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Die Gegenwart · 1870-06-03 · 23 (3.6.1870) · p. Seite 219

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
23 (3.6.1870)
Date
1870-06-03
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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treu zu bleiben, konnten uns doch kaum kümmeru, was uns eine, ihre eigenen Interessen verfolgende Fliege in die Ohren summt. Kaum verspürte daS die Schmanotzer Fliege vorstcllende Individuum, daß eine Neuwahl in der Repräsentanz bevorstehe, schloß eS sich dem 25gcr Wohlkomitc an, und spekulirte gleichzeitig auf die Möglichkeit von der anderen Seite, dem zurückgebliebenen Thcile der Repräsentanz nähmlich,wieder rehabilitirt zu werden. Zu dem Zwecke hatte die Schmarvtzerfliege, bei ihrer früher» Frontstellung gegenüber der Repräsentanz etwas national gekerbt, mit Einem Male deutsche Farbe bekannt und zeigte sich der Repräsentanz dienstfertig und ergeben. Der Dank ließ nicht lange auf sich warten, und mit ihm auch nicht die einmal aus der Steucrkommission hinausgeworfcnc Schmarotzcrflicge, welche wieder hinein geflogen ist, wodurch selbstverständlich unser Rcdaktionsburcau nicht mehr behelligt wurde und der Unflath dort bleibt, wohin sich die Fliege gesetzt hat. So lautet die Geschichte von der Schmarotzerfliege, cs handelt sich hier um keine Fabel, sondern um eine wahre Begebenheit und sic diene als intcrrcssanier Beleg der Zusammensetzung -er Kommissionen, und zur Auffrischung der alten Sokratischcn Moral: Sage mir, mit wem Du gehst und ich sage Dir, wer Du bist. Erprobte Sympathien ober -er Hetd des Nachmittags. Wenn wir diesen Titel gewählt habe», der sich eher für ein alte- Ritterschauspiel eignet, in welchem eine alte Burgruine und mehrere Schildknappen die Staffage bilden, so findet eö seine Begründung in den Vorgängen in unserer Gemeinde, die einer Burgruine gleicht, in welcher einige Burgritter ihr Unwesen treiben und wie Gespenster jspuckcn und sich räuspern, um Allcö zu vernichten, was ihnen unbequem wird und lich genöthlgt, ihn frei zu sprechen und los zu lassen. Cr zog sich hierauf auf einige Zeit »ach Toulouse zurück, wo er, sowohl als Arzt, als auch durch seine philosophischen, vorzüglich nictaphisischen Vorlesungen, die Bewunderung aller Gelehrten auf sich zog. Cr hatte nämlich — wie Hugo Groti us*) und Montecucnli,**) in den Jahren, wo er im Inquisitipnsgcfängniffe gesessen, so anhaltend und uiicrmüdet über Mctaphhsik nachgedacht, daß er cs so weit brachte, nach damaliger Sitte öffentliche Disputationen zu halten, in denen er seine Gegner fast innner überwand und Sieger blieb. Toulouse, seine Gelehrsamkeit und ausgcbrcitete Kenntnisse belohnend, ernannte ihn hierauf zum Rektor der dasigen Univerfität. — Nun hielt er eS endlich für Zeit, feinen so lange gesagten *)H»go GrotiuS, der größte nnler ollen niederländische» Gelehrten,hatte aufdieKultnr der m'isten Wissenschaften den mächtigsten Einfluß, und sein durchdringinder großer Geist machte ihn in all>m, waS er unternahm, gleich btwnndcinSwüidig und verdienstvoll. Cr war zu Delft 1583 geboren, wurde schon im sechzehnten Jahre Doktor der Rechte, und erwarb sich dmch viele Schriften schon danialü einen ausgezeichneten Ruhm. Cr erhielt daun das Epndicat von Rotterdam, wurde aber, weil er bk Armeniancr, eine religiöse, vom damalige» Erbstatthalter verfolgte Sekte, sehr lebhaft vertyeibigte, zu lebenslänglichem Gesängnlß auf dem Schlöffe Lvwenstein venirtheilt. Seine Gemahlin rrtlrte ihn jedoch durch List, indem sie ihn in einer leere» Bücherkiste ans dem Gefängnisse fortschasfen lieh. **) Raimund, Finst von Montecuculi zuletzt römisch kaiserlicher General-Li« utenont OrdenSnttir des goldenen Vließes und Fürst von Amalfi, der größte ösierreische General vor Engen, winde IS28 zn Modena geboren. Er focht schon im dreißigjährigen Kriege mit großem Ruhm, und stin erste« Meisterstück war die Entsetzung der von den Schweden bilaarrten schlesischen Feflu.ig NamSlau 1615. Er wurde ober bald von den Schweden gefangen g.nommen, nach Slrltln gebracht und erst noch zwei Jahren auSgewechfelt. In seiner Gefangenschaft studirt« er die Kriegskunst, besonder« au« den Alten, nebst andern Wissenschasten «tt dem unermndrtsten Eifer und erwarb fick dadurch aroß, militärische Kenntuiffe, dir er nachher selbst al« Schriftsteller zeigte. mit allerlei Mitteln in HLvden den Himmel nach Cyklopenmethode erstürmen wollen, \>on dem sie ihre verzehrenden Blitze hcrabzuschleubern bestrebt sind. Eine solche ritterliche Gestalt spielte in der letzten denkwürdigen Generalversammlung des isr. RächstcilUede-BereineS Herr Dr. Raudnitz, der von seinen Schildknappen getragen, in einer Wahlschlacht seine Sympathien in der Gemeinde zn erproben erkoren ward und so zum Held eines schönen Sommernachmittags gcworden, an dem, wie die Sage geht, die BurgsräulcinS dem Lenz einen lustigen Reigen tanzen und in Nixdorf, dem Wall - halle dcS kühnen Ritters, Rübezahl allerlei groteske Sprünge auSfüdrt. Drei Wochen hindurch verkündete der Vorstand des die Vignette der Nächstenliebe tragenden Vereines der Welt die bevorstehende Wahl cinks Premiers, oder, wie er populär genannt wird, eines Direktor? an. drei Wochen hindurch schwindelten Einem vor die Augen die gedruckten Vor- und wirklichen Anzeigen von der hcranbrcchcnden Stunde, in der ein Minister für da? Portefeuille der Nächstenliebe ernannt werden sollte, und noch in dm letzten Augenblicken eines hoffnungsvollen Kandidaten, wurden Einladungskarten auf ziemlich großen Taschenformat hcrumgeschickt, um dm IndiffcrmtismuS der Nächstenliebe »den Mitglieder aus dem Winterschlafe zu wecken und von der bald iu Aussicht stehenden Vermählung des Vereines mit einem Direktor zu benachrichtigen. Sobald diese Vorkehrungen getroffen waren, glaubte der Vereinsvorstand nichts Besseres zu thu», als sich drei T«rge vor der Wahlkampagne — es war an einem Feiertage — zusammcnzusrtzcn und auf Antrag eines deutschen Khilleschmoks den gntni, den braven Dr. Raudnitz für die Besetzung dcS Thrones, auf dem der Direktor der Nächstenliebe rcsidiren sollte, zu kandidircn und mit allen agitatorischen Kräften dahin zu wirken, Herrn Dr. Raudnitz, den Mann der Sympathien, „durchzubringen." Man kennt die Absicht, ohne verstimmt zu werden, und hat erst nicht nothwendig, zu sprkulire», daß die berüchtigte Eliqne überall ihren kecken Rüffel hinstcckt, mit dem jeder Bode», der mit der Zeit für höhere Wahlagitation bearbeitet werden kann, un- Cntschlnß auszuführcn, und sich iu den Schnob seiner Kirche zu begebe». Er verlieb daher Toulouse und ging noch Amsterdam, wo er förmlich beschnitten wurde und den Namen Isaak erhielt. Seine Kenntnisse verschafften ihm auch hier die gefälligste Aufnahme, und nicht nur seine GlaubcnSgrnoffe», sondern auch die Bekenner der christiichr» Coiifeffioncn chrtcit und schätzten ihn nngcmci». — Damit er anständig und seinem Charakter gcmüb leben konnte, verliehen il„» seine RcligionSgcnosscn dieser Hauptstadt eine der ehrenvollsten Rabbincrstcllcn, der er auch biS zu, feinem rode — der 1 <H>M erfolgte — mit Auszeichnung Vorstand. Seine z«lhlrcichcn lateinischen Werke, dir glöbtcntheUS aus theologischen Abh«mdlu»gcn und Kontroversen bestehen, sind in eiticiu zwar gedrängten, nicht aber so reinen Cttzic a>S die Spanisch, verfabtcn geschrieben, welche letztere «in Eleganz des Ausdrucks und Korrektheit der S«chrcibart nichts z» wünsche» übrig iaffen. — Scharf- und Tiessinn waren ihm beide in gleich hohem Grade oge«,; und obwohl seinem angccrbtci« Glauben anhänglichst ergeben, konnte er cS dennoch nicht ertragen,, wenn man unglimpsiich von den Bckcnncrn anderer Religionen sprach, ungeachtet ilm unter diesei, manche, wie crivähnt, nicht wenig hart und grausam behandelt hatten. — Drobio war von sanftem Charakter und zuvorkomineiideiu Betragen. Nicht weniger standen heiterer Witz »nd »inntcrc Laune ihm bei jeder Gelegenheit zu Gebote, so daß er eine ununterbrochcnc Heile,kcit und eine» steten Frohsinn zeigte, die auch in seinen niiglückiichstcnTage», so lange er seine volikoinmenc Vernunft hatte, ihn nicht vcrlasicn hatte». — Da er von kleiner Statur und nicht starker Leibeseonstitution war. so ist es noch inehr zu bewundern, wie rr jene Torturen und Schmerzen, ohne z» unterliegen, hatte aushaitc» können. 23*

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