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Die Gegenwart · 1870-05-13 · 20 (13.5.1870) · p. Seite 195

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
20 (13.5.1870)
Date
1870-05-13
Page
Seite 195 (sequence 5)
Language
German
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195 draußen, aber die Kasche ist noch immer Harb und nicht geentfernt. Ja, Herr Redakteur d. N;. „pilpulistische Sapreolensprünge* und noch mehrere solche Liebenswürdigkeiten haben Sie mir wohl ins Gesicht geschleudert, aber die Kasche ist geblieben, widerlegt haben Sie nicht. Reichenau 9. Mai 1870. LcugSfelder Rabbiner. OraShäz 7. Mai 1870. Es ist eine alte Erfahrung, daß wir Ungarn viel mehr in der Vergangenheit stecken, als in der Gegenwart. Wir können uns von jener nicht frei machen, und so geschieht eS gewöhnlich, haß wenn wir eben fertig zu sein glauben, um an ein Stück Gegenwart zu gehen: siehe da! ist dieß unterdcß selbst wieder eine Vergangenheit geworden. Man kann in Ungarn den alten Juden noch immer nicht vergessen, man kann sich nicht dazu bequemen, den frischen, lebensvollen, lebenstheilnehmcndcn Juden der Geaenwart als lolcben ru würdigen, man wühlt immer noch begierig in dem alten Schutthaufen. Es scheint als wenn der angeerbte Judenhaß, der. zur Ehre der Menschheit seinen giftigen Stachel verloren^ wieder erwachen wollte. So mußte ich mit tiefem Kummer erblicken, eine Erneuerung mittelalterlicher Erscheinungen in der Flugschrift eines anonymen Profeten, die dem Drucke des Erlauer BiSthumS entsprungen, deren Inhalt an Unverschämtheit alles übertrifft, was-in unserer schreiblustigen Zeit nur geschrieben werden kann. Ein solches Beispiel der Intoleranz und Menschenvcrachtung, würde ich in unserer Zeit für unmöglich gehalten haben, eine solche wilde unbcgränzte Schmähung, solche Anöbrüche gegen Juden und Judenthum müssen in dem Munde des rohesten Menschen zum eigenen Schandfleck werden. Obwohl es dem Judenthume nicht mehr schaden kann, wenn auch in unserer Zeit ein wicderkäuender Eisenmenger auftritt, um mit gemeinen Lügen und Schmutz uns zu bewerfen, denn die Zeit des Fanatismus ist gottlob vorüber, wo Feinde der Wahrheit und des Rechtes aus Eigennutz Völker gegen Völker aufstachelten, Religionshaß wie giftige Samenkörner in das Herz der Menge streuten, und wir könnten demnach solche judenfeindlichc Aufwiegler dem Urtheile der christlichen Welt überlassen, und hoffen, daß einer solchen gehcimnißvollcn Feder keine Beachtung geschenkt wird; allein ein solcher Fchdebrief gegen alle Bekenner des JudenthumS, wäre Schweigen ein Zugeständniß. Ich will zwar durchaus keine Apologie schreiben, denn Vertheidigung findet nur statt, wenn man eines Unrechtes geziehen wird; aber nicht, wenn der Unverstand Schandflecke anheften will. Ich wünsche auch nicht dieses unverständliche Leritze Lvrsbi zu wiederlegcn, denn solche Erbärmlichkeiten verdienen keine Wiederlegung, sondern ich will dem Quicken und Quacken eines solchen lichtscheuen hnndertjährigen Profeten, der dem mittelalterlichen taß ans die Beine zu Helsen sucht, ans Nachsicht für seine chwächen einige Lehren geben. Sic hundertjähriger Profet! Sic wollen das christliche Ungarnvolk durch unverschämte Lügen und Beschuldigungen gegen den Juden reizen, und das Alles aus christlicher Liebe. Sie Unverschämter, wissen Sie denn auch was christliche Nächsten- und Menschenliebe ist? was christliche Religion gebietet. Sic Unaussprechlicher, der Sic es so ehrlich mit dem Christenthume meinen, Sic kennen ja nicht einmal das neue Testament! Lesen Sie Paulus a. d. Römer 13. 10. Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung. JakobuS 1, 21—24. So leget denn ab alle Unreinigkeiten und Ueberreste der Bosheit! Werdet thätige Befolgcr der Lehre, und nicht bloS Hörer, die sich selber täuschen. Denn wer die Lehre nur hört und nicht auch befolgt, der gleicht einem Menschen, der sein leibliche- Angesicht im Spiegel besieht, und nachdem er sich besehen, geht er weg und vergißt sogleich, wie er aursah. Die Liebe, sagt Paulu», hat nicht Freude an dem Unrechte, aber Freude an der Wahrheit, sie trägt Alle-. Ferner heißt es (Phil. 4. 8.) Uebrigen» Brüder! wawahr, was anständig, was gerecht, was rem^ was liebenswürdig, was rühmlich, was irgend tugendhaft und löblich ist, dem strebet nach. Joh. 4. 8. Wer keine Liebe hat, der kennt Gott nicht: denn Gott ist die Liebe. Die Liebe ist die Kraft, welche die Welten verbindet und zusammenhält. Die christlichist es. welche gebietet den Nächsten ohne Ansehen der Person zu lieben, sie gebietet an der Beförderung deS GotteSreicheS auf Erden zu arbeiten, und kömmt der für das Heil feiner christlichen Mitbrüdcr besorgte Herr diesm Pflichten nach, wenn er eine Klasse des VolkSverlrauenS unwürdig stempelt? Oder glaubt der hundertjährige Profet nur für Bauern geschrieben zu haben? O Sie find gewaltig im Jrrthume, wenn sie glauben, der Bauer hege persönlich feindselige Gesinnungen gegen die Inden. Der Bauer, schlicht und einfach, aber gesunden Menschenverstandes, lebt mit dem Juden in einem ganz verträglichen Verkehr, er erkennt die größere Intelligenz, welche der Jude gegen ihn hat, und behandelt ihn zutraulich mit schuldiger Achtung, und treibt gerne - seinen Handel mit ihm. Oder meint Herr Anonhmnö durch seine verwirrten Zeilen die Juden in die abgetretenen foifi» tapsen der früheren Zeit in die verlebten Fernen des Mittelalters zurückzudrängcn? Mag man immerhin hier und da von einem auqcnblickiichen Vorurtbcile. einer — falsch.'» Richtung e., i s' i einen Rückschritt wagen, ein Stück Mittelalter der Jetztzeit anheftcit, nur mit äußerster Bcrläugnung seiner selbst, vermag man dies, und die bösen Folgen zeigen sich sofort, um wie viel weniger vermag man zum Rückzüge zu blasen, wenn das Schlachtfeld ganz in Besitz genommen ist. Sie Unbesonnener, kann die lebendige Bewegung des JudenthumS rückwärts schreiten? Kann, nachdem eS hcrauSgetrckrn aus dem starren Schlummer wieder zurückgedrängt werden auf den Jsolirschemmel'? Kann cs sichwiedcr abschlicßen von der Theilnahme der Weltverhältnisse und Weltbildung, von der Einwirkung in das Leben der Menschheit und dem Einpfangcn auS dem Leben der Menschheit? Kann eS sich wieder hiucinbauuen in eine bc.vustlosc enggeschnurtc Existenz mit verknöcherten Muskeln? Das Judenthum hat begonnen seine inneren Schätze wieder cmporzuhe« den, und bei den Lichtstrahlen der Zeit anSzubreite», auseinandcrzulegcn, abznstrciscn. Da ist kein Rücktritt möglich, eS muß seine Bahn verfolgen, seine Aafgabc lösen, seinen Beruf erfüllen. So gehen Sic, Sie hundertjähriger Profet! Sie wissen nicht einmal als Profet, daß seit der Zerstörung des Tempels, nur '.Karren und Kinder weissagen (Baba Batra i2. 2). Gehen Sic, Sie unsauberer Geist! Schließen Sie nur die Augen vor allen den großartigen Veränderungen, welche durch die alte Geisteskraft, durch w.cnigc Dccennien hcrvorgebracht sind, am Ende sind Sic längst blind, und eine dicke Staarhaut bedecke Ihre Sehlinse; denn cs steht geschrieben : Joh. 3. 30. Wer schlecht handelt, scheut das Licht, und kommt nicht an das Licht, damit seine Handlungen ungerügt bleiben. Wer aber thut, was recht ist, der tritt an das Licht, damit seine Handlungen offenbar werden, weil sie in Gott gethau sind. l)r. A. Räber, Rabbiner und Prediger. Wochenchronik. V* Amdesschulrathstellr. Der ehemalige zweite Eantar des Präger isr. Tempels jetzt Borbeter und Religionsweiser itt Linz, Herr Dr.Wilhelm Stern wurde zum k. k. Landesschnlrath für Oberösterreich ernannt. %• Urlaub. Herr Dr. Grünhut Religionslehrer m der Josefstädter Hauptschule erhielt auf sein eigene» Ausnchen einen dreimonatlichen Urlaub zum Behufe der Rest«- rirung feiner Gesundheit.

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