Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 22 (27.5.1870)
- Date
- 1870-05-27
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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210 »o die Interessen der Juden geschädigt werden könnten, dttsekbe' „Alliaoee laraelite Universelle0, die da einschreitet, wo die Juden in mittelalterlicher Weise verfolgt und wie ein wildes Thier gehetzt werde«. U>d wer steht an der Spitze diese« humansten aller jüdischen Vereine der Welt? Erem i - u i! Crrmieux klingt der Nähme weit und breit, ja selbst da, wo sich blinder Fanatismus und religiöser Jndiffercntismus begegnen, an keinem Fleck der Welt ist der Name Crcmieux unbekannt. Und wissen auch diese für gute- Her; und Ge. müth „ausgezeichnet" sein wollenden Biedermänner wer Crctnuus ist und waS Cremirux für die Juden geleistet? Erinvern sie sich noch der DamaSkuSaffairc, wo lausende Juden einer bloßen Beschuldigung zum Opfer fallen sollten, schwebt ihnen die Mission jene« edlen jüdischen Patrioten nicht in einer Art Apotheose vor, in der ihn die verfolgten rumänischeu Juden und bleiche, abgezehrte Männer- und Frauengrslalten in» rusiischrn Kaftan umgeben, um ihrem Schützer und Befreier den Segen zu spenden? Ein Wink de« unvergleichlichen Prcmlcit* sollte einem Heroldrufe gleichen, dem Tausende seiner Glaubensgenossen folgen sollten, um in Er süllung eine« so edlen von dem edelsten der Juden ausgesprochene,, Wunsches, auf dem Altäre die bereitwilligsten Opfer zu bringen. 2u unserer eigenen Schmach müssen wir unS von der Prager jüdischen Vertretung wegwendcn, nachdem sich in'ihr nicht ein einziger gefunden hat, der den Aufruf der Alliance lsraelitc Ünivcrselle“ zur Sprache gebracht, nicht ein einziger von den Männern, die so gerne mit der Trommel rühren, wenn sie einmal in die Tasche greifen, um an dem Kopfe eines Tagbla,tes gesetzt zu werden. Wir wenden uns sonach an die löblichen EultuSgemeinden in Böhmen, weil wir überzeugt sind, daß die kleinste Gemeinde opferwilliger ist als die Prager Jsraelitcngemeindc, die ein Heer eigennütziger und ehrsüchtiger Geldaristokraten unterhält. Sic die israelitischen Gemeinden in Böhmen mögen die Worte des Ausrufs beherzigen, die Quelle heilig halten, der er crstannnt und Crcmieux. den Stolz de« Judenthums, hoch ehren; denn der Ercmicux gibt es leider wenige. Was sind die Juden diesem Manne, dem Retter derselben in Roth und Gefahren, dem Bcrthcidigcr de« Recht« und der Civilifation. dem Förderer der Wisicnfchaft schuldig, welchen u» werde. Laste Drin Gennsscn unparteiischer Richter sei», ob es ge recht ist. da- Du mir und meinen Brüdern eine Rechnung van nah« 15000 Gnldcn vorlegst und da- Veld so leichtfertig vergeu- Lest. Lalkulire i Für da» Vverrabbtnat hast Du seit zwei Jahren 2400 Gulden in» Budget eingestellt, was hast Du mit diesem Gklde grthan, nachdem Du nür doch für dasselbe tcincu Obcrrabbiner gekauft hast? So hast Du auch für die Geincindcbibliothck bereits 1000 Gulden eingestellt. waS geschah mit diesem Heide nachdem die Bücher in Frirdcn beifnmmcn ruhen und des Moderharren'? Du uuterhälst eine ganze Gesellschaft von Schreibern, die mein und meiner Brüder schwcr erworbene- Geld verschlingen mid Du besoldest separat mit 000 Gulden einen Mau», der die Stiftungen verwaltet, Ich. muß Dich Madamchen, anstaunen. nicht min« der muß ich Dich bewundern Deines kalten Blutewegen, sonst würdest Du ja nicht sur 400 Gulden Holz und Licht verbrennen und wa» Deine außerordcntitchr Au-gaben betrifft, die 1200 Gul' den betragen, scheinst Du doch etwahochgcgriffcn zu habe». Also wie kommt edoch Madamchen, daß Du mich nie rcspektirst und immer nur auf mich loSsteurrst. Du bist ja schon alt genug, um Berstand zu haben und'Rücksicht zu übe,,. Denke stetdaran, daß nichtewig dauert, darum sei nicht so kigensinnig und richte den Hau-Halt nach den Bcrhältniffen ein. Ich erwarte von Dir Madamchen, daß Du mriue Rathschlägr dirßmai nicht verschmähst und ich will Dich, so bald Du Dich mir gefügt, zwischen meinen Armen in Ließ« erdrücken. Drin tief gekränkter, sehr besteuerter . . Adoni-. säglichen Dank sind sie ihm schuldig! Darum mögen auch die EultuSgemeinden in Böhmen, den Zweck, verlassene Waisen zu pflegen und zu erziehen, förderen helfen, auf daßsie der Vater aller Witwen und Waisen segne, segne zum Heile bei verwahrlosten verwaisten Jugend, für die die wolthucnde „Alliance Israelite Universelle0 an jedes echt jüdische Herz bittend herantritt. Gibt es in der prager Israeiiten-Gemein-e eine Grthodoreu- oder eine Reform- oder eine Mittel-Partei? Allenthalbm hört man heute von jeder Jsraeliten-Gemeinde sagen, es herrsch:» in ihr mehrere Parteien, die entweder in ihren Religionsbegrisfen oder in der Form der. religiösen Anschauungen divergiren und sich so in absonderlichen Schattirungen von einander unterscheiden. Während die einen an dem Buchstaben der Tradition fest und unerschütterlich halten, und dem jüdischen Codex, Schulchan Aruch genannt, kein Jota rauben, glauben die anderen, die heiligen Vorschriften nicht zeitgemäß zu finden, und den Schulchan Aruch für einen klerikalen zusammengebrauten Unsinn anznsehen, der mit sich den Hemmschuh deS Fortschrittes fortschleppt. Die Mitte zwischen beiden sich gegenüberstehenden Elemente« bildet die sogenannte Mittelpartei, welche zwar nicht Alle« verwirft, aber die Lehren und Grundsätze in homöopathischen Dosen in sich aufnimmt. So lehrt eS dann die Erfahrung, daß, wie es eben die Homöopathie mit sich bringt, die Dosen zwar sehr klein aber oft sehr wirkungsfähig sind, nach und nach die Mittelpartei entweder recidiv wird und zur Orthodoxie znrückkchrt oder rapid wird und in den delirirenden Radikalismus verfällt. Wie sich diese Divergenzen hcrauSzebildct haben, wurde in diesen Blättern schon oft erörtert, und wir brauchen nur auf die in den letzten Jahren sta ttgefundcnen Synoden hinzuweisen, um die Entwickelung jener Gegensätze zu präcisiren. Ander« verhält es sich mit der Frage, ob die Prager Israeliten-Gemeinde derartige Parteien in ihrer Mitte hat oder duldet und ob der Zeitpunkt auf sich warten läßt, in welchem ein solcher religiöser EntwickclungSprozcß vor sich gehen werde. Wer die Zustände in dieser Gemeinde kennt, der bedarf nicht erst einer Ventilation dieser Frage und wird' daS Urtheil gleich gefunden haben; doch da Mancher mit der Phrase herumwirft: „Das möchten gerne die Orthodoxen haben," Mancher widcrum: „Die Aufgeklärten wollen nur zerstören", so muß nothgedrungen dce Gesichtskreis derjenigen geklärt werden, die noch nicht die richtigste Anschauung haben. So wie in kultuellen und selbst kosmopolitischen Angelegenheiten der Prager Jude den Rüsonirschimmel reitet und sich nie cntschloffen und thatkräftig zeigt, wenn es sich um Verbesserung der beklagten Fehler handelt, wenn cs gilt, eine kompakte Maffe zu bilden, um gegen gewaltthätigc Machthabcrci anzustürmen, ähnlich verhält sich der Prager Jude gegenüber den religiösen Zuständen. Der JndifferentiSmus läßt keine zeitgemäße Entwickelung zu, in Komödie und Firlefanz glaubt man dem Zeitgeiste Rechnung zu tragen und so durch Schaugepränge die Welt zu verblenden, während die Dekorationen des Fortschritt heißenden Theaters nichts als ein mit den cckethaftesten Farben bemalter Plunder sind. Der Räsonirschimmel wird über Stock und Stein geritten und so läßt eine Partei die andere in so lange nicht aufkommen, bisie alle in sich selbst zu Grunde g:hen werden. So Mancher gibt sich der Täuschung hin, Prag habe eine orthodoxe und eine Reformsüchtige Partei, ohne zu erwägen, daß diese Parteien bloß auf eine Fiction beruhen. Die Partei, die sich »orthodox" schimpfen läßt, ist in dem Maaße