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Die Gegenwart · 1870-05-27 · 22 (27.5.1870) · p. Seite 212

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
22 (27.5.1870)
Date
1870-05-27
Page
Seite 212 (sequence 4)
Language
German
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212 Leipzig 19. Mai. Gestern hielt der hiesige Verein für Anthropologie eine zweite versammlunz »b. Nachdem der geschäftliche Theil erledigt und eine Anzahl neu angemeldeter Mitglieder für auf» gmommen erklärt worden war, führte Dr. Obst seinen in ver ersten Versammlung abgebrochenen Bortrag über die Aufgabe der heutigen Anthropologie za Ende. Redner ist der -lulcht, daß vergleichende Anatvmie und Sprachwissenschaft, die gegenwärtig um die Hegemonie auf dem Gebiete der Menschenkunde streiten, gleich wichtig und fruchtbar für diese Wissenschaft seien und ineinander greifen müssen. Nur mäste der anatomische Theil vorläufig schärfer betont und sorgsamer gepflegt werde», da er bisher der vernachläffigtere sei. Aach gewinne man durch Erforschung der physischen Natur der Menschen, Völker und Raffen eine Grundlage, welche die Sprachforschung nimmer geben känne. Der Beharrlichkeit derSchädclformen und einiger anderer physischer Kennzeichen gegenüber habe die Sprache, die fa freilich auch ein nach gewissen Gesetzen sich entwickelnder Organismus jti, etwas Flüssiges und Veränderliches; der durch Rücksichten, Umgebung oc. bestimmte freie Wille habe auf die Entwickelung der Sprachen einen unberechenbaren Einfluß. Redner weift nun an verschiedenen ethnographischen Beispielen nach, wie gewisse physische Eigenthümlichkeiten und Merkmale sich erhalten können, während die sprachlichtu schwinden (so bei den Juden, bei vielen slavischen Völkerschaften, bei Wallachen x.) Unfehlbar sei also der liuguistische Weg nicht, oft würde sogar der anatomische allein oder doch zuerst zu irgend einem Ziele führen. Während des Vortrags ließ der Redner den anatomischethnologischen Atlas von RetziuS herumgehcn, der in der That manche seiner Ausführungen vortrefflich illustrirte. In der nun folgenden Debatte berichtete ein Herr, der sich längere Zeit in Rußland aufgehalten (und dessen Name unS entfallen ist), über dir dort lebende Seckle der „Sobotni" (Sabbatlcute), die slavischen Ursprungs, eine große Anzahl jüdischer Bräuche angenommen hat. vr. Baudck theilt einiges zur Berichtigung und Ergänzung über die vom Vortragenden berührten Karaiteu, eine jetzt größtcutheils in der Krim seßhafte jüdische Scckte, mit. vr. Ploß verwahrt sich dagegen, als ob, wie vr. Obst auznnehmen scheine, die Descendenz des Menschen von einer Affenart die nothwendige Eonscqucn; der Darwin'schcn Lehre sei; dies sei vielmehr noch immer eine unerwiesene Hypothese. Professor vr. Leuckart ist der Ansicht, daß nicht die Dcsccudcn;, wohl aber die Blutsverwandschaft deö Menschen mit dem Affen für einen Darwiniancr eine ausgemachte Thatsache sei. Ergeht hierauf zum letzten Gegenstände der Tagesordnung, zu seinem Dortrage über deu menschlichen Schädel über. In kurzer, aber ungemein anschaulicher und lehrreicher Rede weist er nach, wie sich alle jene Verschiedenheiten, die uns bei Jndividuen, Nationen, Rasten in Bezug auf Schädelbildung ' entgrgentreten^ auf gewisse Eigenthümlichkeiten der Snturcn (WachSthumSränder oder Nähte) und ihrer Entwickelung zurückführen lassen, und wie durch die verschiedene (kräftige oder schlaffere, schnellere oder langsamere) Arbeit dcS Suturenwachsthumdie Verhältnisse des Schädels überhaupt und des Gesichts iusbcsondere, also in letzter Instanz auch die geistigen Eigenthümlichkeiten der Menschen bedingt werden. AuS diesem Vorträge wurde den Hörern in der That klar. daß der Schädel heut; nicht mehr wie im Mittelalter die traurige Mission hat, ein abschreckendes Bild des TodcS zu dienen, daß er vielmehr eine wichtige und gern gesehene Grundlage kür die Erkcnntniß des Lebens zu werden verspricht. New-?)ork, Mai 1870. E» scheint, daß die amerAanischen Rabbiner ihr letztes Pukver bei und an der brrühmttn Philadelphia, Couseren; Derschotzrn haben, und seit dem Fiadko, welches sie damit Kaacht, total etngefchlafen find. Wenigsten« spricht die Welt tweniß »an ih«e» und wir finden e« weder in unserem Berufe, noch im Interesse de« Judenthnmr« sie in ihrem Schlafe zu stören. Die hiesige, Judeufchaft hat jetzt wirklich an andere Sachen zu denken. Unsere Brüder in Europa haben uns eine Ueberraschung bereitet, indem sie unZ Schiffladungen mit russischen Juden herüberschicken, welche dem mildthätigen Theile unserer Judenschaft — und zn diesen gehört bei weitem der größte Theil — viele Sorgen bereiten. Was soll mau mit ihnen thun? Der größere und einflußreichere Theil der jüdischen Presse, der die hiesigen Verhältnisse kennt, hat aufs Eifrigste gegen solche Massencinwanderunz vrotestirt, während gerade diejenigen, welche am wenigsten thun können und thun wollen die Sendungen ermunterten. Jetzt haben wir die Bescheerung, und eS sind jene, welche am meisten protestirten, welche mit Rath und That den Eingewanderten zur Seite stehen, und da die Reformrabbiner sich um diese LiebeShandlungen wenig kümmern, müssen wir es um so mehr lobend hervorheben, daß Mitglieder der Reformgeineinde mit denen der orthodoxen Schule Hand in Hand gehen, um daö Elend zu lindern. Der Staat hat auf einer Insel — Mards Island — Gebäude errichtet, um mittellosen Emigranten clnstw.'lligen Aufenthalt und Unterstützung zu geben, bis deren Freunde sie mit den nöthigen Reisegeld versehen, um sie in das In« ucre. zu schaffen oder dieselben anderscitig versorgt werden. Nun hat daS Comite für die Unterstützung der russischen Juden von den Staats-Eommissären für Emigration einen Theil dieser Gebräuchlichkeit großmüthig zngewcesen bekammen, um besondere Küchen schon für die zu erwartenden Gäste einzurichten und diese unterznbringen. bis sie weiter geschafft werden können. Obwohl diese Unterstützung von Seiten de« Staates schon etwas hilft, so ist doch noch viel zu thun, und das Comite hat einen dringenden Aufruf an alle Gemeinden in den Der.«Staaten erlassen, um Hilfe zu erlangen. Es braucht Ge,d, viel Geld um von hier nach dem Westen zu reisen, und dahin kann man die Ariuen nicht schicken, ohne Mittel sich zu ernähren. Doch Gott wird helfen, und Mancher dieser armen Einwanderer, den die Barbarei, welche noch eine Stätte auf europäischen Boden findet, - von seiner Heimalh vertrieben, dürfte in wenige» Jahren unter dein Segen socialer Freiheit es zn einer hervorragenden Stellung bringen. „Alles schon dagewrsen." — Es wird sie gewiß überraschen zu erfahren, daß die Tempel in Paris, Berlin, Wien u. w. nichts als Dorfkirchen verglichen mit einer großstädtischen Eathedrale sind, wenn man sie den Tempeln Cincinnatis, der großen Stadt im Staate Ohio, einer der Bereinigten Staaten in Nordamerika, wo da die berühmten Prediger Wife und Lilienthal den Gottesdienst arrangircn, an die Seite stellt. So zn lesen in einer der jüngsten Nummernder „Dcborah" einer deutschen Wochenschrift, herauSgcgeben von Dr. S. M. Wise. In dem englischen Blatte, welches zur selben Zeit und von demselben Redakteur herausgegeben wird, erscheint in dem Leitartikel die Aufforderung an alle Gemeinden Amerikas, Europas und anderen Theilen der bewohnten Welt Delegaten nach Eincinnati zu schicken, um von der hohen Feierlichkeit des dortigen Gottesdienstes, Einsicht zu nehmen und dieselbe nachzuah.nen. Ich hätte Ihnen gerne wahre Auszüge zur Unterhaltung Ihrer Leser geschickt, aber mein kleiner Knabe wollte sich eine Hanswurstkappc aus Papier machen und ich hatte ihm erlaubt, diese beiden Zeitungen dazu zu verwenden, da sie so ausgezeichnet dazu paffen. 8. Wochenchronik. V Sterdefall. Am 21, d. M. verschied der als Industrielle hervorragende Herr Mose« Edler von Portheim im 89. Lebensjahre. Seine Biographie unterscheidet sich sehr wenig von der seine« im vorigen Jahre verstorbenen Bru«

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