Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 23 (3.6.1870)
- Date
- 1870-06-03
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
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» — 220 — tenoühlt werden soll. Der Nächstenliebe - Verein zählt ein große« Fahrwasser Steuer zahlender Individuen, au» dem zu Zeiten ein Wähler gefischt werden kann, der in Respekt, Herrn Raudnitz um einen Direktortitel reicher zu sehen,demselben dann mit geringerem Widerwillen, bei Wahlen entgegenkommt. So spinnt sich da« politische Gewebe um die jüdischen Communalinteressen, die unter der Pression einer skandalsüchtigen Lotterie nur geschädigt werden. Wir havcn vom Anfänge au da» Spiel jener herrschsüchtigen, eigennützigen Gesellschaft durchblickt und die Gefahr gewittert, die durch diese politischen Lazzaroni'S dem jüdischen Gemein- und VereinSwesen droht. Ist e» schon an und für sich eine Parodie aus da» Iudenthum, daß ein politischer Polichinell ü In Raudnitz sich immer und immer da vordrängt, wo ausschließlich jüdische Interessen in den Vordergrund treten, um wie viel mehr Aumaaßung ist eS von einem Vorstände, der die strengste Pasiivität beobachten soll, einem Vereine einen Mann aufzudrängen, der in dem Judenthume nicht» andere» erblickt, al» eine zu egoistischen Zwecken forttreibcnde Maschine. Wenn dann Herr Raudnitz, gestützt von einer kleinen politischen BicrhauSkamaraderie, noch von einem Vorstande SnkkurS erhält, der für die Mitglieder de» Vereine» und nicht für einen politischen Schaukelmann Partei zu ergreifen, die Aufgabe hat, so kann e» nicht befremden, wenn sich Hr. Raudnitz dem Glauben hingibt, er besitze in der Gemeinde Sympathien. Wir waren zwar stet» t>ojt der MiSliebigkeit überzeugt, die nur der bloße Rahme Raudnitz hcrvorrief; in der Generalversamtnlung de» NSchstenlicbevereine» hat sie sich erst, trotz der gewaltigen Agitation de» Vorstände» und der Casinopartisane de» HandelSmanne» Herrn Gustav Schitz und de» kultucllen Reitmeister» Herrn Tewele», in der vollsten Bedeutung bethätigt. So mußte I. Dr. Raudnitz bei seiner LandtagSabgcordnetcn Stellung, bei seinen Casino-Attiduden und politischen Luftsprüngcn Gewahr werden, daß sein College Herr I. Dr. Bendincr ohne jede Agitation, ohne die Borkämpfe einer Vorstandskompagnie und ihrer überall Skandal provocircnden Schmocke den Sieg davon trug, auch wenn die Wahlgänge resultatlo» blieben; denn bedenkt man, daß von 4(5 anwesenden Mitgliedern der Vorstand, mit ihm der in» Gefecht geführte abgerissene Theil der Clique sammt ihren Generalstäblern Schitz und Tewele» für Dr. Raudnitz stimmten, Dr. Bendiner nach viermaliger Wahlvornahme nur Einer Stimme bedurfte, um siegreich hervorzugkhen, so ist da» Fiasko de» Dr. Raudnitz ein kolossale», der dem Siege nahe Erfolg de» Dr. Bendincr ein Triumph zu nennen. *) Recht deutlich konnte man sich da die Ueberzeugnng verschasien, daß da» Recht siegen muß, wenn die da» Recht verfechtenden Gemeindemitgliedcr sich die Waffen nicht entwinden lassen, und nicht genug können wir die mit Zähigkeit gepaarte Conscqucnz 'jener Vereinsmitglieder rühmend hervorhcben, welche in der Wahl de» Dr. Bendiner den Satz: „Dn sollst Deinen Nächsten wie Dich selbst lieben" znr Wahrheit machten. Die Blamage, daß Herr Raudnitz nicht einmal bei 46 Gemeindemitgliedern Sympathien genießt, dokumentirt seine MiSliebigkeit in der ganzen Gemeinde. Selbst muß der Mann sein und so wie in diesem Falle, sollen die Mitglieder jede» Vereine» und der Gemeinde überhaupt, sich nicht bevormunden laffen,sondern ihre präpondcrirende UeberzengungStreue zur Geltung bringen, die leichtfertig dem Willen Anderer zum Fräße hingeworfen, von der Ohnmacht und der allzugeringen Reife der Individualität zeugt. An» diesem Vorgänge in der Generalversammlung kann Jeder genau schließen, daß Dr. Raudnitz und, so wie er, mancher Andere Vertreter der isr. Cultusgemeinde nie geworden wäre, wenn die ehrliche Stimme eines Irden entschieden hätte, wenn Jeder Herr seine» Wahlzettelgeblieben wäre und sich denselben nicht von dem ersten besten Gaffenbummler au» Händen *) vir mtMifcn in te Rubrik wochrnchronik aus di« Rott,: ,Im«nsi«ntt vadtgSntz«- (D. Red.) hätte nehmen lassen. Und demohngeachtet verspürte Dr. Raudnitz da» Terrain in jenen Wahlkörpern, die zu Hunderten zählen, zu schwach, um zu demselben Vertrauen zu fassen und hätte jenen Patron nicht da» Paar FabrikSpolikcr auf da» hohe Roß der CultuSpolitik gehoben, e» wäre ihm nie da» Glück zu Theil geworden, über da» Wohl und Wehe der Gemeinde mit zu entscheiden. Bei der Generalversammlung ging e» freilich mit dem Zettelabfangen schwierig und Herr Dr. Raudnitz konnte sich überzeugen, daß wenn der Wille stark ist, auch zuweilen da» Fle-sch stark sein könne. .Fragt man sich nun, mit welchem Rechte Herr Raudnitz einen Verein dirigiren wolle, der vor Allem die Auffassung de» Begriffe» der Nächstenliebe erheischt, so muß man über die Kühnheit diese» Herrn staunen, der e» in Prozessen mit der Nächstenliebe gerade nicht genau nimmt. Wir könnten dem Vorstande des Nächstenliebe-Vereine» eine Geschichte erzählen, damit er seinen Geschmack auf etwa» Bessere» verschwende al» auf Männer, die ihm mit leerem Gedresche imponircn. Wir, die weder ein Interesse daran haben, ob Dr. Raudnitz oder dessen College Dr. Bendiner mit dem Direktorate eines Vereine» beehrt werden, können einen solchen MiSgriff de» Vorstände», den er in der Kandidatur Raudnitz manifcstirte, nur für eine persönliche Ranküne erklären; denn diesem Manne den Vorzug einräumcn vor seinem College», der sich eine» guten Rufe» erfreut, fern von jedem Parteigetriebe steht, und bei seiner Bescheidenheit und seinem guten Takte ein Jude in des Wortes edelster Bedeutung ist, vor einem Manne, dem nicht» weiter fehlen als die Bärte de» einen und die überflüssigen DrelchinuSkeln des andern heißt der Intelligenz einen Backenstreich versetzen und die Gemeinde am Gängelbande hcrumsühren wollen. Wer ist Raudnitz? und wer ist Bendiner? Man frage sich etwas eindringlicher und man dürfte bald zur Antwort gelangen, Raudnitz hat den Doktorhut erlangt, Bendiner auch: Raudnitz ist LandeSadvokat, Bendiner auch, Raudnitz ist Vorstandsmitglied des Nächstenliebe - Vereins, Bendiner auch: Schreitet man nun zu anderen Fragen: wa» ist Naudnitz nicht und wa» Bendincr ja? War Raudnitz je im Stande einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten, mit dem vor Kurzem Bendiner cxcellirt hat? Weist Raudnitz da» jüdische Wissen und den Sinn für» Judenthum nach wie Bendincr? Oder besitzt Raudnitz die Gutmüthigkeit eines Bendincr»? Uns will bedünken, daß zwischen Raudnitz und Brndiner ein gewaltiger Unterschied herrscht, der von intelektuellen Männern bald gefunden sein dürfte. Wir hoffen jedoch, daß die Gemeinde mit der Zeit die Augen öffnen dürfte, um sich aus ihrer Selbsttäuschung herauszuführen. Wochenchronik. *** Ernennung. Sr. Ehrwürden Herr Professor Dr.S. I. Kämpf wurde vom k. t. Oberlandesgerichte zum Translator der hebräischen und rabbinischen Sprache ernannt. Bekanntlich bekleidete diesen Posten der verstorbene Herr Professor Dr. Wessely. *** Ein gehaltvoller Beschluß. In einer der letzten Sitzungen der ,>r. CultuS-Gemeinde-Repräsentanz wurden von derselben die JahreSgehalle der Mitglieder de» provisorischen RabbinatSkollegiumS festgestellt, und zwar für Herrn RelizionSlehrer Michael Adler 600 fl., für die Herren Maier. Fürth und Hcrrschmann Tewele» je 400 fl. Letzterer soll, wie un« gemeldet wird, auf seinen Gehalt verzichtet haben. *,* -terdefall. Der unerbitterliche Tod, der in den letzten zwei Jahren in der industriellen und gelehrten Welt der hiesigen Gemeinde eine Rundschau hielt, forderte auch