Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 21 (20.5.1870)
- Date
- 1870-05-20
- Page
- Seite 204 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Negierung vielseitigster Natur gewesm. ftfxr weit einflußreicher für die volk-wirthschaftliche Entwicklung de- Kaiser» ftaatealdie Anleihegefchäste, war die Thätigkeit de-Hause« auf industriellem Gebiete. Herr v. Bruck hätte den Trie« fter Lloyd nie zu einer so hohen Bedeutung gebracht, wenn Rothschild da- Unternehmen nicht unter seinen mächtigen Schutz genommen hätte. Die reiche Triester Kaufmannschaft, di« den Nutzen de- Lloyd wohl begriff, verhielt sich trotzdem sehr passiv und überließ es dem Wiener Banqnier, das Geld aufzubringen und das Unternehmen durch stete Vorschüsse flott zu macheu. Rothschild hat auch, wie eS heißt, seinen Besitz an Lloyd-Aktien nie auf den Markt gebracht »nd dem Unternehmen in den schwierigsten Zeiten seinen Mächtigen Schutz bewahrt. Pest. Wie man amtlich mittheilt, hat der Eentral-AuSschuß deS Heveser EomitateS auf Albert Nemeth'S Antrag den Beschluß gefaßt, die Flugschrift „An das christliche Volk iu der Matragegend" — als gegen das Iudenemancipationsgefetz wühlend und zur Ruhestörung aufreizend — dem EriminalgcrichtShofe desEomitat» und dem öffentlichen Anklägen zur weiteren Amtshandlung zu übergeben. Zugleich wurden fchen ProclamS im Matrarr Bezirk zu verhindern. — Die Trage der theologischen Fakultäten an den Universitäten bildete den Gegenstand der Beralhung jener Kommission, die behufs Organisirung einer Rabbiner-Präparandie vomJsraeliten-Kongresse auSgesandt wurde und welche gestern ihre Verhandlungen eröfsnete. Es tauchte die Ansicht auf, zuzumärten, bis die Frage, ob an der Universität theologische Fakultäten verschiedener Konfessionen — also auch eine für bie jüdische Theologie — errichtet werden oder nicht, entschieden sein wird. SS siegte jedoch die Ansicht, der Plan sei jedenfalls schon jetzt auszuarbeiten, denn wenn unter die an der Universität zu errichtenden theologischen Fakultäten auch die jüdische mit ausgenommen wird, dann werde derOrganisirung jener Fakultät gewiß der Entwurf der eben tagenden Kommission zur Basis dienen (?); wenn aber die Errichtung konfessioneller theologischer Fakultäten an der Universität überhaupt nicht beliebt werden sollte, oder aber nicht in einer daS Iudenthum befriedigenden Weise, soll mindestens der Plan fertig sein, damit eine autonome Rabbiner-Präparandle endlich in's Leben treten könne. Die KommissionSvcr- Handlungen beschränkten sich gestern lediglich auf die Grundprinzipien. ES werden, parallel mit dem Gymnasial-und dem philosophischen Lehrkurse an der llniversität, nenn Lehrjahre beantragt. Der dctaillirte Lehrplan soll heute und morgen derathen werden. — Im Pester israelit. Gemcindedistrikt wurden zu definitiven DistriktSrepräsentanten gewählt: In Waitzen die Herren Emanuel Witt, G. Goldberg und Philipp Reiser; in Abonyr die Herren Jakob Pinter und Rudolf Politzer. — In der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde ein Gesuch der isr. Gemeinde in Waitzen durch den Abgeordneten Drägfsy eingereicht, in welchem die Gemeinde erklärt, daß die seinerzeit unter den 302 orthodoyen Gemeindegesuchcn cingercichtc Petition ans Waitzen weder durch den isr. Gemeindevorstand. noch aber durch die Repräsentanz daselbst unterzeichnet worden. Die isr. Gemeinde in Waitzen habe sich vielmehr im Sinne der Kongrcßstatuteu organisirt und bittet, diese Erklärung zur Kenntniß zu nch- »en. Das Gesuch wurde der Petitionstommission zugcwiescn, Miabolc^ 3. Mai. Die so eben tagende Gencral-Kongregativn hat. wie der „P. LI." berichtet, den Beschluß gefasst, der allgemeines Interesse in Anspruch nehmen dürfte, insoferne derselbe sich auf. in israelitischen Gemeinden des Landes allenthalben herrschende Wirren beziehend, einen er- 'greulichen Gegensatz zu den bekannte»« Vorgängen im Abge- «rdneteuhausc bei Gelegenheit der Debatte über die Kongreßstatuten zu bilden geeignet ist. Die sich „orthodox" nennende Partei in der Gemeinde MiSkolcz hat nämlich eine Petition unterbreit«, dahin ab- Zieleud, daß ihr gestattet sei, eine Sondergemeinde zu bilden, und sichgegen de» klaren Wortlaut der zu Recht bestehenden Gemeindestaluten, von der ans Grund der letzteren kon« stituirtrn Muttergemeinde loSzutrenuen. Das unbillige Verlangen wurde von Seiten der KomitatSkommiffion einftimmig zurückgewiesen, und ist den Petenten im Hinblicke auf die von ihnen in letzter Zeit verübten gewaltsamen Auftritte bedeutet worden, .daß künftighin jede eigenmächtige Auflehnung gegen die gesetzliche Ordnung in der Gemeinde als öffentliche Ruhestörung betrachtet und geahndet werden wird. AuS der bei dieser Gelegenheit stattgefundenen, recht lebhaftm Debatte ging klar hervor, daß das Geschrei der „Orthodoxen," man bedrohe ihre Gewissensfreiheit, grundlos fei. Allgemeine Heiterkeit, hie und da auch Entrüstung erregte eS, als eines der KommiffionSglieder aus der am 18. Februar im Abgeordnetenhause gehaltenen Rede des Herrn M. Jokai folgenden Passus verlas: „Zu ArbueS Zeiten sind die Ketzer nicht mit mächtigeren Waffen zum Bekenntniß dealleinseligmachenden Glaubens gezwungen worden, als man in unseren Tagen die orthodoxen Inden in S.- St. Peter und anderen Gemeinden antreibt, die Kongreßstatuten anzunehmen oc" denn ein Jeder der Anwesenden wuffte eö ganz genau, wie an dieser ganzen Geschichte nicht ein wahre« JtvuH |ci/ wno oin ociumjumuu®t. ywr* ^yuucn lucgcn der Kongreßstatuten bisher kein Haar gekrümmt wurde. Heute hatte auch die vierteljährige Seffion des KomitatS-SchulratheS unter Vorsitz des ersten SchulausseherS, Hrn. I. Lörincz, stattgesunden. Die Zustände unseres VolksschulunterrichteS zeigen sich trotz der warmen Theilnahme sämmtlicher Schulräthe etwas zum Bessern. Bon Errichtung gemeinsamer Volksschulen ist noch gar keine Rede. AuS dem verlesenen statistischen Gerichte erfuhren wir daS betrübende Ergebniß, daß unter 30.000 schulpflichtigen Kindern im Komitate nur 14.000 einen Schulunterricht,genießen, der zum größten Theile höchst mangelhaft ist. Der Schulrath beschloß eine Repräsentation an da- Kultus- und Unterrichtsministerium zu unterbreiten, in welcher um die so dringende Errichtung einer gemeinschaftlichen höheren Volks- oder Bürgerschule in MiSkolcz gebeten wird, und zwar aus Staatsmitteln, da die Kommune zu arm an materiellen Mitteln ist, um eine solche Anstalt ans eigenen Fonds zu errichten. Einem dringenderen Bedürfniffe könnte kaum abgeholfen werden. Möge die Bitte gehörige Berücksichtigung finden. * AuS Lemberg. 10. Mai, wird dem „Wdr." berichtet: Vom deutschen Tempel der Judenstadt am Fischmarkt führen zwei Hügelstrassen zum bewaldeten grünen Sandberg, dem LieblingSspazierplatzc der Lemberger. Am Fuße des Berges liegen ein katholisches Kloster der Benediktiner-Nonnen und ein uraltes Synagoglein einander hart gegenüber. Vorgestern Abends nnn trugen Knechte jenes Klosters der Benediktiuerinnen, das eine steile Mauer abscheidet von der „judenbclebten" Gasse. Leitern herbei und begannen von der Mauer auS, die sie erstiegen, mit höhnischem Lachen Steine und Klötze aus vorübergehende „bekittelte" Juden und in die gegenüberliegenden Synagogenfenfter zu werfen. Nachden, die rohen Knechte sich so eine Zeit lang unterhalten hatten, wurde eS den Juden endlich 31t viel; insbesondere als die Kanonade mit Sieincn kein Ende nehmen wollte und das klösterliche Gemäuer von dem schüchternen Hinübcrschießcn der Juden offenbar kleineren Schaden zu nehmen schien, als das zerbrechliche jüdische Glas und die leichte Synagogenwanderung von dem Steinhagel der Knechte. Die Juden gingen daher aus die Polizei und holten eine größere Patrouille. Letztere, ans dem Schauplatze angelangt, pochte an die .Klostcrpforte — vergebens; sie requirirte in Folge deffen zwanzig Mann Militär aus der nahen Kaserne 'und man begann, das Thor des Klosters rinzubrechen. Die Juden brachten geschäftig Aexte, Sägen u. s. w. herbei — rdröhnte der Flügel, Gekrach — und die Polizei stand mitten im Kkosterhofe. Hier begann die Fahndung nach den Knechten, die in einem großen Schober Heu ihr irdische- Heil gesucht halten. Sie wurden heraoSgespürt, an'S Licht gebracht und folgten der Wache auf die Polizei. Damit hatte der grobe E;zeß der Ktosterknechte ein Ende; von den geist-