Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 21 (20.5.1870)
- Date
- 1870-05-20
- Page
- Seite 203 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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203 1 ' i die ich Ihnen geehrter Herr Redakteur überlaffe,*) sondern mich nur auf einen wahren ungeschminkten Bericht beschrLnke. Nachdem den geehrten Lesern Ihre- Blatteda- Resultat der Probepredigt de- Herrn Dr. Stein als Prediger der Meiselsynagoge näher liegt, so erlaube ich mir schon mit diesem den Bericht zu eröffnen. Ist es schon an und für sich ' ein kühner Schritt auf eine Kanzel zu reflektiren, auf der der unvergeßliche Meisel durch Rednergabe sowol als Fülle der Gedanken glänzte, so ist der Schritt doppelt kühn, wenn er von einer ganz eigenen Geschmacksrichtung begleitet ist. Herr Dr. Stein, ein sonst ganz ehrenwerther Charakter, ist, wenn ich mich der Volkssprache bedienen darf, ein Mann ganz entschiedenen Pech'S und ich kann die Verantwortlichkeit jener Männer nicht genug betonen, die diesen Gelehrten, der sich in seiner Methode und Sprache mehr für da- Ausland eignet, nach Oesterreich gelockt haben, um ihn dem Schicksale förmlich preis zu geben. Ich weiß nicht, wie ich die Methode des Herrn Dr. Stein nennen soll, ist sie mit Eigensinn, oder mit Mangel an Pastorale Lebensklugheit oder Offenheit zu bezeichnen? Wäre sie letztere, so brauchte doch die Lebensklugheit nicht ausgeschlossen zu werden, wäre sie Eigensinn, so scheint freilich jedes Mittel verfehlt zu sein. Der geehrte Leser dieses Blattes dürfte sich jedoch selKsteinTIcthell bilden^ Sobald ein Rabbiner oder Prediger in einer Gemeinde kandidirt, handelt es sich vor Allem um den ersten Eindruck, der so zu sagen das Vestibül zu den Hallen der Sympathien bildet. Herr Dr. Stein schien jedoch, bevor er noch das Weichbild Pest's betreten, nicht darauf bedacht gewesen zu sein, sonst hätte er nicht in einem Antwortschreiben an Dr. Stern in Neu-Pest, welches in der ״Neuzeit" vom 6. d. M. erschien, den Kongreß in ironischer Weise (״weiland der seelige Kongreß") behandelt, während doch die Kongreßstatuten der Pester Tempelgemcinde kanonischer gelten als die Bibel. Sein Besteigen der Kanzel, das ohne übertrieben anzngeben, zehn Minuten in Anspruch nahm, geschah von seiner Seite mit geschlossenen Augen und wäre er bald gefallen,**) würde ihn nicht ein Diener begleitet haben, was, wieSie sich denken können, keinen angenehmen Eindruck gemacht hat. Inder Einleitung sprach er mit dem verklärten Geiste des Dr. Meisel, in der Wahl des Testes zeigte er sich ganz uncntschlossen, in dem Momente fiel ihm ein Gedanke ein, der, wie er sich anSdrückte, nur den Grundstein zu seinen weite ren Predigten bilden wird, da er hofft, er werde diese Kanzel noch mehrmals besteigen (?). Dieser ihm — vielleicht vom Geiste des Dr. Meisel — cingegebenc Text war ולא תת^ו את שם קדשי ונקדשתי בתוכם; er sprach in unbefriedigender . Weise über Chiliil- und Kidusch hasehem und betonte die nothwcndige Einigkeit in Israel. Wie es Jedem bekannt sein dürste, geht man hier mit dem Plane einer Theilung um, eS war somit die betonte Einigkeit***) ein nicht am Platze gewesenes Eorrektiv, eine im Vorhinein gefürchtete Störung des Projektes, somit wieder ein Bock, den Herr Dr. Stein geschossen hat. Bei der Behandlung des Textes bediente er sich durchwegs schon Dagewesenen, so z. B. der Geschichte der beiden Buhlerinnen vor Salomo. Den Schluß gebe ich wörtlich: ״Habt ihr mich verstanden, ja ihr habt mich vcrstanden, nun dann Triumpf, Trinmpf, (allgemeine Heiterkeit), ihr werdet das auch befolgen und es wird euch gut gehen in dieser Welt, wie auch in der Zukunft Itgadal wejitkadasch schmeh radu etc." welches er bis״Amen" übersetzte. Dieses ״Amen" war auch das letzte Wort, welches er auf dieser Kanzel gesprochen hat, und der Volkswitz durfte auch dießmal nicht fehlen in den Worten: ״er habe seiner Aufnahme Kadisch nachgesagt." Die Vorstandsmitglieder, für die besondere Plätze reservirt waren, sahen einander mit *) Wir danken Ihnen für die Vonceffion, doch fühlen wir un» dleßmal nicht berufen, Hrn Dr. Stein in den Bereich unserer Kritik zu ziehen. (d. Red.) **) Daran dürste Befangenheit oder ein leichte» Unwohlsein die Schuld gewesen sein. (d. Xe».) ***) Ist durchaus kein Fehler über die Einigkeit in Israel zu sprecheu. (D. Red.) * 1 * Staunen an und das Urtheil de- Publikumlautete: ״DaR ist ein echter Prager****)- Herr Dr. Beck aus, Liffa hat die Woche zuvor mit Beifall gesprochen, sein Text war קדושים תתיו. Er betonte, daß man ein heiliger Jude sein könne, auch wenn man der Wiffenschaft huldigt: Religion und Wissenschaft schließen einander nicht aus, sie ergänzen vielmehr einander, dir Religion steht aber höher, so z. B. die Wissenschaft erwärmt den Geist, die Religion den Geist und das Herz. In vierzehn Tagen kommt K a i s e r l i n g aus der «chweitz an die Reihe; derselbe ist ein Schwiegersohn Philippsohn's, die Ae» ceptirung Becks ist beinahe gesichert. ****) Unschuldiger Weise m»ß da der Prager wieder herhal» ten Hr. Dr. Stein ist ein Preuße und kein Prager, auch hat er sich noch nicht einmal nälurattg« und die hieflgen Berhältn'sse studirt, so»» dern nur einrelnrn Stimmen Gehör gegeben, die kein Äerständuiß für die hieflgen Zustände baden 11 id der ösienilichen Meinung keck in« Ge» sicht schlage». (D. Red ) -Wochenchronik. — *** Widmung. Frau Eva Teller, Witwe nach dem am 28. Mai 1800 verstorbenen Prager Kaufmann und Fabricantcn Hr. Michael B. Teller, hat dem Bürgermeister von Prag. Hrn. Franz Dittrich, drei StaatSschuldverschrcibungcn zu HK)() fl. mit der Widmung übergeben, daß die hievon entfallenden Interessen am Sterbegedächtnißtagr des Hrn. M. B. Teller, an zehn christliche, der Prager Gemeinde angchörigc, wohlverhaltene, verarmte Kaufleute, nach erfolgter öffentlicher EoncursauSschreibnng zn gleichen Thei.cn vertheilt werden. Um diese Stiftung schon am 2S. Mai vollziehen zn können, widmete hiezu Frau E. Teller übcrdieß einen Baarbctraz von 126 fl. Der Stadtrath beschloß, für diesen Akt beson« derer Humanität den Dank anszusprechen und hat wegen der ersten Vertheilung unter die gualificirtcn Bewerbe: den Eoncurs bereits ausgeschrieben. *** Eine Widmung in peto. Frau Eva Teller, Witwe nach dem verstorbenen Fabrikanten Hrn. Nt. B. Teller gedenkt ein HanS dem Zwecke zn widmen, armen israelitischen Familien freie Wohnungen zu gewähren. *** Ein redliches Anerbieten Wie uns initgetheilt wird, hat Sr. Ehrwürdeu Hr. Dr. Licin noch vor seiner Abreise nach Pest vehufs Abhaltung einer Probepredigt, in Würdlgung der Sachlage der Meisclshnagogc, ihrem provisorischem Eomite auf schriftlichem Wege das Anerbieten gestellt, sich mit einer verhältnißmäßigcn Herabsetzung seines Gehalte-zu» frieden zu stellen. 3 n I n 11 d. Wien. (AnS Anlaß de« :',Ojährigcn Beständede« Hauses Rothschild in Oesterreich) erzählt der Wiener Korrespondent des Frankfurter ״Aktionär" unter Andcrcm Folgendes: ״Die Beziehungen des Hause- Rothschild zur österreichischen Regierung datiren seit 1* 1*. Wenn ich nicht irre, hat Fürst Metternich die Bekanntschaft der Rothschild's auf dem Kongresse zu Aachen gemacht und einen der fünf Brüder bewogen, nach Wien zu übrrsiedeln. Gleich in den ersten Jahren gingen durch dessen Hand alle Zahlungen, die aus dem Titel der ftanzösischen Krigsentschädtgungen herrührten, und blieb das Haus Rothschild durch eine lange Reihe von Jahren im eminentesten Sinne de- Worte» der Staat-banquier Oesterreichs. Die großen Lotterie« und MetalliqueS-Anleihe-Operationen, die bizum Jahre 1848 und später durch Rothschild vermittelt wurden, sind drkannt anb die finanziellen Transaktionen desselden mit der kaiserliche»