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Die Gegenwart · 1870-05-06 · 19 (6.5.1870) · p. Seite 187

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
19 (6.5.1870)
Date
1870-05-06
Page
Seite 187 (sequence 7)
Language
German
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187 — der „frommen Weiber* mit einer Sammelbüchse die weiblichen Gäste nahezu belästigt, und ihnen zwischen die Finger sieht, ob sie standesgemäß den Peterspfennig in die Büchse werfen. ES ist Zeit, daß man von dieser Unsitte abkomme und wir empfehlen der jüdischen Armenpolizei, ein Cirkular ergehen zu lassen. V Was auf uns paßt. Dain Berlin erscheinende „jüdische BollSblatt* bringt in seiner letzten Nummer einen Artikel, in dem die Kämpfe und Leiden einer jüdischen Zeitung geschildert werden. Der geehrte jüdische Leser der „Gegenwart* wird finden, daß der Berliner seine Pappenheimer kennt, und der deutsche Artikel recht jut auch auf die böhmischen Juden paßt. Nun so hören Se mal: „Materielle Bortheile von einer jüdischen Zeitung, und noch dazu im ersten Jahre ihre- Bestehen-? - Ich sehe ein feine- Lächeln den Mund gewiegter Kauflente, wenn sie dielesen, umspielen; denn sie wissen gar wohl, daß die Aktien einer jüdischen Zeitung nur Minus«Dividenden abwerfen. Wozu soll überhaupt ein jüdische- Blatt! ruft der Eine an-, der gar kein Berständniß von der Bedeutung und dem Einflußder Presse in unsrer Zeit hat. Der Andre nimmt eine Rau tmi^ undTcdeSko M nicht in- Mittel legen kann judenfreundlicke Miene an, legt dawohlweise Gesicht in Falten und bemerkt mit bedächtigen Worten zu seinem Nachbar, der ihm eine jüdische Zeitung zur Lektüre empfiehlt: „Damacht nur Rfichuß, ich abonnire nicht.* Das Urtheil ist also bei ihm fertig, ehe er noch einen Blick in ein solche- Blatt hineingeworfen hat. Nun kommen die Kritiker, die bei einem jüdischen Blatt aufast der Hälfte der Abonnenten bestehen. Da wird jeder Satz, jede Wendung unter dascharfe Sccirmesser der Kritik gebracht; dieser findet viel zu wenig Polemik in der Zeituüg; jener will ein milder Frieden-engel sein und wünscht, daß selbst die gefährlichsten Feinde mit weichen Sammetpfötchen angefaßt werden; der Eine findet zu wenig Gelehrsamkeit in der Zeitung und zu viel Unterhaltnugsstoff; der Andere wünscht nur eine UnterhaltungS- Lectüre zur guten Verdauung de- Schaleth am Sabbath, und möchte allen gelehrten Stoff aus der Zeitung verbannen. Kurz, während bei einer andern Zeitung der Inhalt ohne weiteres hingenommen wird, wird bei einem jüdischen Blatte jeder Silbergroschen Abonnementsgeld in eine kritische Münze umgewandelt. Ja, man geht so weit, den Redakteur gelegentlich zu interpelliren. So ist eS uns erst neulich paffirt, daß Herr G. L. wegen eine- Artikels, der ihm just nicht paßte, uns auf offner Straße mit einer salbungsvollen Rede zurechtwies und uns bei Wiederholung derartiger RedactionS-Sündcn mit Entzichnug seines Abonnements bedrohte. Kann das dem Redakteur einer politischen Zeitung passircn? Würde man solches überhaupt wagen?* V Iudenkrawall. Der „Presse" wird, so meldet die „Bohemia*, aus Senfteuberg geschrieben: Am 27. v. M. war in Wlchftad tl Deutsch. Bcz. Grulich) Jahrmarkt. ES regnete und nur die Marktbesucher, welche unter den „Lauben ihre Plätze hatten — zumeist Inden — konnten ihre Maaren auspacken. Das verdroß die „verregneten" Eoncurrenten sehr und bald war ein Krawall gegen die jüdischen Marktbesucher fertig. Die Unzufriedenen zogen zuerst zur Bude des Handelsmannes Leopold Gottlieb; dort wurde von den Concurrenten mit dem Abreißen augehäugter Tücher begonnen. Der Plan schien, die Juden zu provociren und bei dem geringsten Widerstande derselben über sie herzufallen und sie zu mißhandeln. Die Juden ließen sich aber in Anbetracht ihrer Minderheit nicht Hinreißen, trotz der fortwährenden Rufe: „Haut sie nieder, die Juden, die Betrüger, heut' iS Judamarkt, Betrügermarkt!* u. s. w. Die anwesenden Gendarmen waren nicht im Stande, der Menge die Spitze zu bieten, daher der Bürgermeister die Finanzwacht um Hilfeleistung ersuchte, welche auch der Aufforderung Folge leistete. Allein/kaum erschien dieselb^ wurde sie von den Tumultnanten aüfs Gröblichste verhvhüt. „Die Preußen kommen, geht Euch verstecken, zieht Eivilkleider an!" .Die» waren die Zurufe, mit denen die Wache empfangen wurde, welche sich aber dadurch nicht abschrecken ließ und die aufgeregte Menge zerstreute. Besonder» brav benahm sich dabei Herr Oberaufseher Ceynar, welcher auch durch passende Ansprachen an die Menge beruhigend wirkte, so daß sie vom Dreinschlagen unfr Plündern abkam. Da indessen die Zahl der Tumultuanten sehr groß war und die bewaffnete Macht viel zu gering, auch die Rufe, die Juden sollen einpacken, nicht aufhörten, so ersuchten der Bürgermeister und die Gendarmen die jüdischen Kaufleute, einzupacken, da für den weiteren Verlauf deS Krawalls sonst nichts Gutes zu ahnen sei. Die Juden leistete» auch der Aufforderung Folge, schickten die zahlreichen, bei deren Buden anwesenden Kunden fort und packten um L Uhr Nachmittags ihre Maaren ein, also zu einer Zeit, w» in kleinen Marktorten da- Geschäft eigentlich beginnt. Wagte es ein Jude doch, inzwischen einem Käufer Maaren noch vorzulegen, so waren gleich Concurrenten mit geballten Fäu-- steu da, die Alles zusammen zu hauen drohten, wenn ein Kauf beginnen würde. Der Krawall war zumeist von Schuittwaarenhändlem aus Schenkowitz. Worlitschka, Schönau, Grulich u. s. w. angestiftet. — Schade, daß die Freiheit-Helden, ten, sie hätten wenigstens von deutscher Bruderliebe, deutscher Gleichheit und deutscher Faust, einen empfindlichen Be^ griff erhalten, um daun frisch, froh und frei mit einander tanzen und singen zu können: Gott wie schön ist lkeS Deutschen Vaterland! *** Polnisches Journal. Der Israelitenverein in Lemberß hat beschlossen eine polnische Zeitschrift zu gründen, welche sich nebst der Vertretung jüdischer Interessen daü Hiuwirken auf die größtmöglichste Annäherung der jüdischen Bevölkerung an der christliche zur Aufgabe stellt. V Heilige Neberreste. DaS „Eornite für ungesäuerte Brode" hat ein jo brillantes Geschäft gemacht, daß eö jetzt über circa 40 Ctr. Mazzes verfügt. V Prodepredigten Wie unS aus Frankfurt a. M. mit- ‘ getheilt wird, befindet sich auch unter den Bewerbern um den durch Geigers Ruf nach Berlin erledigten Predigerposten Herr Dr. Wilhelm Klernperer, ein geborener Prager, derzeit Prediger in Landsberg a. d. W. Er wird demnächst in Frankfurt eine Probepredigt hatten. — Samstag den 14. Mai wird in Pest der Prediger der Mriselsynagogc Herr Dr. A. Stein, eine Probepredigt halten; ihm folgen dann Dr. Beck in viffa und Dr. Kaiserling in der Schweitz. V Prediger-Mannheimer-Stistung Am 17. Oktober d. I. gelangen in Wien die Zinsen der, Prediger-Manuheiiner« Stiftung* zur Vcrthcilung. Anspruch ans diese Unterstützung haben Rabbine», Prediger und Lehrer in Oesterreich, welche dienstunfähig geworden sind, oder deren Witwen und Waise». Die Bewerber müssen in einer Gemeiudc, welche mindesten» fünfzig Mitglieder zählt, wenigstens durch zehn Jahre da» Amt in würdiger Weise verwaltet haben. Beamte großer, notorisch reicher Gemeinden sind ausgeschlossen. Die Würdigkeit der betreffenden Beamten, sowie die Dicnstunfähigkeit sind nachzuweiscn. Gesuche sind längstenbi» am 15. Juli d. I. au die israelitische Gemcindekanzlei in Wien unter der Adresse: „Euratorium der Prediger-Mannheimer-Stistung* zu übersenden. *** Hospilals-Stistung. Der Badearzt Herr Sanitätsrath Dr. Schiucttcs in Teplitz hat die Stelle eine» ordinirenden Arztes am dortigen israelitischen Fremden- Badehospitalc inedergelegt und bei dieser Gelegenheit zwei Tausend Gulden Silberrente zu einer Stiftung gewidmet, aus welcher solche Kranke, welche ungeheilt aus dem genannten Hospitale entlassen werden und von den Mitteln zur Rückreise entblößt sind, einen Reisebeitrag von fünf bi» zehn Gulden Silber erhalten sollen. Inland. . Wie». (Der Verein zur Versorgung hilfsbedürftiger Waisen der israel. Kultus»»^ »jJ j t'Huyr.

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