Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 22 (27.5.1870)
- Date
- 1870-05-27
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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211 orthodox, wie die Neologen, „neolog" jiit nennen sind. .Die Orthodoxen sind au- Krakehlsncht, au- Furcht, ewerde ihnen die altmodische Herrschaft an- Händen gewunden, orthodox, aber sie sind nicht, wie der Begriff orthodox verlangt, rechtgläubig, sie haben einen unau-gebildeten, inkonstanten Charakter, der DcrnunftSprincipien nicht zu^äßt. Um Pijntim und Jozeroth wird eine förmliche Rauflust entfaltet, und so eS sich um den eigentlichen Kern der Religion handelt, wird er zerschmettert. Während die Orthodoxen aueiner Synagoge flüchten, weil in ihr der Gottesdienst in einer verrdelteren Form reconstruirt wird, laufen sie in andere Gotte-Häuser, um sich nur an eine witz- und dao wot reiche Predigt zu dclektiren, während sie in ihrem eigenen Bethhause eingeschmuggelte Ballast ähnliche Gebete sortlciern lasten, ohne auf da- Verständnis; Rücksicht zu nehmen, dader großen Masse abgeht, ohne die ermüdende Länge de- Gotte-dienstein- Auge zu fasten, retiriren diese orthodoxen, Augen verdrehenden Frömmler in inprovisirte Miniatursynagogeu zum Mcrgengottc-dienst in der Meinung, der liebe Gott sei zeitlich früh am sichersten zu sprechen, sich wenig kümmernd, ob die Bethäuser dann leer stehen, wenn nur der Vorbeter die Pijutim herunterorgelt. So verlangen die Orthodoxen, daß man orthodox sei, sie selbst aber sind nicht Andereals Zerstörer und Wegelagerer einegesunden Fortschritte-. Prag hat somit keine Orthodoxen und wer von der Ansicht der Existenz solcher au-geht, der ist in der That im Jrrthume befangen. Nicht bester verhält esich mit den sogenannten Reformern oder Radikalen der Prager Juden. Diesen fehlt jeder Grundzug einer gesunden Methode oder einer irgendein Ziclverfolgenden Richtung. Jeder einzelne der Prager Reformer will nur für sich die Reform, alleandere muß orthodox sein. Er entweiht den Sabbath in jedweder Weise, schämt sich rin rechtgläubiger Jude zu sein, verlangt jedoch, daß der Rabbiner ein Kapuziner, der Prediger rin A-cet sei, daß die Jugend viel Hebräisch lerne, gleichzeitig aber auch frühzeitig lerne, egerade so zu machen, wie cder Herr Papa mache, wie er im Bethhause die Brust au-klopft, damit der Staub der Sünden sich um so schneller verflüchtige, wie er in'- Gotteshaus eilt, um bald berauSzukommen, weil ihn der Beruf dazu aufiordcrt. Der Prager jüdische Reformer hält viel auf GötheS Worte; „Doch gib dem Ding' nur äußeren Schein, dann wird ehoch geachtet," und bekundet er zumal feine Reformsucht bei Leichenbegängnissen. Dastärkste Contingent zu d>esrn„Refornier"Heißeuden liefert die wohlhabendere Klasse und kanm beginnt Einer auS dem pekuniären Ei zu kriechen, da wird er um allen Preis grundsätzlich oder nicht grundsätzlich ein „Aufgeklärter." Beten klingt ihm dann lächerlich und nur der Arme ist in seinen Augen bestimmt, religiös zu sein. Der Präger jüdische Reformer ist, um apodiktisch zu sprechen. religion-loS und hat mit dem Orthodoxen dagemein, Allcs zu zerstören und nichts aufzubaucn. Der sogenannte orthodoxe Jude vom bärtigsten Rabbiner angrfangen bihinunter zum kahlen Jesuiten, gibt der reicheren Klasse Absolution für jedereligiöse Vergehen, wenn rrsterir nur seine Rechnung dabei findet, von den sogenanntem Prager jüdischen Reformern trägt sich jeder Einzelne nach einem eigenen religiösen Modrjournal und räsonirt, wenn ihm sein im ReichthumKonkurrenz machender Nachbar aufgeklärt erscheint. Unter solchen Umsländen läßt esich leicht erklären, daß man zwischen zwei solchen possierlichen Richtungen nicht die Balance und die rechte Mitte halten, somit von einer Mittel- Partei auch nicht die Rede sein kann; auch steht nicht zu erwarten, daß der Zeitpunkt bald hrranrücke, in welchem der religiöse EntwickelungSproeeß vor sich gehen werde, da der JndifierentiSmuS so sehr um sich gegriffen hat, um nicht einmal die eine oder die andere Partei zur Besinnung kommen zu lassen. 8. Prag 22 Mai. (O.-K.) Ohne Ihnen, geehrter Herr Redakteur, erst gestehen zu müssen, daß Sie mit dem Artikel über den jüdischen Steuer- Humbug der Repräsentanz, so zu sagen, den Nagel auf den Kopf getroffen haben, finde ich noch zu nieinem Bedauern, daß Bieleübersehen wurde, welches eigentlich de- Pudel- Kern bildet. Man pflegt hie und da die Steuerkommistiou damit zu entschuldigen, daß sie den hohen EeusuS nicht zu verantworten hat, indem ihr von der Repräsentanz da- Präliminare vorgelcgt wird. Ganz richtig« Ich spreche aber hier nicht von der Umlage, sondern von der Art de- Umlegen- und diese hat nur in folgendem ihren Grund. Die Repräsentanz, die bekanntlich solche Individuen in die Som- Missionen ernennt, welche ihr Dienste erwiesen hat, gleich jener Regierung, die auch jede Dienstsertigkeit zu belohnen wußte, geht mit der Steuerkommistiou Hand in Hand und leiht manchem Gemeuidemitglikde ein gute- oder rin schlechtes Wort an, je nachdem. Dagegen weiß die Steuerkommistion, deren Mitglieder zuweilen in maaßgcbeuden Kreisen keiner Beachtung sich erfreuen, sich wenigstenin dem Amte einejüdischen Krähwinkels überglücklich zu fühlen, die Repräsentanz zu schonen, um ihr nicht wehe zu thun. So zahlt Se. repräsentanzliche Gnaden Herr Dr. TedeSko nicht mehr al- Einen Gulden EultuS- und 30 Kreuzer Anschlußsteuer, trotzdem Se. repräfentanzliche Gnaden Lande-ausschußbeisitzer ist, womit der Jahre-gehalt von 2100 fl. verbunden und seit neun Jahren Landtag-diätkneinstreichcr ist. Man wird mir einwenden, Se. repräfentanzliche Gnaden Herr Dr. Tede-ko sei gehaltloser Vorsitzende der Cultu-gemeinde. Aber mein Gott! wer hat diesen edlen Herrn gezwungen, überhaupt Mitglied der Repräsentanz zu sein, kann denn die Gemeinde dafür, wenn sein Schwager der Anton eso haben wollte- und Se. repräscntauzliche Gnaden HerrDr. Tedc-eo dicWähler förmlich haranguiren ließ. Wenn Sc. repräfentanzliche Gna-. den Herr Dr. Tede-co gar nichtzahlen würde, würde eS Sr. repräfentanzlichen Guaden weniger üble Nachrede bereiten, da aber Sr. repräfentanzliche Gnaden nur Einen Gulden Eultu-steuer zahlt, um da- Wahlrecht tm Krähwinkel zu genießen, so ist bei dem Umstande als Se. repräfentanzliche Gnaden Herr Dr. Tede-co jährlich 12 Gulden für das deutsche Casino und Allewas noch dran und drüber hängt hinauswirft, die Ziffer von Einem Gulden etwas zu niedrig gegriffen. Sollten jedoch Se. repräsentanzliche Gnaden Schicklichkeir-gründe hiezu veranlassen, so wird eü wohl jeder Vernünftige für nicht schicklich finden, wenn das Oberhaupt einer jüdischen Gemeinde eine so geringe Eultu-steuer zahlt. Dann ist edoch besser und artiger, wenn Se. repräfentanzliche Gnaden Herr Dr. Tede-co gar keine Kultussteuer zahlt. Seine zweite repräsentanzliche Gnaden Herr Jur. Dr. Randultz in gesegneten Umstünden, wenn ich seine Advokatcupraxi? so nennen darf, ein Mann dessen Vermögen-Verhältnisse. dein Steuerkommissür hiureichentc Anhaltspunkte geben würden, ihn wenigstenin die 17. Steucrgruppe zu rangircn, zahlt bloß 15 fl. Eultu-steuer. Wenn man nun berücksichtigt, daß Se. repräsentanzliche Gnaden Herr Dr. Raudnitz zu diesen Milderung-gründeu, noch den einen Grund aufzuweisen hat daß er Gattin- und Kinderlos ist, so geschieht, doch gewiß manchcm anderweit weniger Begüterten aber desto Sprostenreichern in der Besteuerung ein bedeutende- Unrecht. Nicht anderverhält e» sich mit den Steuerkommistäic» selbst, jeder von ihnen sucht sich die Cteuei last zu erleichtern und bei dem eine Einwendung zu auffallend wäre, da müssen wenigstendessen Brüder die hohe Stellung der Finanzprokuratoren genießen. Ah! ich sage Ihnen, da» sind allerliebste Leute diese Herren der Steuerkommistion, betrachten Sie jeden derselben genau, auf ihrem Gesichte steht förmlich die Frage geschrieben: Nicht» Steuer-Baarr»? So wird die Geschichte trotz der letzten Anschlußrate svrtgrhcn und ich könnte ein Unzahl von übermäßigen Eultu-brstrueruvg--Fällrv anführen, wenn ich mir die Mühe nehmen wollte, sie zu reaistrirev, doch wozu ihrer, weiß doch Jeder am Besten, »a ihn der OOntz am meisten drückt. —- —8*** . 22*