Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 21 (20.5.1870)
- Date
- 1870-05-20
- Page
- Seite 206 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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206 i \ Hie gezwungen waren, sich vor der mit Knütteln, Messern und Revolvern bewaffneten, größtentheilS aus Fremden und «o- Eisenbahnarbeitern, welche zu den Feiertagen in die Stadt gekommen waren, bestehenden Menge zurückzuziehen. Rach zwei Stunden der Agitation und der Verwüstung hörten die Ruhestörer von selbst auf. Um die Ruhe wieder herzustellen, wurde augenblicklich aus dem, Lager von Furceni Militär requirirt. Die Rächt ging ruhig vorüber; am andern Morgen begann das Parket die Instruktion zur Herstellung des ThatbestandcS. Aus dem Lager von Furceni werden nur 60 Mann gesendet; die in Fokschan liegende Geniekompagnie konnte nicht hrrbeigezogcn werden, weil der Szercthfluß ausgetreten war. Als die Ruhestörer sahen, daß keine weitere bewaffnete Macht requirirt wurde, erschienen sie Abends wieder auf den Strassen und setzten ihr VerwüstungSwerk wie Tags vorher fort. Das Militär hatte keinen Befehl, von seiner Waffe Gebrauch zu machen und beschränkte .sich darauf, die Sommationen der Lokalbehörde zu unterstützen. Aus den ersten Informationen geht hervor, daß jene Ruhestörungen vorbedacht und auch in anderen Orten, namentlich in Sticore-ci beabsichtigt waren und in Tecuciu von fremden Individuen mit einigen heimatlichen Ruhestörern, die jedoch gar kein Gewicht in der Gesellschaft besitzen^ ^»»-geführt worden. Die Regierung hat, heißt eS weiter, an die Präfekten in der Moldau die strengsten Weisungen _erlassen, jeder -weiteren Ruhestörung rücksichtslos entgegeu- .zutreten. Bisher sind vierzig Individuen — darunter kein einziger Einwohner — verhaftet worden. Das Amtsblatt bemüht sich, die Sache so darzustellen, als wenn die Judenverfolgungen lediglich von Fremden geschürt würden. Dem entgegen braucht man einfach auf die Kammerverhandlungcn über die Iudensrage hinzuweiscn und die Haltung der hiesigen Presse in derselben Frage in'S Auge zu fassen. Acht zum Tode verurtheilte Juden freiges.p rochen. Im vorigen Jahre ereignete eS sich, daß in Sa- «oscht, einem Städtchen in Russland & Juden zum Tode . verurtheilt wurden, weil sie nach Behauptung einiger russi schen Offiziere die KriegSkosse geraubt hätten. Die Verwandten der Vcrurtheiltcn kamen nach Lemberg, damit man von hier aus Schritte unternehme, um bei den russischen Behörden eine nochmalige Untersuchung dieser Angelegenheit zu bewirken. Sr. Ehrwürden der Prediger Löwcnstein nahm sich der Sache sehr warm an, schrieb gleich wegen diesem Falle an die Alliance Israclite in Paris. ■?: .man) (trän so wie auch ein Bittgesuch an die russischen Behörden. In diesem Gesuche, das wir zu lesen bekamen, war mit seltenem Scharfsinne die Unschuld unserer 8 unglücklichen Glaubensgenossen nachgewicscn. Das Bittgesuch hatte auch ihre Wirkung nicht verfehlt, es wurde eine abermalige Untersuchung angeordnet, ilnb sämmtliche 8 zum Tode verurtheiltcn Juden von dem ihnen angedichteten Verbrechen freigesprochen, und als ganz unschuldig erklärt, wie wir es aus einem an Rabbiner Löwenftein gerichteten Dank- «hreibcn von Samofcht erfahren. (Lemb. I.) Madrid. Die berühmte Alhambra wird ein Museum für arabische und jüdische Antiqnikäten aufnehmen, wie sie bisher auf der spanischen Halbinsel meist in Klöstern zerstreut }ind. Der Wohlfahrts-Minister Echegaray hat diesfalls pertnlick in Granada die geeigneten Verfügungen getroffen. New-siork. Gemeinde Ahawath Ehefed. (Ecke 4 Str. JL Ave. £). Am letzten Sonntag den 24. v. M. fand in dem Sitzungszimmer dieser Gemeinde die jährliche General- Versammlung de»selben statt. Diese Versammlung, von dem besten Geiste beseelt, hat weittragende endgültige Beschlüsse für daweitere Aufblühen der schönen, seit wenigen Jahren Io erstarkten Gemeinde, gefaßt, und war wobl eine der wichligsten, welche seit längerer Zeit abgehallen wurde. Einstimmig ward die schon so lange gefühlte nothwendige Verlegung, des Gotteshauses dieser Gemeinde nach der östlichen Seite der oberen Stadt beschlossen und der Ankauf von 10 LotS mit 100 Fuß Front nach der Lexington Ave. und 140 F. .nach der 56. Str. hin gelegen — eine der schönsten Lagen der Stadt — für den billigen Preis von 65.000 Dollargenehmigt. Dajetzige Gotteshaus soll seiner Zeit anderweit verkauft werden und dürfte eine andere kleinere Gemeinde wohl daran thun, dasselbe zu kaufen. Bei der Neuwahl der Beamten wurde der bisherige Präsident Herr Ignatz Stein zum zwanzigsten Mal — was gewiß in Amerika eine große Seltenheit ist — wieder zum Präsidenten gewähltworden. (Hebr.) M i s c e l l e n. X (Schochct als Mnsiklicbhaber.) Der Giftmörder Schochct, dessen Verurtheilung zu 18 Jahren schweren Kerkers bereits rechtskräftig geworden ist und der demnächst in eine Strastanstalt abgeführt werden wird, hat an seinen Vertheidiger Dr. Singer folgenden Brief gerichtet: Herr Dr. S in g er! Vertheidiger in Strafsachen, hier. Geehrttr Herr Doktor! Entschuldigen Sie mir, daß ich Ihre Güte so oft in Anspruch nehme und mir erlaube. Sie höflichst zu .ersuchen, auf meine Violine nicht zu vergessen. —Sie befindet sich beim Hof-Instrumentenmacher in der Kärtnerstraße Nr. 40. Ich habe einen neuen Bogen zu 1 fl. 50. kr., einen neuen Sattel, höchstens 20 bis 30 kr., und vier Saiten (e, s, d, g) bestellt. Das Ganzr^kmm auf 2 fl. zu stehen kommen. Die Violine befindet sich schon sieben bis acht Monate daselbst, und auf die von Herrn Heidenthaler gerichtete Anfrage wurde bestätigt, daß ein Iosefiner selbe zum Machen übergeben. Wollten Sie, Herr Doktor, die Güte haben, sobald als möglich die Violine übernehmen und mir selbe beim Herrn k. k. Lan-. deSgerichtSrathe übergeben; die Violine bleibt hier im Deposito und ich glaube kaum, daß mir die Violine von , irgend Jemanden gepfändet werden kann, da ich sie als Geschenk erhielt und selbe bereits seit längerer Zeit rechtlich besitze. Anschließend erlaube ich mir, Sie Herr Doktor, zu bitten. Sie möchten die Güte haben, mir noch einige Sai- , ten zu kaufen, auf daß ich wenigste»- zwei in Vorrathe habe. — Sie haben mir auch versprochen, mit Herrn Dr. M ... S zu sprechen, vielleicht hat er irgend alte medici« nische Bücher. Sprechen Sie auch Hrn. Dr. Markbreitcr. Cie erweisen mir damit eine unendlich große Wohlthat. Vielleicht befindet sich in Ihrem Besitze eine Weltgeschichte, die Sie nicht benöthigen. Entschuldigen mir, Herr Doktor, wenn ich Sie höflichst ersuche, ob es Ihnen nicht möglich wäre, mir eine alte Kleiderbürste, Kopsbürste, Zahnbürste und eine Zahnpasta und eine Seife zu schenken. Ich werde Sie höflichst ersuchen, mir diese Güte so bald als möglich zu erweisen. Indem ich Ihnen, gerhrtester Herr Doktor, momentan nur meinen innigsten^Dank für alle Ihre Güte und Ihren Beistand ausdrücke, zeichne ich mich mit ehrerbietigster Hochachtung Wien, 7. Mai 1870. Moriz Schochct." X (S ch o ch c t'S Gnadengesuche.) Wie wir erfahren, hat Moritz Sckochrt trotz der beiden gleichlautenden gerichtlichen Erkenntnisse seine Hoffnung auf Begnadigung noch nicht aufgegebcn. Vor Kurzem erschien bei Schochet über dessen Bitte der Prediger der hiesigen jüd. HultuSgemeinde Dr. Iellinek im LandcSgerichte. Schochct bat ihn um seine Fürsprache beim Kaiser. „Glauben Sie, daß der Kaiser einen Mörder begnadigen wird?" meinte der Prediger. „Ich bin kein Mörder, ich bin unschuldig." lautete die Entgegnung Schochet'S, während Iellinek erwiderte, daß diese Behauptung Angesichts der Verurtheilung Schochet'S durch zwei Instanzen einer Blasphemie gleichkomme. > Run bat Schochet den Dr. Iellinek um Bücher, auf welche Bitte der Predjgep ungefähr bemerkte, daß es ihm sonderbar erscheine, daß schochet so verschiedene Persönlich- Fortsetzung in der Beilage.