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Die Gegenwart · 1870-05-06 · 19 (6.5.1870) · p. Seite 186

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
19 (6.5.1870)
Date
1870-05-06
Page
Seite 186 (sequence 6)
Language
German
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186 —! I Ung.-Brod am 2. Mai. (O.-K.) Geehrter Herr Redakteur! Erlauben Sie mir die in Ihrem geschätzten Blatte unlängst gebrachte Orig.-Corresp. Aber den Stand der hierortigen Schule dahin zu ergänzen, ^>aß die löbl. Repräsentanz in Ausführung ihreschon längst gefassten Beschlüsse- — die bisher getrennt gewesenen Schul« Aocalitätcn zu vereinigen — in der Sitzung vom 18. d. M. «in zu diesem Zwecke ganz geeignete- Hauangekauft hat, um ein den Anforderungen der Jetztzeit und den Verhält« nisten der Kinderzahl, deren Anzahl nahe zu 260 ist, entsprechende-Schullokale Herstellen zu lassen. Der nun bald abtretenden Gemeinde-Repräsentanz, an -eren Spitze Hr. S. Dl. Brammer als Bürgermeister steht, und dem die Herren I. M. Zweigenthal, W. Frankl und 9. Zweigrnthal als Räthe treu zurSeite sind, gebührt dawolverdiente Lob während der Zeit ihres Regime-, ohne daß .Ihnen besonders erhebliche Mittel zur Verfügung gestanden, -mit besonderer Umsicht und Energie alles gethan zn haben, was zum Wole und zur Hebung einer Gemeinde wesentlich geeignet ist. Insbesondere gilt dies von der Einführung eines geregelten Gottesdienste-, welcher sich in den letztverfloffenen Feiertagen wiederholt musterhaft bewährte. Die Gemeinde hat aber auch durch die Aufnahme de- Hrn. Anton Löwin« ger als Obercantor eine glückliche Aquisizion gemacht. Der« selbe, in Theorie und musikalischer Bildung ein treuer Schüler Gulzer-, in Modulation und technischer Fertigkeit dcn berühmtesten polnischen Meistersängern ebenbürtig, hat durch seinen unermüdlichen Fleiß in dem kurzem Zeiträume von kaum zehn Monaten einen wolgcschnlten, mehr als 20 Köpfe zählenden Chor sich herangebildct, und er selbst leitet den Gottesdienst mit so viel Männe und Innigkeit, daß alle Anwesende, selbst Leute der ältesten Dichtung seinem Bortrage mit unbeschreiblicher Andacht lauschen, und gehoben und erbaut, wie sonst nie — da- Gotte-Hanverlaffen. Es ist zu hoffen, daß die Gemcindrmitglieder am 15». Juni, wenn sie zur Wahlurne schreiten, um das Wol und . Gedeihen ihrer Gemeinde« Institutionen dem Gewissen und der Umsicht neuer Vertreter anzuvertrauen, die Errungenschaften der nunmehrigen Vertretung nicht unterschätzen, und den intelligenteren Theil derselben, welcher auch der größte ist, wiederwählen werden. Pest, 2. Mai. (O.-K.) Die Wirren, welche die Einberufung de- Kongresses onrichlete, nehmen seit der Sistirung der Kongreffbeschlüffe größere Dimensiouen an. ES lässt sich nicht verhehlen, daß Zwietracht und Parteilichkeit schon seit zwei Decennicn in dcn ung. isr. Gemeinden nicht mehr zu dcn Seltenheiten gehör« len: hier sah man einen Rabbiner, der über die Stellung de- Almemars oder über die portugisische Aussprache des Kantorbei der Statthalterei Beschwerde erhob, da wollte sich <ine fortschritt-freundliche Gemeinde ihrezu altmoderncn Rabbinerentledigen; aber solche Streitigkeiten kamen fast nur in den seltensten Fällen vor da- Forum der Oeffent- - lichkeit, und wurden meistenim Stillen geschlichtet. — An« derist ejetzt. Die Emancipation wurde in ung. Reichs« rathe ausgesprochen, und die Juden wollen sich ihrer würdig zeigen; Sie wollen ihre Synagogencinrichtung ihrem Gottesdienste einen zeitgemäßen Anstrich geben und da stellen sich ihnen die orthodox sein wollenden Rabbiner geharnischt «ntgcgen. Diese Leute, die wie jener Talmudift in Prag, von dem die Fama wissen will, daß er einst vor Gericht geladen, sein Fernbleiben durch seine Frau entschuldigen ließ, -aß er ein großer Gelehrter ergo weder schreiben noch lesen kann, wissen ganz gut, daß solche Neuerungen für sie zur Existenzfrage werden; denn ein zeitgemäßer Gottesdienst verlangt auch einen Rabbiner, der eine andere Sprache alden Jargon spricht. Alin Congrcsse die Seminarfrage angeregt wurde, verließen diese orthodoxen (?) Rabbiner sammt und sonderden Saal. Wa» Wunder wenn sie gar kein Mittel für unerlaubt halten, um der Strömung der Zeit entgegen zu arbeiten. Wie jener Sultan audem Grunde die alexandrinische Bibliothek verbrannte, weil alle- Gute im Koran steht, und was nicht im Koran steht, nicht gut ist, so sprechen diese Leute von Talmud und Schulchan-aruch. Mit scheelen Augen sehen sie darum Eisenbahnen und Telegrafen an, weil sie nicht der Talmud erfunden hat und betrachten jeden als Ketzer, der nicht eine tüchtige Portion Ha - man klopft. — Hier in Pest, wo von jeher eine Gemeinde war, wollen sie mit aller Gewalt eine besondere orthodoxe Gemeinde gründen und agitiren zu diesem Zwecke auf der unverschämtesten Weise, so z. B. stellten sie sich am 2. Osterfeste vor drni CultuStcmpel mit gedruckten Aufrufen in der Hand, welche sie den aus dem Tempel Gehenden in die Tasche sielten. Auf diesen Aufrufeu waren die Worte zu lesen „euer CultuStempel ist ein Götzentempel und deren Besucher Götzendiener.- Die hiesige Gemeinde geht aber mit allem Ernst daran diesem Treiben Einhalt zu thun. *** Liberal und klerikal. Die Repräsentanz, die sonst liberal ist, wenn cs sich handelt, nach einem Orden oder einer Ehrenstelle zu schnappen, pflegt zuweilen an klerikalen Schwindel zu leiden, den zu heilen, eS bisher keinem der drei in der Repräsentanz sich befindenden Ärzte gelungen ist. Der Schwindel stellt sich gewöhnlich ein, wenn ein Jude stirbt, bei dem auf Honoratioren oder nichtjüdische Leidtragende gerechnet wird. Vorerst muß in allen Blättern ein Heidenj spektakel gemacht werden, der fast den Todten wieder ins i Leben zurückrufen könnte; dann wendet sich die Repräsentanz auf schriftlichem Wege an die jüdische Geistlichkeit, auf daß diese, sonst von ersterer verpöhnt und zurückgesetzt, einen TrauermaSkenzug veranstalte. So kommen diese geistliche Herren vom Dicksten bis zum Dünnsten wie ein Vehmgericht dem Leichenwagen nachmarschirt, der des allgemeinen Fortschrittewegen von sechs Pferden gezogen werden muß. Zudem wird, um die Leidtragenden ein wenig zu zerftteuen, j ein ambulante- Conccrt aufgeführt, bei dem der Cantor als erster Tenor auf offener breiter Strasse eine Solopartie vorträgt, die dem Verstorbenen recht gut behagen soll. Die Repräsentanz, von der eden andern Tag in den Tagesblättern heißt, daß sie mitgegangen ist, worauf sic natürlich — aber kein anderer — stolz ist, tröstet sich nach dem lustigen Trancrzuge damit, daß sie zu'den „feschen Kampelnzählt. Den vernünftigen Juden wird eine solche Flausokratie der Repräsentanz in seinem Urtheile nicht beirren, und er weist derartige komödienhafte Institutionen zurück, mit denen die Juden lächerlich gemacht werden. Während früher die Einfachheit bei jüdischen Leichenbegängnissen die Achtung und Anerkennung der Nichtjudcn erlangte, geht man heute daran HokuSpokuS zu machen. V Noch immer keine Bibliothek. Der verstorbene Herr Prof. Wessely hat dcn jüdischen Theil seiner reichhaltigen Bibliothek der pragcr Jsraeliten-Gemeinde vermacht, während er dcn profan wisscnschaftlichcn Theil dcm Piaristenkoüegium tcstirle. ES besitzt demnach die Gemeinde eine Landaubibliothek, eine Rappaportbiblivthek, eine Wesselybibliothek u.s. w. aber noch immer keine Bibliothek, trotzdem zu dcm Zwecke ihrer Aufstellung und Verwahrung inS Budget pro 1869 500 fl. und pro 1870 ein gleicher Betrag eingestellt wurden. %* Doppelte» Almosen. Von einem Gemeindemttgliede, dain Folge des bekannten Rundschreibens der Armenkom- Mission auf den Leim gegangen ist, wird unS geklagt, daß es trotz der Abfindungssumme von Bettlern belästigt wird, und sich ihrer Besuche nicht entledigen kann. V Die lästige Sammelbüchse. Bei jeder Trauung, die in Privathäusern stattsiudet, ereignet esich, daß die Aebtisstn

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