einstimmig zum Rabbiner und Prediger der Pro»- nitzer CultuSgemeinde gewählt und die Wahl von der ganzen Gemeinde mit Jubel begrüßt wurde. Zieht man den ehrenvollen Rang, den diese Gemeinde in Oesterreich einnimmt, so wie die großen Männer (Fasset, Schmiedl etc.), die daselbst fungirten, ins Auge, so ist der Ruf Hoff's nach Prosnitz nicht nur ein höchst ehrender, sondern auch ein riesiger Fortschritt desselben zu nennen, indem der selbstständige Wirkungskrei» in einer so intelligenten und wohlhabenden Gemeinde an und für sich durch die glänzende materielle Stellnng eine wohlthuende Lage bereitet. Wir haben den eminenten Erfolg Hoff's in ProSnitz vorhergesehen, indem wir stets sein ehrliches und eifriges Streben in seinem Berufe, seine geistigen Anlagen und seinen Gehorsam der Kritik zu würdigen wußten. ProSnitz kann sich zur Acquisition Hoff'S gratuliren, und wir stellen dem erst 29jährigen Rabbiner ein glänzende» Prognosticon für die Zukunft, die ihm auch ProSnitz bietet. Die geistigen und moralischen Vorzüge dieses Mannes, die ihn von so vielen seiner Collegen unterscheiden, waren e» auch, die ihn unS, die wir sonst kein anderes Jntereffe an ihm hatten, als daß wir in ihm einen ehrlichen und biedern Charakter erkannten, wcrth machten, und, wenn unser Augenmerk, das wir Hrn. Hoff schenkten, von gewisser Seite nicht gerne grsehen wurde, so haben wir die Beruhigung, ihn richtig beurtheilt zu haben. Die PinkaSsyuagoge kann stolz darauf sein, ihrem Rabbiner den Weg nach einer groben Gemeinde gebahnt zu haben, die gewiß in Hoff einem eben so lcbenSklugcn als rechtschaffenen Manne, ihren künftigen Stolz setzen dürfte. V Fürstliche Auszeichnung. Sr. Durchlaucht Fürst ». Lobkowitz als Präsident des VereinSballkomiteS geruhte dieser Tage den Compositeur Hrn. Isidor Stepper mit einem eigenhändigen Anerkennungsschreiben zu beehren, worin demselben für dessen neue Composition: „Am Suez-Kanal-Qnadrille", welche der Compositeur mit freundlichster Bereitwilligkeit dem Vereinsballkomitc zur Verfügung stellte, der wärmste Dank ausgedrückt wurde Die Composition hat musikalischen Wert und erfreut sich allgemeinen Beifalls. — Auch hat Herr Stepper für die am 30. Juli d. I. stattfindeudcn Fahnenweihe des Prager Militär-Veteranen-Bereins einen neuen Defi lir-Mar sch für große» Orchester eben vollendet, welcher in Bälde im Druck erscheinen wirt^ und dessen vollständige» Reinerträgni« obigem Vereine gewidmet ist. *** Diskretion in der Deffentlichkrit. Häufig ist man in der Lage irgend ein Offert. Gesuch oder sonstige WillenSmeinung zu veröffentlichen, befürchtet jedoch au» sehrnahe liegenden Gründen eine Verletzung der Di»cretioa> Die wohlbekannte Firma „Rudolf Moffe" (Müuchen, Nürnberg, Frankfurt a. M., Wien. Berlin, Hamburg) hat sich den ehren«erthen Ruf erworben, alle ihr zugehenden derartige anonymen Ankündigungen mit strengster Geheimhaltung der Namen der Auftraggeber in jede gewünschte Zcitnng etuzurücken und die hieraus riagehenden Brteffchaftea «er»