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Die Gegenwart · 1870-06-03 · 23 (3.6.1870) · p. Seite 218

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
23 (3.6.1870)
Date
1870-06-03
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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218 zu lassen, an jenen Männern müsse doch Etwas sein, sonst wären sie eben nicht da», wozu sie sich gemacht haben. ES ist heute nicht unsere Aufgabe, dieGcnesiS jedes einzelnen der Repräsentanz anzuführen, ob der eine durch die Anstrengung einer Schwägerschaft, der andere durch die unverschämte Arroganz einer Gesellschaft das geworden, was er ist, weil die Methode, in die Repräsentanz zu gelangen. Jedem bekannt ist, so wie Jedem bekannt ist, daß Herr Dr. Raudnitz als Repräsentant eines religionslosen JudcnthumS eben so wenig seiner Beliebtheit in der Gemeinde den Posten in der jüdischen Vertretung zu danken habe, als der konservative Wollhändler Herr Kohn in seiner Beliebtheit in der Gemeinde den Grund zu suchen habe, daß er Mitglied der jüdischen Vertretung wurde. Wir halten auch die Herren, so wie ihre Eollcgen in dieser Beziehung für viel zu bescheiden, als daß wir ihnen Mangel an Sclbstkcnntniß zuschrcibcn svlltcu. Würde das Gcgentheil unserer Behauptung angcuommen werden, so wäre gewiß die von dem größten Thcile der Gemeinde gewünschte Abänderung dcö Wahlmodus seiner Zeit von der Repräsentanz angenommen worden, da jedoch die Gegner derselben in dem Sturze der Wahlordnung ihren eigenen Sturz vorher gesehen hatten, waren sic liberal genug, das alte Wahlsystem beizubehalten. Doch kann man sich getrost der Hoffnung hingcben,daß die politischen Verhältnisse sich so lange ändern werden, bis sich der unbedeutende Einfluß jener politischen Skandal machenden Doktoren der Repräsentanz auf Rull rcduzircn werde, und mögen die Herren, die sich um ihren Jupiter TcdcSco schaaren, sich auch cinbilden, sie hätten einige Bedeutung, so empfehlen wir ihnen die öffentliche Meinung, die über sie ein etwas unangenehmes Unheil spricht und die Umgebung dieser mit dem Nimbus der allgemeinen Persiflage umgebenen Vertretung verfährt, wenn sic auch sonst kajoulirt, mit ihrem llrtheile nicht anders. Man schneide nur den jüdischen Vertretern jede Eominunication mit dem deutschen Easino ab, lasse sic nirgends den Mund der Weisheit öffnen, verweise sic in den Winkel der Unbedeutenheit und man genießt die Probe ihrer Haltbarkeit in der jüdischen Gemeindevertretung. Freilich hat die Repräsentanz cs vcrftaildcn, den großen Herren eines bereits in den Schlamm der Vergessenheit versunkenen Systems nachzuäffen, „will nickt länger meine Gefühle in diesen Sklave ufcssclu schmach- „tcn lassen! Aber wem soll ich mich auvcrtraucn? Wem kann ich „mein Borhaben entdecken, und in wessen Schooß mein Herz er- „gieße»? dauern nicht überall die Diener der Inquisition? Bewa- „ckcn diese nicht mit Argusangcn jeden meiner schritte? Aber, „Wottl Du sollst mein Zeuge sein — fuhr er fort — daß ich, „rS koste auch waS cs wolle, dieses Zwanges eherne Ketten spren- „gen, und dieser liirannci diamantenen Bande mich entledigen „werde. Aber vereitelt ward der Gedanke, sich nach einem Orte zu begeben, wo er seinem vorelterlichcn Glauben gemäß leben und dessen Borschriften beobachten könnte; denn als er einmal eines der Gesetze befolgte, wclckcs seine Religion ihm vorschrieb, lvard er von einem Häscher dcS Znguisitionstribunals ergriffen, diesem Gericht übergeben, und augenblicklich in den schrecklichsten Kerker geworfen. — Hier wnrde er mjj rcntncrschwcrc» Ketten belastet, welche singcrdicke Wunden in seinen Körper drückten, und in Fesseln geschmiedet, die ihm die Bewegung aller seiner Glieder raubten. Keine Qualen wurden gespart, keine Martern, keine Torturen vergcsicn, ihm daS Geständniß abzuzwinge», daß er der mosaischen Religion zugethan sei und ihren Grundsätzen nachgelcbt habe. Aber nichts war vermögend, seine Standhaftigkeit zu erschüttern, nichts im Stande, seinen Muth zu beugen oder nur sinken zu inachcn. Er wankte vielmehr keinen Augenblick in dein einmal gefaßten Entschlüße. Alles für seine Religion und für die Erhaltung seiner Verwandten zu dulden und zu ertraget». — Drei Jahre nach einander, den Sonntag ausgenoinmcn, hatte er fast täglich die gräßlichsten Martern auszuhalten, und die schaudererregendsten Schinerzen zu ertragen. Die Grausamkeiten wurden so weit getrieben, daß er fast den Verstand verlor und ln Nahnfinn grrieth l — In dieser sich r.ach der Methode derselben mit Trabanten und Satelliten zu umgeben, um so den Krakehl in zeitgemäßer Weise mit Bombast und Eklat in Scene zu setzen. Jeder Zoll von diesen Trabanten ist ein Narr und Narren bekanntlich dürfen da nicht fehlen, wo eS sich um Prager jüdische Interessen handelt, doch nicht Narren allein zählt dieser Kreis von Trabanten, er zählt auch charakterbedürftige Individuen und, wenn ihnen das Schicksal die Loose aufgeschüttet hat, daß sich in jener Gesellschaft hirnl o s e, gedankenl o s e, thatenl s s e befinden, so hatte eö gewiß nicht die Absicht auch, charakterlo se auf die Oberfläche zu bringen. Und dennoch wird deS Schicksals Tücke von folgendem Histörchen argumentirt. In jenem Momente, als wir in diesen Blättern unsere Thätigkeit aufgeiiömmen hatten, flog in unser RedaktionSbureau eine Schmarotzerfliege, die cs nicht verschmerzen konnte, daß man sie aus der Stcucrkommission hinausgeworfen hat. weil sic wahrscheinlich in derselben etwas zu viel gesummt hatte und der Repräsentanz unbequem wurde. Tagtäglich zur selben Stunde wurden wir von dieser Schmarotzerfliege behelligt. die nach.Art jeder Schmeiße, anderen OrteS allen Unrath aufsammclte, um ihn bei uns ablagern zu wollen. Wir trauten nie dieser zudringlichen Fliege, weil Fliegen, wenn sic noch so klein scheinen, oft gefährlich sein können; und so flog gewöhnlich die Fliege unverrichteter Sache von dannen, kam jedoch immer wieder. Mit -der Zeit wurde die Fliege zu einer Wespe, was freilich naturwidrig ist, doch damit fei nur gemeint, sie wollte stechen mit dem giftigen Stachel der Bosheit. Mit einem unvergleichlichen Phlegma wollte sic gleich Ealligula, daß die Repräsentanz nur Einen Kopf hätte, mit einer Wollust hat diese von anderwärts verjagte Schmarotzerfliege uns verhetzen wollen, und die schärfsten, gegen die jüdische Vertretung loSgclassenen Artikel viel zu milde gefunden. „Man darf nicht feiern," nannte einmal diese mit der Unverschämtheit liirte Fliege, „der Redakteur müsse daS Eisen schmieden, so lange cs warm ist und müsse unausgesetzt gegen die Repräsentanz schreiben, um sie nicht zu Athcm kommen zu lassen." Natürlich machten wir an dieser Tartusfartigen Fliege ein psychologisches Studium, das nnS belehrte, die Stillsten seien die Gefährlichsten. Wir, die wir gewohnt waren nnd sind, unseren Standpunkt, unbeirrt von äußeren Einflüssen, zn behaupten und unserem Programme schrecklichen Lage schrie er gewöhnlich: „Sehet meinen wunden „Körper an, ».eine eiternde Glieder, bin ich denn wirklich Orobio, „der unglückliche Qrobio?" Als er nun bei seinen Aussagen beharrte, unb nichts gestehen wollte, was dem Wunsche der Inquisition entsprechen konnte, so beschloß diese, durch noch größere Martern daS heraus zu preßen, was die vorhcrgcgangcucn ihn» nicht abzuzwinge» vermocht hatten. — Er ward hierauf in einen noch schlimmer» Kerker geworfen, wo Torturen, die das sclscnhärtcste Herz erweicht unb zun» Mitlciden bewegt haben sollten, über ihn verhängt wurden. Man band an zwei Finger einer jeden seiner Hände, Stricke, und hing ihn, nachdem man ihn» an jcdenl Fuße eine über achtzig Pfund schwere Metallmaffe befestigt hatte, in die Höhe, ivo er herabhängcnd immer gegeißelt nnd gepeitscht'wurde! Mit diesem nicht zufrieden, band man ihm Stricke um die Hände und Füße, und zog diese, vermittelst daran befestigter eiserner Ringe so fest zusammen, daß der ganze Körper voll tiefer Wunden wurde. DaS Blut drang durch die Finger und Zehennägel und bespritzte die in ihrem schrecklichsten Verfahren uncrmüdctcn Inquisitoren. — Richt wenige Mal schien er unter diesen Martern zu erliegen, indem er oft in Lhnmacht fiel und fast todt von der Folterbank weggctragen werden mußte. Aber so groß auch die beharrliche Un- Menschlichkeit dieser Leute war, so ward diese Beharrlichkeit doch noch übcrtroffen von der Geduld und fast übernatürlichen Ausharrung dieses Unglücklichen, indem ihm keine Marter zu schmerzlich und keine Qual zu unerträglich war. die er nicht erdulden wollte, um seine Familie von dem gräßlichen Fruertode zu retten, der bei seinein Seständniffr auch ihnen bevorgestauden sein würde. Als nun alle diese abscheulichen Versuche fruchtlos abliefen, und alle jene bösen Mittel, ihn zum Scheiterhaufen zu führen, vergebens waren, so sahen stch die Jnquifitionsmitglieder unwillkühr-

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