Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 20 (13.5.1870)
- Date
- 1870-05-13
- Page
- Seite 192 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4890378-5433916-5434034--676-4890984- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 192 — l müssen wir erklären, daß das ReNamiren, wie die Erfahrung lehrt, zur bloßen Phrase geworden, und würde uns die h. f. k. Statthalteret einwenden, daß den Beschwerdeführern der Rekurs an diese Behörde offen steht, so heißt das so viel: „gehaut wie gestochen", da doch die h. k. k. Statthalterei behufs Erledigung des Rekurses von der Eult.-Gem.-Rep. das nöthige (Gutachten advcrlangt, welches in dem Maaße so ausfüllt, wie die Erledigung der Reklamation. Es erscheint somit Reklamation und Rekurs zwecklos; denn die Repräsentanz will einmal nicht und die h. k. k. Statthalterci scheint die Zustände in der Prager Israeliten« Gemeinde nicht zu kennen. Wir wollen k.ineöwcgS zur EultuSsteuerve, Weigerung anrathen, aber doch, indem wir auf das SclbstbesteuerungSfystem in der Wiener und Brunner Eult.-Gem. verweisen, fragen, mit welchem Rechte die EultuS-Gcmcinde-Repräsentanz Reklamationen kein Gehör gibt, nachdem doch solche bei wirklichen Behörden selten resultatloS sind. Ueberhaupt wäre eS nvthwendig und an der Zeit, daß die h. k. k. «Äatthalterei die Berhältnissc in der Prager Israeliten - Gemeinde genauer prüfe und einen Rcfcrcntcnwcchsel vornehme, damit sich die Dinae ein wenig klären: denn die Präger Israeliten- Die erste israel. Slin-rn - Erziehungsanstalt. Motto: Mutter reich mir deine Hand ' Sog' mir, wie die Blume blüht. Säg' mir, wir der Himmel glänzt Saa' mir. wie die Sonne glüht. . Seh'n möcht' ich die schöne Welt Und d»r Sonne gold'nen Strahl Doch vor Allem möcht' ich seh'n Mutter, Dich rin einzig Mal — (Der blinde Knabe v. Julius Schanz.) In den verschiedenartigsten Gestalten trat stets der _ WohlthätigkeitSsinn in Israel auf und er verkörperte sich in den großartigsten Schöpfungen, in denen gar oft das gebro» chene Herz aufgerichtct, das verzweifelte Gemüth beruhigt, Roth und Elend, verscheucht wurden, die bereit« an die Pforten des Todes klopften. Immer fanden die traurigen Echos einer unglücklichen Seele ein williges Ohr, immer noch erschloß sich des Herzens Kammer, um in ihr die Seufzer armer Wittwep und Waisen, trostloser Kranken und Siechen aufzunehmcn und daö Elend zu lindern. Und so lange ein jüdisches Herz schlägt, so lange wird der Arme ein Asyl haben und die Pandorabüchse des vermehrenden Gemeinde ist sehr verwahrlost und ihre gegenwärtige Repräsentanz keineswegs geeignet, Licht in die Situation zu (iriiw»ir Kummers wird zum Füllhorn, aus dem die milden Spenden wie ein Thau in das getrübte Herz des Dürftigen fallen.. Um sich nun die Uebcrzeugung zu verschaffen, wie von der isr. Enlt.-Gem.-Rcp. grwirthschastct und wie besteuert wird, finden wir den einfachsten Weg, daß die h. k. k. Statthalterei von der isr. Enlt.-Gem.-Rcp. die Steuerlistcn abvcrlange und sich von einigen Gemeindemitgliedern Aufschluß geben lasse. Mkhrkrk Mitgliedtr brr Prager Israelitell,Geineinde. Der Jude, das müssen ihm selbst seine crbittcrsten Gegner zugestchen, hat in den größten Drangsalen seines Bruders nicht vergessen, ihm war und ist die Nächstenliebe weniger ein Gebot, vielmehr der Ausfluß eines rein hunrancn Gefühles, daS ih»n den Rcbenmenschen zuin Bruder macht. In der bescheidenen Hütte »vie iin prunkvollen Pallaste der Juden wohnt das thränenvvlle Mitgefühl, ein jeder von ihnen gibt nach seinen Kräften, sucht dem Armen den — Schmerz zu lindern, und« die drückende Bürde der Armuth z»» erleichtern. Bon dieser psychologische.» Erscheinung, die den GcinüthSaffekt hcrvorbringt, geben die unzähligen Humanitären Anstalten, der unerschöpfliche Spendenquell Zeugniß, dicke, alte Frau einen Tisch mit geräucherten Heringen und einen Wurstkessel ausgestellt, und »nt nimmer müdem (Geschrei preist sie ihre „heißen koscher» Wursteln" der Menge an. Ihr getreues Ebenbild hat dort Käse, Milch. Butter, Zwetschken, saure Gurken und »'jeder geräucherte Heringe zn verkaufen. Alles liegt frei auf Tischen. Da auf einmal ertönt N'üstcS.Geschrei und Lärmen: ein Wagen ist in die enge Gaste gefahren. Wie das möglich war, ohne ein paar Menschen zw überfahren, ist unbegrciftich, und nur der Kutscher könnte e« erklären, denn er iit ein „echt englischer Rosselciiker" und diese bringen ihre Wagen dorthin, wo eine Pferdcnase noch Plast hat. Die Kranen sind von ihren Stühlen aufgesprungen und haben sich vor ihr Magrenlagcr gestellt; den Hennen gleich, die ihre Küchlein vor dein Würger mit dem eigenen Körper decke», stehen sie da, nuithig das Bvlbcifahren des Wagens abzuivarteu- Vergebens sehen nur »ns nach den interessanten, hübschen <%• sichte»» der Indciitöckiter um, von denen die Romanschreiber 'spreche» und die, den »»scheinbaren „Rosen von Jericho" gleich, ver-" borge» in des Ghettos dunklen (Kasten blühen solle». Wir erblicken keines, daS uns an die liebliche», blaffen Inge der Jüdinnen erinnert hätte, welche wir so gern und so oft am Bersöhnungstage in de» Snnagogen betrachten konnten. — Noth und Arnnith haben hier ihren traurigen Einstnsi ans sie geübt, allmfrüh die Jugend gebannt und galten in s Gesicht gezogen. Die Inden der Petifoat-Lane lebe» iin Allgeineine» in sehr traurigen Berhältnisten dicht aneiiiandergeprest», obwohl ihnen jeder andere Stadltbeil offen steht und sie in Regent-Street ebenso gut ihre Wohnung nebmen könnten, als ivie hier. Ein Gesi-st bannt sie nicht in diese (Kasten sondern ihr eigen (Kefühl und Verstand denn diese sagen ihnen, das« sie anderwärts Hn»gers sterben müßten. während hier sich oft der Glaubensbruder ihrer erbarmt und sein Stück Brod mit dem Armen theilt. Da» Schlimmste ist eben, daß dir »venigsten von dcil Juden diese- Stadtthrilrs Engländer sind, oder «mch nur englisch vcrstehen. Es sind Pole» und Rüsten, die von den» schrecklich auf ihnen ruhenden Druck der rustischcn Regierung einerseits, »vie von der Armuth andererseits aus der Hciinat verjagt worden sind und gerade England zun» vermeintlichen Fundorte des (Alückes sich ausersehen haben. Dhne auch nur eine Idee von der englischen Sprache zu haben, koinnien sic ii» London an — das ohnehin Hundcrttauscnde von Bettlern beherbergt, oder richtiger, „auf dem Pstastcr schlafen" läßt. Jedes Hamburger Schiff bringt 20 -bis 2ö solcher polnischen oder rustischcn Juden. Die meisten bcsisten gar nichts und noch »veniger verstehe,» sie ein Handwerk. Ist daö lcsttere dennoch zuweilen der Fall, so kann der Ankömmling kann» Arbeit finden, denn der Engländer nimmt keinen in sein Geschäft, der nicht Englisch versteht, Wer nicht Eiiglisch spricht, der kann ja gar kein „(Kentleman" sein! Und hätte er auch nicht dieses Borurthell, er könnte den Inden, wie er in London ankömmt, unmöglich beschäftigen, oane sich selbst ju schaden, denn der Jude ist für die erste Zeit wenigstens fronnn, arbeitet am Samstag nicht, ja hört schon am Freitag Nachmittag auf zu arbeiten -- der Ehrist aber läßt am Sonntag nicht arbeiten, und so gehen 2 bis 2' „ Tage wöchcntlich verloren. Dazu kommt noch die Reinlichkeit, die der polnische Jude ans der Heimath mitbringt — nun von dieser wollen »vir hier nicht svrechen. denn jeder Leser weiß bereits, wie es mit ihr steht. | lim mm wenigstens dem größten Elende vorzubengcn, haben die bemittelten Inden Londons einen Verein „the Board of Guardian gestiftet, dessen Mitglieder aufs eifrigste die Leiden ihrer Glaubensgenossen zn lindern bestrebt sind. Sobald der neue Ankömmling nur Fuß in London gefaßt hat. stellt er sich auch schon vor, um eine llnterstüpung von einigen Schillingenin Empfang zn nehme», mit welchen ec bald darauf einen Handel mit Zündhölzchen, Stahlfedern ». s. >»>. cmfängt. Mühselig fristet er seine Tage und dünkt sich glücklich, gelingt cs ihn», sein Vermögen auf ein Pfund Sterling zu bringen. Denn nnn überläßt er seine kleinen Maaren einem Andern und durchzieht die Straßen Loitdons tagübet mit den» Rufe: „016 Clo“ (alte Kleider), welche er abend» auf