Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 22 (27.5.1870)
- Date
- 1870-05-27
- Page
- Seite 209 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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WaS dir armen Juden in Westrußland gelitten, wie sie der HuugerSnvth und dem größten Elend preiSgegeben waren, wie der Hungertod die Reihen braver Familien gelichtet hat, ist Jedem hinlänglich bekannt. Die HungerSnoth ist zwar jetzt verschwunden, dagroße Elend hat aufgehört, nachdem die „Allianes Isr. Universelle“ auf die bessere Lage unserer GlaubeuSbrüder in Rußland hingewirkt hat. «Jetzt stehen bleiben," sagt sie, „hieße auf halbem Wege bleiben! In der Mitte dieser Bevölkerung, welche der Hunger dezimirt hat, gibt es tausende Waisen, welche in den Straßen ohne Unterricht, Beaufsich» tigung und Arbeit herumirren. Was soll aus ihnco werden, wenn wir sie nicht in Schutz nehmen? Sich selbst überlaffen, werden sie die Schande ihrer Glaubensgenossen; gut erzogen können sie zu ihrem Ruhme dienen." So findet sie e« unerläßlich, diese armen verlassenen Kinder auden Dörfern, wo sie in Unwissenheit verkümmern, zu nehmen, dieselben in solche Städte zu unterbringrn, wo sie gehörig unterwiesen, sich eine Zukunft gründen können. Bisher hat jene düstere zum Herzen sprechende Glimme noch nicht Eingang gefunden in den jüdischen Gemeinden unseres Vaterlandes; nur Sine einzige glänzt durch daedle Beispiel, da» sie nun ihren Echwestergemeinden zu geben berufen ist. Neustraschitz nennt sich birst beschekbene Gemeinde in einem entlegenen Winkel unsere» Vaterlandes, welche die Israeliten deS uralten Pragbeschämt. Zu Tausenden werden von deren Berttttung fruchtlos hinansgemorfen, mit Ostentation wird von einem Waffrnhaufe gesprnchen, in dem sich nicht mehr akS 12 Waisen befinden, Institute wurden dem Ruine zugesührt, lir da» bluttriefende Selb »er Gemeiudemitgllkder ausgrsogen haben, da aber wo eS gilt, der flehenden Sprache edler Meuschenfteunde Gehör zu geben, sind die großen Herren der Vertretung mit Taubheit geschlagen, gleich jenen Finanzkoryphäen, für die bei einem größeren Opfer im Stillen kein Orden, keine Ehrenadreffe, ja keine Reklame in TageSblättern heraussteht. Weiß denn ober die vom Heroismus de» RichtSthun» beseelte Prager jüdische Vertretung, weiß die jüdische Grandezza aus dem Ghetto Prag» entsprungen, wer zu ihnen in jenem Ausrufe gesprochen hat und für wen gesprochen wurde. Nicht wir, die wir gewohnt sind, von der thatenreichen Repräsrnlanz der Prager Israeliten Gemeinde immer da» Geqentheil von dem zu erwarten, was wir wünschen, nicht für uns wünschen, sondern nurfür die Gesummihrit und ihre Interessen; zn diesen engherzigen Gestalten mit fadenslbest nigen WohlthätigkeitSfinne hat' die „Alliance israelite Universelle“ gesprochen, jene Allianz, die überall da eintritt. FkuUlklon. Gin Liebesbrief an die pepräsrntau). Meine uiigchcuchrltr Liebe zu dir. diltirt mir Worte in die Feder, die aus der tiefsten Tiefe meine» Herzens kommen, Worte ungefärbt und natürlich, mir sie von einem naiven Scmüthe zu erwarten sind, da» sich zum ersten Male erotischen Liebeeergüffen hingibt. Du gehörst, meine Liebe, mit all Deinen Schönheiten und Auswüchsen zu den lieblichsten Schöpfungen, die nicht einmal der holde Lenz erzeugt. Du sprichst doch so viel und nic schenktest Du mir eine Aufmerksamkeit, die doch ein Liebender in grrcchtrr Weise zu erwarten hat. Immer nur litbäugelst Du nach Außen hin und läßt Dich vom eitlen Flitter der Welt bethörrn, jagst allerlei Ehrensächrlchen nach, ohne den wahren Werth drr Lieb« zu beherzigen. Sieh' einmal, wie Du Dich breit machst und beurtheilr dat Wesen, da» Du Dir in Deiner Loge selbst cinbildrst. Ist nicht ünr so verschmähte Liebe mit Undank zu bezeichnen? Mich, der ich Dich zu dem gemacht, waß Du bist, verläugnrst Du. mich kränkst Du s« sehr? Nicht in den Tartarus mögest Du hlnabsttlgsn wo fhtffere Nacht herrscht, nicht sollst Du zum Stix hin fahren, „eint mein Gemüth, dav so sehr von dem Teibnt gedrückt ist. den ich auf dem Altar deS SultuS opfere und gerne zu opfern bereit bin. wenn rr drn Leistungen entspricht, sollst Du beschwichtiget. Küsten will ich Dich nicht, weil Du mir nicht gefällst, schätzen will ich Dich dann, wenn Du am Schlüße de» Jahres Bitanz machst und Du dir in daß Budget deine» Album» ährrstüstig einqezrichnetrn Posten mir zu Gute bringst. Steh, meine Traute, einst liebte ich Dich bi» zum Sterben, als Du noch meinen Glauben hoch htelst. für mich und meine stiemen sorgtest, einst zerstoß ich in Theänrn — denn damals ezistietefl Du noch nicht und da» mar meine Wonne! Die könntest Du auch Anspruch machen aus meine Liebe, wie könntest Du nur den Gedanken fastm, tn meinem Herze» ein bescheidene» Plätzchen etnzunrhmrn. nachdem Da mir stet» in die Tasche stehst und hlneingretsst mit einer' estnischen Freiheit. Glaubst Du. ich sei rin verwegener Don Anan. daß Du mir vaech Deine Bettrauten nachspürrn läßt, mir viel Semmel ich beim Frühstück genossen, ob und wie virlmal ich »a»' Schauspitlhau» best,che, ab ich mich fathionabke oder in Lbnme tstibe, ob ich «Met» darbenden HauSknecht einen Gvldnr mehr Zubuße gebe. Geh' Madamchen. Du darfst Dich um solche Dinge nicht kümmern. Du mußt auf Dich selbst schauen und bedenken, wat mich meine übrigen Anbeterinnen kosten, wir ich van allen Seiten tn Anspruch genommen