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Die Gegenwart · 1870-05-13 · 20 (13.5.1870) · p. Seite 193

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
20 (13.5.1870)
Date
1870-05-13
Page
Seite 193 (sequence 3)
Language
German
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I 1,93 aus dem die Wvhlthaten gleich einem Silberbache rieseln, an dem die Armuth M ladt und erquickt. In Freud und in Leid, in jeder Lage deS Leben«, vergißt der Jude nicht feine« Mitbrudrr«, ihn möge die Geburt welch immer Religion geweiht haben, er ist stet« bei der Hand, wenn ihn die Nächstenliebe ruft. Und in der That gab e« bisher keine Art und Abart der Wohlthätigkeit, die nicht eine Anstalt oder einen Verein oder ein BildungSinstilut kür Wittwcn und Waisen, für Kranke und Altersschwache, für WissenSdurftige hervorgernfen Hütte; so wert da« Auge reicht, überall krönt da« edle Herz ein erhabene« Werk, an dem der Geist der Humanität Wache hält. Rur Eine« fehlte noch,um die große Zahl der der Humanität geweihten Institute zu vervollkommnen, c«worein Institut für die blinde israelilische Jugend! „Sterben ist nicht«, doch leben und nicht sehen, da« ist ein Unglück" sagt der begeisterte Dichter Tell'S. Wahrlich ein Unglück, wie e« schon nicht größer gedacht werden kann! Beraubt des Augenlichtes,-um nicht die großen Werke de« allmächtigen Schöpfer« bewundernd zu betrachten, um nicht sich an dem Mienenspicl einer rärtlichen Mutter zuer^ götzen, um nicht den GesichtSausdruck eine« fühlenden Pater« zu sehen, um nur zn fühlen und nicht zu sehen, daß meur-kiu Mensch mitMrnschcn ist, kann da von einem rechten Leben im Leben die Rede sein? Wahrlich! die härteste EiSrinde de« Herzen« muß bersten bei dem Anblicke eine« blinden Kinde« an dem Arme seine« Vater«, eine« blinden Manne« oder einer blinden Frau an dem Leitseile de« Unglücke«. da« klarsrhende Auge muß in Thränen schwimmen bei dem Gedanken, daß es einem blinden Kinde nicht gegönnt ist, den Lichtstrahl zu genießen, sich de« Sonnenglanzes zn erfreuen! Ist doch der Tod ein grausenhafter Prozeß, mit dem ein Menschenleben abgespielt wird, um wie viel mehr die Blindheit, die den Lebenden zu einem lebendigen Tobten macht. So mancher Mensch, der da« Unglück sicht, besitzt zuweilen die Kraft, dasselbe abzuwchrcn oder wenigstens zu mildern, der Blinde sieht aber sein Unglück nicht und das eben ist da« größte Unglück. Ausgeschlossen von der regen Thätigkeit, für die der Mensch geschaffen, gibt sich der Blinde hin dem Brüten und Denken über Ideen, die ihn wie Nachtfalter in seinem kerkerähnlichcn Dunkel umschwirrcn, und darum ist die blinde Jugend doppelt zn beweinen, wenn man bedenkt, daß sic zu lebenslänglicher Nacht vcrnrtheilt ist. E« thut somit Roth dieser unglücklichen Jugend die Nacht ihre« Lebens mit dem Lickte der Wissenschaft zu erleuchten, um sic nickt dem Sllavcndicnstc einer rohen Materie prci«- zugcbcn, und sie von der geistigen Welt total'abznschneiden. Dem für das Iudenthum begeisterten Manne Ludwig August Frankl lam der glückliche und erhabene Gedanke, sich der blinden Jugend zn erinnern, sie au« dem unvermeidlichen Kerker der Nacht au« Licht der Wissenschaft heranzuziehcn; in diesem biedern Manne tauchte zuerst die Idee auf, ein Blindcninstitnt für die israelitische Jugend zu gründen, um für sic körperlich und geistig zu sorgen, und c« der Kleiderbörse in der Peticoat-Lanc wieder verschachern muß. ivill er für morgen zu leben haben. Dieselbe Armnth herrscht wohl hier unter den arme» ouben, wie bei den Christen deS Last of London, doch sinken jene nicht so tief — denn sic kennen daS fürchterliche Laster — die Irunfsucht — nicht. Sic besitzen mehr Liebe zum häuslichen Herde, zu Weib und Kindern, denen sie den erbettelten Bisten Brod mit Freuden heimtragen, wie auch ihr Magen vor Hunger knurre. Ei» Glück für sie ist es. wenn sie wohlhabenderen Verwandten in die Hände falle». Da hat ihre Noth rin Ende. Sie werden mit allem versorgt. waS sie brauchen, lernen ein Geschäft — und haben sie e« gelernt — so wird ihnen aus alle mögliche Art und Weise unter die Arme gegriffen, un> sie vor Xoth zu wahren. gelang seinem Einflüße, , so wie dem mächtigen Eindrücke, den die Idee hervorries, dieselbe in kürzester Zeit zu verwirklichen. Ludwig August Frankl, den daS Iudenthum mit Stolz den seinigrn nennt, hat nicht erst einer Idee bedurft, um stet« da genannt zu werden, wo Wissenschaft und Humanität verschmelzen, mit dieser Idee jedoch hat er sich bei Lebzeiten ein Monument gesetzt, das dauernder ist al» Erz und Marmor. Die israelitischen Genleinden mögen bestrebt sein, ein so erhabene« Werk, da« die Reichshauptstadt und da« Iudenthum ziert, nach Kräften zu unterstützen, denn man bedenke: „Sterben ist nichts, doch leben und nicht sehen da« ift-rin Unglück." 11. + » * Wir sind gerne bereit, Spenden so wie IahreSbeittäge zur Weiterbeförderung an da« Comite in Empfang zu nehmen und die Herren Spender und Mitglieder nahmhaft zu machen. (Die Redaktion.) Nab Seadias, der Gaon,_ erster Grammatiker und erster theologischer Schriftsteller der Juden. Auf dem weitläufigen Schauplätze der spätcrn jüdischen Geschichte, welcher beinahe eben so groß wie die Erde selbst ist, bieten sich un« mehrere Länder, als einer besondcrn Aufmerksamkeit würdig, dar; jene Länder nämlich, in denen eine bcdeutcndeKraftäußcruug derIuden inspäternZeiten sich entwikkclt, von denen ein neuer Impuls in alle Theilc der überall zerstreuten und überall sich gleichenden Nation ausgegangen, und in denen diejenigen jüdischen Ereignisse Statt gehabt, welche die verschiedenen Epochen eben jener Geschichte bilden. Die erste Weltgegenv, welche nach Auflösung des jüdischen Staates unter den Römern, auf einen vorzüglichen Rang in der jüdischen Geschichte Anspruch macht, ist unstreitig die de« alten Babhloniens, in welcher da« ungeheure Riesenwerk de« pharisäischen Scharfsinne« — der Talmud - seinen Wachsthmn, und endlich auch seine völlige Ausbildung erhielt; denn dorthin begaben sich nach Verfertigung der Mischna (am Ende des zweiten Jahrhundert«) die meisten Disputirlöpfc der jüdischen Nation, wo sie dann unter Schutz und Begünstigung der Fürsten der Ausgewanderten*) ihre Tage mit Streitfragen über da« Gesetz, nach Wunsch ausfüllcn konnte». Dort blühte» durch viele Jahrhunderte jene sechs berühmten jüdischen Akademien**) unter dem Rektorate der Amoraim, bi« endlich Rad Aschi, Rektor der suranischcn Schule im fünften Jahrhunderte alle mündlich überlieferten Kommentare und Disputationen über den Korpus der Mischna nicderzuschrcibcn begann, woran« dann unter den Händen seine» ersten Nachfolger der von allen damaligen Bekennen« des Pharisäismus sanktionirte, und di« auf gegenwärtige Zeiten unverändert gebliebene Talmud entstand. Da« anhaltende Forschen in diesem weitläufigen und in seiner Art einzigen Werke ward bald allgemein unter den Juden, von denen viele ihr vorzüglichste« Geschäft aus Lebenszeit daraus machten. Ein spekulativer Sinn wurde daher dem jüdischen Geiste eigen, der die Nation allmählig zum HandrlSvolke umschuf. — Rach Erlöschung jener Amoraim blühten die jüdisch-babylonischen Akademien noch mehrere *) Nämlich der an« Palästina vertriebenen und nach Babilonim a »«gewanderten Juden. **) Diese befanden sich in sich« verschiedenen Orten, nihnUch t» de» am Euphrat«« gelegene« Städten Nahardera und Sur a, dann in der, wegen ihrer schönen Bauart und fUrfm Bevölkerung berühmten, wegen der Einen loflgketl ihrer Einwohner aber verrüfenrnStadt Pumbrditha, und in den Oertrrn Aares ch, vkehns« mW Pirns-Schtober. 20*

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