Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 21 (20.5.1870)
- Date
- 1870-05-20
- Page
- Seite 202 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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202 befallen, wenn unsere Feder ihre Nerven in unangenehmer Weise berührt, wir werden keine Rücksicht mit der Person üben, da bloße Objektivität ganz werthloS erscheint. Gibt es eine jüdische Unfehlbarkeit? Zu dieser fast überflüssigen Frage werden wir ange- ^regt durch eine Idee, die seit Kurzem in andern Kreisen ausgetaucht, in gewissen Köpfen herumspuckt uud da ihr Unwesen treibt zum Ergötzen der unbetheiligten Zuschauer. Je mehr wir diesen Gedanken als lächerlich und absurd erkennen, um so größeres Mitleid erfasst uns und desto mehr besorgt sind wir um dessen Urheber und Nachbeter, deren gesunder Menschenverstand auf unbestimmte Zeit Urlaub genommen zu haben scheint. Doch hier wollen wir uns nur damit beschäftigen, uns zu erklären, wie sich dergleichen herausbilden und im Laufe der Zeit im Schoße einer gewissen Confessio», entwickeln könnte und über den Urspruna. dieses, Hierarchie fchen PhantasiegebildeS eine kurze Untersuchung anstellen, um dann eine Parallele zu ziehen. Daß der Wipfel dieses KirchbaumeS bis iw den-Himmel hinein ragen will, hat fetue Begründung in der Wurzel dieses ReligionSsystemS, wo allein man die Ursache dieses phantastischen Größenwahnes zu suchen hat. Denn bekanntlich basirt ja diese ganze Weltanschauung auf Menschen- Vergötterung; nachdem man der Mutterreligion fast gänzlich den Rücken kehrte, (um sich dann bei gelegener Zeit gegen sie in feindlicher Absicht umznwenden) von der man nur daö Wenigste, unter allen Umständen ohne Mühe leicht Ausführbares behielt, entlehnte man von den Nachbarvölkern heidnische Sitten, um die Erstcrcn zu gewinnen und leichter an sich zu locken; man nahm fremde Elemente an und amalgamirte sich mit ihnen, bis fast jede Spur der Abstammung verwischt war. Und wie die Griechen und Römer ihre Könige von Göttern abstammen lassen, diese Göttersöhnc unter die Sterne versetzen und als Heroen und Halbgötter verehrten, so äffte man dieses auf der andern Seite nach, thcilte die göttliche Einheit ein und so bildete sich allmälig die Bekehrung einer Anzahl von Heiligen, die einen ungleichen Rang cinnehmcn bezüglich ihres himmlischen Einflüsse» und zu denen man als Untergöttern zweiter Klasse um Fürsprache betet. Wohl weiß Mancher, daß diese Methode von dem Bestreben geleitet sei, eine unumschränkte absolute Macht auf Geist uud Gcinüth der Gläubigen aus zuttben und dessen gerader Sinn sträubt sich gegen dieses Attentat auf Recht und Vernunft; doch daö genirt große Geister nicht, wie jene, die das greise Oberhaupt beeinflussen, welche» von dieser fixen Idee eingenommen ist; und welche bei diesem Geschäfte auch ihre Rechnung machen, also pro tiomo handeln Ziehen wir nun zu dieser Betrachtung die Paralellc, so sehen wir, daß vom jüdischen Standpunkte kein Sterblicher die Unfehlbarkeit beanspruchen könne, und rage er durch seine genialen Talente, durch hohe Geistes- und Gcmüthö- Anlagcn noch so sehr hervor über andere Staubgcborene. Im Iudenthume gilt der Satz: errare huiuanum cst fehlen ist menschlich. Mag einer noch so gerecht sein, noch so viel Gute» üben, er ist nicht fehlerfrei, sobald er den irdischen Stempel de» Vergänglichen an sich trägt. Die Bibel schildert uns die Eharactcrc der größten Tugendhelden, wie sie wirklich und auf Erden wandelten, mit ihren Fehlern und Mängeln, sic malt die Licht- und Schattenseiten, nnd trägt nicht in sentimentaler überschwenglicher Manier zu viel Lob auf. Selbst ein Mose-, der größte aller Profeten, sündigte, nahm Rath an von Ietro, wusste in manchen Diügen nicht gleich Bescheid zu geben und wartete auf die göttliche ^Weisung. Und wie kann ein Erdensohn, der wie da- GraS hinwelkt, sich göttliche Attribute beilegen und den RimbuS eines überirdischen Glorienscheines um sein, Haupt auSbreiten lassen, und durch die falschen Stralen der angeblichen Gottähnlichkeit die bethörte, kurzsichtige Masse noch mehr verblenden? Wir sind Menschen ohne Ausnahme und als solche, da wir eben keine Engel oder göttliche Wesen sind, haben wir mannigfache Schwächen und sind ohne Unterschied mit Gebrechen behaftet; wir Juden mit unserem kritischen Geiste, konnten keine göttliche Anbetung im Menschen aufkommen lassen. - , Vergleicht man anderseits die 21 loögezogenen schweren CanoneS mit der heiligen Schrift Deuteron. Cap. 27 B. 15 u. s. f. welcher schroffe Contrast zeigt sich unö da! Ist daselbst nur ein Satz zu finden, der mit der Vernunft in Collision gcräth, der dem Rechte widerspricht, der mit der Moralität sich nicht vertrüge? Und in der That sind solche abscheuliche Verbrechen fluchwürdig, solche Laster tragen den untilgbaren Schandfleck für immer an sich. Nach dem Syllabuö wären alle Frommen vor dem Christenthum von der paradiesischen Seligkeit ausgeschlossen, demnach also auch die Stammväter u. s. w. David inclusive, die sämmtlich höchstens als gutes Brennmaterial für das Fegefeuer verwendbar, ak» Futterfürchen unersättlichen Rachen der Hölle zu brauchen sind. So verfährt eine Religion der Liebe, die mit den Bekcnnern einer andern Eonfession, nicht immer sehr liebenswürdig umging; während" wir Israeliten, denen man einen Rachegott zumuthet, barmherzig sind gegen den Menschen als solchen, und die Frommen aller Nationen nach ihrer Facon selig werden lassen. Wir richten nnnach dem Satze: vinol, äemaieduso äinoti für uns hat das StaatSgcsetz Giltigkeit und wir vermeiden jede Eollision mit demselben. Wohl hat sich das Concil gegen den blutigen Krieg mit Waffen (vielleicht trifft dicß dießmal mit dem Interesse der Kirche zusammen) entschieden erklärt, doch warum hält man den geistigen Kampf mit grausamen Waffen gegen Recht und Vernunft aufrecht '4 Anders das JudentlMN! Eö ist dem Blutvergießen abhold, aber auch tolerant gegen Andersdenkende in Glaubenssachen, ebenso duldet es in der Wissenschaft die Meinungsverschiedenheit, wie wir in der talmudischen Tradition und in der später,, Halacha-Literatur getheilte Ansichten finden unter den bedeutendsten Capacitäten, die trotz dieser Divergenz in Frieden miteinander verkehrten. Hingegen muß coniequenter Weise die zum Dogma gewordene Jnfallibilität jede abweichende Anschauung als ketzerisch verdammen; cS fragt sich nur, ob die mit dem Zeitgeiste fortschreitende Welt sich viel daraus machen wird; das Papier ist sehr geduldig, doch ist kaum anzunehmen, daß diese widersinnige Theorie allgemein inö praktische Leben übergehen wird, da die Mächte nicht mehr so gläubigen Gehorsam der Curie schenken und sich zur Executive ihren Befehlen wie a„no dazumal hergebcn werden. Die Welt ist eben eine andere und die Leute sind in dieser Beziehung klüger, als ihre Vorfahren; man lässt sich nicht mehr gerne am Gän'gclbande herumführcn, da man dessen schon müde geworden und zur Einsicht gekommen ist, daß in Sachen der Religion jederZwang, wie er immer geartet sein mag, verwerflich sei. Man lässt sich in dieser Hinsicht nicht mehr vorschrcibcn, sondern handelt nach besten Wissen nnd Gewissen, und jeder sieht, wie cr'S treibt, daß sein Handeln mit seiner festen Ueberzeugung in Einklang sei, das Ucbrige hat er nur mit seinem innern Richter auszumachen. Wie gesagt, die Menschheit wird einfach über diese Curiosilätcn zur Tagesordnung übergehen und sich nicht beirren lassen, aber der Fluch der Lächerlichkeit wird auf das Haupt der Urheber zurttckfallen. Pest, 15. Mai 1870. Ich komme heute meiner Referentenpflicht nur theilweife nach, indem ich mich über den Erfolg d:r bisherigen Probe- Predigten im Pester CultuStempel in keine Kritik einlasse.