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Die Gegenwart · 1870-06-03 · 23 (3.6.1870) · p. Seite 217

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
23 (3.6.1870)
Date
1870-06-03
Page
Seite 217 (sequence 1)
Language
German
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9R«k «fomtirtfur Prag: «»»zjährig fl. 5 — Halbjährig „ 2.5V vierteljährig,, ISO Mit Popzusenduug: «»uzjährig fl. 5.5Ü Halbjährig „ 2.75 vierteljährig,, 1.5V FürS Ausland: «»uzjährig 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Juferate werden billigst berechnet. Ar. 23. Die Gegenwart. Israelitische Wochenschrift skr politische, sociale uiiD religiöse Interessen. «edaMa» ». Nb»i- »istrati«» Prag, «itirrgafleRr«. 4V8—l wohin alle vrirse n. Geldsendnnge» zu richte» sind. Zuschriften werde, fronro erbeten. Ma« auslripte werden bei Nichtverweadnng auf Erscheint an jedem Jreitag. Prag 3. Juni 1870. Berlangeu jedoch uasraulirt zuriicker» stattet. Ul. Jahrgang. Die Trabanten -er Repräsentanz. Als wir vor drei Jahren diese Blätter gründeten, waren wir von dem redlichen"Gedankcn beseelt, der jüdischen Gemeinde jenen Weg vorzuzeichnen, der zu dem Ziele einer neuen systematischen Ordnung führen konnte, insoferne die Gemeinde es mit sich selbst ehrlich gemeint hätte. Wiewol in der Versündigung an sich selbst ein Entschuldigungsgrund vorliegt, der in der allzugeringen Empfänglichkeit für sociale Interessen wurzelt, die den Sinn jedes einzelnen Mitgliedes der Gemeinde für eine regere Theilnahme an die kultuellen Angelegenheiten abgestumpft hat, so ist eö immerhin nicht zu verzeihen, daß das allgemeine Wohl durch die Jsolirung jedes Einzelnen von dem gemeinsamen Zielpunkte gelitten, die wirkliche gemeinsame Thätigkcit förmlich lahm gelegt wurde und durch diesen Gefrierpunkt da« Wohl der Gesammtheit ersterben mußte. So folgte, daß eine zusammengewürfelte Clique den vorherrschenden JndifferentiSmuS benützen nnd usurpiren konnte, um die Zügel einer ganzen jüdischen Bevölkerung in Händen zn haben, die nach Belieben gchandhabt werden. Natürlich mußte eS die von ihrem JndifferentiSmuS Feuilleton. O r o b i o.^) Don Balthasar Orobio ward ungefähr im Jahre 1020 zu Sevilla in Spanien geboren. Seine Vorfahren, gezwungen die ' christliche Religion onzunchmen, waren, so wie ihre Nachkomme», denno ch nichts weniger als ächte Christen; sondern sie zeigten vielmehr, — wie dieß gewöhnlich der stall zu sein pflegt, — bei thrrnr Zwange noch mehr Anhänglichkeit als vorher an ihrem angestammten Glauben, dem Judcnthume. — Von seiner zartesten Kindheit an große Anlagen vcrrathend, widmete ihn sein Bornnind, «in Geistlicher, dem gelehrten Stande. Rächst der Medizin, der er sich vorzüglich widmete, kultivirte er auch die Philosophie, freilich jene Philosophie, die in ganz Spanien damals die einzige war, und die, wie ans seinen Schriften erhellt, größtenthcils anS scholastischen CophiSmen und spitzfindigen Kontroversen bestand. Cr zeichnete sich auch wirklich in diesem stäche der Gelehrsamkeit so vortheilsiaft auS, daß er bald nach Beendigung seiner philosophifchen Studien, Lektor der Metaphisik an der Universität zu Calamanca wurde. Kurze Zeit darauf ließ er sich in Alcala promovirrn und erhielt den Doktorhut mit vieler Auszeichnung und in sehr schmeichelhaften Ausdrücken. Der Ruf seiner Geschicklichkeit alS Arzt ward in kurzer Zeit fo groß, daß Philipp IV., König von Spanien, ihn zu seinem •) lal tat f«»kta Kctta« Fisch«'». geknechtete Gemeinde gleichgiltig lassen, wer sich znm jüdischen Primator aufwirft und von wem sie dominirt wird. Die Clique verstand eS gar meisterhaft, die schwache Seite der bloßen Geschäftsinteressen hingegebenen Gemeinte und den Moment der allenthalben herrschenden Zerwürfniß zu benützen und schwang sich mit akrobatischer Anmaaßung auf das Seil, welches von dem kultuellen Punkte dem Scheine nach ausging, aber den politischen Punkt zum Ausgangspunkt gcmuymen hat. Es wird sich wol gewiß Niemand, der ehrlich zu denken gewohnt ist, der Meinung anschließen, die Herren Diencr, TedeSco, Raudnitz als die Götter der großen Völker mit den Herren Schitz, Fischel, Schwaab, Singer den Göttern der kleinen Völker hätten au« purer Hingebung zum In« denthume und reinster Liebe zur Gemeinde, die kurulischen Stühle der jüdischen Gemeindestubc in Beschlag genommen, man wird wol wissen, daß diese Männer in ihrer Nichts , fag«den Bedeutung zur Geltung kommen wollten, die sie nur einzig in der jüdischen Gemeindevertretung erlangen konnten, wenn sie die Mittel und Kraft besäßen, die einmal in zudringlicher Weise errungene Position sich nicht erobern, und so die Gcmeindemitglieder an dem Gedanken gewöhnen Leibarzt mit einem sehr ansehnlichen Jahrgehaltc ernannte. Aber kaum hatte er einige Jahre diesem Posten vorgcstandc». als er Spanien verließ und nach P^ris ging, ivohin Ludwig XIII. ihn als Leibarzt berufen hatte. Dieser, von seinen vielseitigen Kenntnisten durchdrungen, rmpsing ihn mit vieler Güte, überhäufte ihn mit Geschenke», nnd verlieh ihm de» Hofrathdtitrl. Er bekleidete diesen hohen Posten lange Zeit mit vielem Ruhm, bis er, des damit verbundenen Zwangs müde, diese Stelle niederlegte und nach Toulouse ging, wohin er als Profestor der Arzcnciwistcnschasl berufen wurde. Rach einem Aufenthalte von mehrcrn Jahren verließ er diese Professur und ging »ach Sevilla, seiner Vaterstadt, zurück, für die er innucr besondere Vorliebe und ungenirine Anhänglichkeit hatte, und welche auch um so gegründeter waren, da sich seine Familie nnd seine Jugendfreunde, die er sämmtlich zärtlich liebte, in dieser Stadt befanden. Aber der Zustand, in dein er sich in Ansehung seiner elter. lichen Religion befand, verbitterten ihm nicht wenig die Freuden des LcbcnS und trübten in keinem geringen Grade die Stunden seine- Daseins. Ja. in vollen Zügen mußte er den Kelch der Leiden leeren, indem eS ihn bei seinem frommen Charakter und bei seiner religiösen DenkungSart nicht wenig schmerzte, die Gefühle srineS Innern stets verbergen und dir Empsindunge» seines Herzens immer verheimlichkn und verläugne» zu wüsten. — Schon in seiner Jugend, alS feine Eltern und Lehrer ihm heimlich vertraut hatten, daß er aut dem Stamme Israelsei, äußerte er seinen Unmuth, die stundamrntalgesetzr der mosaischen Religion nicht erfüllen zu können. ,Rein.* sagte er oft zu sich selbst, „nein, ich will nicht länger meinen Gesinnungen Zwang anthun, tch

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