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Die Gegenwart · 1870-05-06 · 19 (6.5.1870) · p. Seite 183

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Journal
Die Gegenwart
Volume
III (1870)
Issue
19 (6.5.1870)
Date
1870-05-06
Page
Seite 183 (sequence 3)
Language
German
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183 tion billigen, und bringt folgenden Antrag rin: .Behuf» Berathung über Herstellung de« Frieden« unter den stteitigen Parteien möge eine Commission, bestehend au« 10—15 Mitgliedern. entsendet werden, in welche jedoch kein gewese- «er Kongreßdeputirte gewählt werden möge." Der Antrag wird einstimmig abgelrhnt. hingegen die vom Präses zur Verlesung gebrachte Resolution angenommen, und zuglnch der Beschluß gefaßt, daß der Vorstand mit Eingabx_einer Petition in geeigneter Weise und Zeit an den Reichstag bettaut wird. Die Resolution lautet: .In der am 18. März d. I. abgehaltenen Sitzung de« hohen Abgeordnetenhauses sind in Folge einer vom „Schomre-Ha-dath"-Vereine und von angeblich 305 jüdisch, ungarischen Gemeinden eingereichten Petitionen die heiligsten Interessen der vaterländischen Judenheit zur Sprache gekommen. Auf Grundlage der in dieser Petition angeführten Angaben sind dabei Gesichtspunkte aufgestellt und vorgebliche Thatsachen konstatirt worden, welche diese Interessen auf da» Crnstlichste gefährden, und der Wahrheit ebenso widersprechen, wie sie für die gedeihliche Cntwickeluug, ja für den Fortbestand der ungarischen Judenheit die schädlichsten Folgen haben müsien. .Angesicht« dieser Vorgänge, deren stillschweigendes Hinnehmen eine schwere Unterlassungssünde wäre, hält die Repräsentanz der Pester israelitischen ReligionSgemeindc es für ihre Pflicht, zu erklären: .Daß die Behauptung, es gäbe in Ungarn zwei verschiedene jüdische Sekten, ebenso unwahr, als für das jüdische Gesammtnnd Gemcindeleben gefährlich ist. „Diese Behauptung ist unwahr, weil die Thatsachen sie Lügen strafen. „Bei allen Vorgängen, welche die ungarische Judenheit in der letzten Zeit bewegten, ist auch Nicht« geschehen, waS zu einer derartigen Annahme berechtigte. Neue Sekten stellen neue Dogmen auf, oder erklären alte für abgeschafft. Das aber ist unseres Wissens in Ungarn von Seiten keiner einzigen Gemeinde oder Körperschaft geschehen, in unserer Gemeinde aber ganz entschieden nicht der Fall. Sie hat sich gleich vielen anderen allerdings auf Grund der Kongrcßstatuten konstituirt; daß aber diese Konstituirung auf unser unS dicS Wort im Ghetto Londons entgegen. Durch eine zahllos scheinende Menschenmaffe uns windend, gehen wir langsam Whitechaprlstrret hinan, kaffen Houndsditch links, MinoriS und die nicht im besten Rufe stehende BuckleS-Street rechts liegen und nähern unS Peticoat-Lane. 20 Schritte vorher stoßen wir auf einen Schwann von Kinder», die im Moment an unserer Rase, wie am Schnitt unseres RockcS erkennen, wer wir sind, und mit lautem Geschrei auf uns loßstürzeu. „Mtebes, Sir, buy some matches, Sir! Very good matches — Kaken Sie Zündhölzer, sehr gute Zündhölzer, Herr" — ruft der Eine; ein kleines, schmutziges Mädchen drängt fich mit Hühneraugenringcn, ein anderes mit Radeln und Zwirn, ein drittts mit Pomeranzen an uns. Die mannigfachsten Waaren werden uns angeboten: Stahlfedern, Zündhölzchen, Eigarrrnspitzen, Pfeifen, Puppen, Raffrmeffer, Kuchen, Rüfle, Arpfel, Kastanien. Zcitungen re. Wehe uns, wen» wir einen Penny sehen lasten! So gern wir dem einen oder dem andern kaum zehnjährigen Kinde mit seinen dunkeln, glänzenden und klugen Augen etwas geben möchte», wir dürfen nicht, denn sonst setzten wir und der Gefahr an«, auf eine halbe Stunde von der übrigen Schaar verfolgt zu werden.— Wir gehen weiter und stehen am Eingänge der Gaffe, können aber nicht hinein. Eine Menge meist in jüdisch-polnischer Nationaltracht gekleideter Männer empfängt unS, mit langen, wohlgrringelten Lvkken zu beiden Seiten dcS Gesichtes und langen, spitzigen Bärten, die nur zu oft Spuren dcS Nachtlagers — Etrohsplittrrchen, denn woher sollten Federn kommen, oder auch kleine,» Resten der Mahlzeit enthalten. An den langen Kaftans, die ehemals tief schwarz und glänzend, jetzt aber in rin zweifelhaftes Braun und schmutziges Grau fich verwandelt haben, ersehen wir, daß »ott gute Bekannt» aus her Heimat — polnische Juden vor uns haben. Sie de« religiöse« Leben keinerlei Einfluß geübt, beweist die Thatsache, daß unsere Liturgie, unsere gotte-dienstlichen Einrichtungen und unsere ganze Gemeinde - Gebahrung nach wie vor ganz dieselben geblieben sind und in dieser Beziehung nicht das Mindeste geändert worden ist. „Die Bekenner der jüdisch-traditionellen Lehre, wenn auch in Liturgie und in religiösen Bräuchen unter einander noch so verschieden, wir eS z. B. die polnischen, deutschen, scphardischrn und chassidäischen Juden sind, haben doch von jeher auf dem ganzen Erdrunde ein einheitliche- Judenthum gebildet und sich gegenseitig nie als Sekten ausgeschloffen. „Wollte man jetzt dathun, waS-früher nie und nirgenS geschehen ist, und durch diese vorhandenen Abweichungen die Existenz von Sekten begründet wollen; so gäbe e» deren nicht zwei, sondern unzählige, und die ungarische In» denheit müßte in Atome zerstieben. „Eben in diesem Umstand« liegt da- Gefährliche dieser an sich unrichtigen Behauptung. „Sie muß in ihren Konsequenzen unsere Kräfte zersplittern-und-nnsere GlaubenSeinhrtt sprengen. Sie gefährdet unser Gemeindelebrn und den Fortbestand unserer Wohlthätigkcitö- und Unterrichtsanstalten und muß schließlich da» Gemeindc-Eigenthum zum Zankapfel der Fraktionen machen, die durch diese vor den Augen deganzen Lande« ausgestellte Behauptung, geradezu herauSgefordert und ermuthiget, an vielen Orten erst geschaffen werden. „Wir erklären, daß wir dadem hohen Landtage vorgelegte Gesetz über die Religionsfreiheit fteudig begrüßen. Wir unsererseits erkennen allen, innerhalb der ungarischen Judenheit bestehenden Richtungen mit Fortbestand des unantastbaren einheitlichen JudrnthumS ihre Berechtigung j« und wollen Keiner einen Gewissenszwang angethan wissen. „Wir verwahren unS aber auf das Entschiedenste dagegen, daß wir oder irgend ein Bruchtheil unserer Gemeinde eine neue jüdische Sekte gebildet oder auch nur zu bilden beabsichtigt hätten. (P. Lld.) wachen wie Dogge» den Eingang in dir schmale Kaffe. Kein Fremder kann hinein, ohne von ihnen Erlaubniß zu haben und wir glauben, daß sich niemals Einer rühmen wird, unangefochten zwischeu ihnen hindurchgekonnnen zu sein. Im Ru find wir von einem Kreise eingrschloffen. Nothing,to seil, Sir? Riz zu verkäsen. Herr? — Rn lasse Er mich wo« haben, Herr l — Buy very nice boots, coats, trowsers, Sirl — Käsen Sr schöne neue Stiesel, Röcke und Hefen, Herr, — ertönt t« rechts, links, vor und hinter uns. „Mir brauchen nichts I" geben »vir barsch zur Antivvrt. „Aha, versteh schon — gehen str nur langsam voran« in ein Hau-, dort seht un« kaner." flüstert »nir ein Alter ju; „gehen Se nij mit den, der schiniert Ihne an," flüstert ein Anderer, — und immer dichter »vird da« Geivoge un» »in« her. Mit vieler Mühe endlich gelingt e» uns, in den» lebendigen Wall eine Bresche zu schaffen, und durch sie schlt'ipfen wir in die Gaffe. Aber langsau», — wollen wir hier nicht einen Tisch mit geräucherten Häringen, dort einen Karren »nlt Rüffrn und Orangen, oder nebenan den auf losem Gestelle liegenden Kuchen uinivrrfrn und ain Ende selbst in den 2 bis .'t Fuß tiefen Schmutz stürzen. Die Petikoat-Lane in höchstens sechs Fuß breit, was auch die Häuser hier seltsam hoch erscheinen läßt. Das Pflaster der Gaffe ist nicht zu sehen, denn ein ewiger, schwarzer, übelriechender Schlamin bedeckt eS vollständig und nie dringt ein wärmender Strahl der Sonne hier herein. Die Häuser erscheinen hier von Außen— ebenso wie iin übrigen Osten — unfreundlich und kaum bewohnbar; doch ist das Innere derselben gewöhnlich etwas bester gehalten, wozu der Spekulationswie der Handelsgeist des Elgrnthümrrs beiträgt. Die »nannigfaltlgstrn Waareulager find darin ausgrsprichrrt. und zwar stet vor den Augen aller Nett; denn der Jude ist nicht ' 10*

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